ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Eine Zugfahrt mit Patricia Highsmith

Wie bei Agatha Christie war es auch bei Patricia Highsmith ein ganz bestimmtes Buch, das entscheidend dazu beitrug, dass aus einem achtjährigen Mädchen eine gefeierte Autorin weltberühmter Kriminalromane wurde. Ihr Debüt hieß "Zwei Fremde im Zug".

Stand: 30.01.2017

Das Buch, das die achtjährige Patricia Highsmith bei ihrer Großmutter im Regal fand und las, hieß "Die Seele des Menschen" von dem Psychologen Karl Augustus Menninger. Ihn hat interessiert, wann und wie ein "normaler" Mensch zum "Verbrecher" wird. Diese Lektüre und sicherlich auch die eigene Lebenserfahrung prägten Highsmiths Ansicht vom Bösen, das für sie einen unvermeidlichen Bestandteil der menschlichen Natur darstellte. In ihren Romanen geht es weniger um die Auflösung der Verbrechen, sondern um die Umstände, die überhaupt erst zu ihnen führten.

Komplizen wider Willen

So auch in ihrem ersten Roman "Zwei Fremde im Zug". Guy Haines ist ein bekannter Architekt und auf dem Weg zu seiner von ihm getrennt lebenden Frau Miriam, von der er sich scheiden lassen will. Haines hat sich in Anne, die Tochter eines reichen Unternehmers verliebt und möchte sie heiraten. Miriam aber will mit der Scheidung noch warten. Im Zug drängt sich ihm der bereits leicht betrunkene Charles Bruno auf, ein reicher Lebemann, der Haines gegen seinen Willen immer wieder ins Gespräch verwickelt. Bruno stellt fest, dass sie beide glücklicher wären, wenn es einen bestimmten Menschen in ihren Leben nicht gäbe. Bruno nämlich hasst seinen Vater und möchte endlich an dessen Vermögen kommen. Er schlägt "das perfekte Verbrechen" vor: Er würde Miriam umbringen und Haines im Gegenzug Brunos Vater. Danach würden sie den Kontakt abbrechen und da beide ein Alibi hätten und keine persönliche Verbindung zwischen ihnen bestünde, würden sich die beiden Morde niemals aufklären lassen. Haines will davon nichts wissen, hält es für Geschwätz. Er steigt von Bruno unbemerkt aus dem Zug. Zehn Tage später ist Miriam tot - erwürgt. Für Haines beginnt ein Alptraum.

"Zwei Fremde im Zug" ist nicht zuletzt eine Geschichte voller Verletzungen, und Highsmith wusste sehr gut, wovon sie da schrieb. Ihre Eltern hatten sich noch vor ihrer Geburt im Januar 1921 scheiden lassen. Als sie drei war, heiratete die Mutter den Grund für diese Scheidung, den Künstler Stanley Highsmith. Patricia wuchs bei ihrer Großmutter auf. Die Beziehung zur Mutter war von Verletzungen geprägt, denn die erzählte ihr abwechselnd, wie sehr sie die Tochter liebte und dass sie erfolglos versucht habe, sie abzutreiben. Highsmith fing früh an zu schreiben, sie galt als hochbegabt und war schnell erfolgreich. Alfred Hitchcock erwarb die Filmrechte an "Zwei Fremde im Zug", ihre Romanfigur Tom Ripley wurde berühmter als der Autorin lieb war und trotzdem wurde sie als Schriftstellerin nicht hofiert, sondern meistens herumgeschubst wie eine Drehbuchautorin.

Inzwischen wird ihr Werk längst zwischen diejenigen von Camus und Dostojewski eingeordnet - was nicht zuletzt ihrem psychologischen Scharfsinn zu verdanken ist. Ein Beispiel:

"Am Sonnabend ging er mit Anne zu einer Hundeschau in Long Island. Seine Gedanken waren bei Bruno. Wenn Bruno seine Drohung nun doch wahrmachte - was konnte er Anne erzählen? Wenn Bruno den Brief geschrieben hatte, so mußte Anne ihn Sonnabend erhalten haben. Offenbar hatte sie nichts bekommen; er sah es ihr an, als sie ihm vom Wagen aus zuwinkte, in dem sie auf ihn wartete. Er fragte sie nach der Party gestern abend; ihr Vetter Teddy hatte Geburtstag gehabt.
‚Wundervoll war es - bloß hatte keiner Lust nach Haus zu gehen. Ich bin über Nacht dort geblieben, weil es zu spät wurde. Ich hab mich noch nicht mal umziehen können.' Der Wagen tat einen Satz durch das schmale Tor hinaus auf die Straße.
Guy presste die Zähne zusammen. Der Brief konnte also bei ihr zu Hause liegen. Er war plötzlich ganz sicher, daß er da lag. Jetzt war er nicht mehr aufzuhalten. Ihm wurde schwach.
Verzweifelt versuchte er, irgendwas zu sagen, als sie an den Reihen der Hunde entlanggingen.
‚Hast du von den Shaw-Leuten gehört?' fragte Anne.
‚Nein.' Er starrte auf einen unruhigen Dackel und versuchte aufzunehmen, was Anne von einem Dackel in ihrer Familie erzählte.
Sie wußte noch nichts, dachte er; aber es konnte sich nur noch um ein paar Tage handeln, bis sie alles wußte. Was denn eigentlich, fragte er sich immer wieder und wiederholte auch immer wieder die gleiche Antwort - ob als Beruhigung oder aus Selbstquälerei, das wußte er nicht: daß er im letzten Sommer auf der Reise einen Mann kennengelernt hatte, der seine, Guys, Frau umbrachte; und daß er damit einverstanden gewesen war. So jedenfalls würde Bruno es darstellen und noch mit einigen überzeugenden Einzelheiten ausschmücken."

(Patricia Highsmith: Zwei fremde im Zug. Übersetzt von Anne Uhde)


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