ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Oskar Maria Graf - "Das Leben meiner Mutter"

Die Nazis hätten ihn gerne als Heimatdichter vereinnahmt, aber Oskar Maria Graf war nicht nur ein vehementer Pazifist, er bestand auch darauf, dass die Parteichargen nachträglich seine Bücher verbrannten. So bekam er ein eigenes Autodafé. Seine Werke zählen heute zur Weltliteratur.

Stand: 05.07.2016

In Berg am Starnberger See kam Oskar Maria Graf 1894 zur Welt. Sein Vater war Bäckermeister, und wie sein älterer Bruder sollte auch Graf das Handwerk lernen, um in der Bäckerei zu arbeiten. Nach dem Tod des Vaters übernahm der Bruder den Laden, schlug den jüngeren mit der Knute, bis der - 17-jährig - nach München floh, in der Hoffnung, dort als Schriftsteller Fuß fassen zu können.

Die Freiheit, den eigenen Weg zu gehen

In München lernte er den Maler Georg Schrimpf kennen, mit dem er 1912 eine Weile in der Künstlerkolonie Monte Veritá im Tessin verbrachte. Was ihm aus dieser Zeit vor allem erhalten blieb, war sein kämpferischer Pazifismus, der ihm in der nachfolgenden Zeit immer wieder Freiheitsstrafen einbrachte. Im Ersten Weltkrieg war er als Eisenbahner an der Ostgrenze. 1916 kam er wegen Befehlsverweigerung vor Gericht, wurde in die Irrenanstalt eingewiesen, wo er in Hungerstreik trat und schließlich aus dem Militär entlassen wurde. Vom Kriegsdienst befreit, schrieb er Pamphlete, beteiligte sich am Streik der Münchner Munitionsarbeiter und unterstützte die Räterepublik, wofür er mehrfach ins Gefängnis kam.

Die Freiheit, für seine Überzeugungen einzutreten

1927 erschien sein Werk "Wir sind Gefangene", das Graf über Nacht bekannt machte. Als die Nazis an die Macht kamen, ging Graf ins Exil nach Wien. Von hier aus beschwerte er sich, dass seine Bücher beim großen Berliner Autodafé nicht mitverbrannt worden waren. Die Nazis holten das 1934 nach, weil sie erkannten, dass in Graf kein zweiter Ludwig Thoma zu erwarten sein würde. Zu diesem Zeitpunkt schrieb er bereits an der Chronik "Das Leben meiner Mutter", die 1940 erschien, als Graf bereits in New York lebte, wo er 1967 starb. Zu seinen Lesern gehörten zahlreiche so renommierte Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin und Bert Brecht, die ihn für seine feine Sprache und seinen empfindsamen Erzählstil verehrten. Ein Beispiel, in dem Graf das Ende eines großen Streits zwischen seinen Eltern schildert:

"'J'etzt geh' ich! Ich sauf' lieber! ... Reden kann man ja doch nicht! Gebaut wird nicht!' schrie der Vater und stampfte aus der Stube. Die Türe flog zu, kleine Mauerstücke lösten sich und fielen herab, die Türe der Kuchl krachte ebenso zu. Nur noch das Schluchzen der Mutter erfüllte die Stube. Schauerlich klang es.

'Mein Gott! Mein Gott! Nie ist Frieden, nie! ... Wenn ich doch gestorben wär'!' verstanden wir, und es erfaßte uns ein jäher Schrecken, ein unsagbarer Schmerz.

'Nein! Nein, Mutter! Nein, nicht sterben! Nicht sterben!' weinten wir heftiger auf und klammerten und an ihre Arme. 'Nicht sterben, Mutter !' Etwas bis dahin Unfaßbares wurde uns auf einmal bewußt ...

Als später die älteren Geschwister von der Schule heimkamen, war die Stube schon wieder aufgeräumt. Unsere Mutter gab auf ihre Fragen nicht an. Sie hatte eine zerweintes Gesicht, und von Zeit zu Zeit traten immer wieder Tränen in ihre Augen, die sie geschwind wegwischte.

Wir zwei Jüngsten spielten nicht mehr, redeten kaum einmal ein Wort, sahen nur hin und wieder auf und suchten bang ihren Blick. Einmal, als es niemand sah, streichelte sie zart, zitternd und wie beschämt über unser dünnes Haar. Eine große Wärme durchrieselte uns dabei."

(Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter)


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