ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Oscar Wilde - "Das Bildnis des Dorian Gray"

Der gebürtige Ire Oscar Wilde war ein Dandy: Er trug sein Haar lang, liebte extravagante Kleidung, glänzte durch akademisches Wissen und außergewöhnliche Eloquenz, aber vor allem war er geistreich. Sein Sprachwitz prägt seine Dramen und seinen einzigen Roman.

Stand: 12.07.2016

Eine zeitgenössische Aufnahme des irisch-britischen Schriftstellers Oscar Wilde (undatiertes Archivfoto). Vor 150 Jahren, am 16. Oktober 1854, wurde Oscar Wilde in Dublin geboren. Nach seinem Tod im Jahr 1990 war es Deutschland, das ihn wiederentdeckte: In den ersten 33 Jahren nach seinem Tod bis zum Beginn der NS-Diktatur wurden seine Werke dort 250 Mal aufgelegt, öfter als die irgendeines anderen englischsprachigen Autors. Heute ist Oscar Wildes literarischer Rang unbestritten. | Bild: picture-alliance/dpa

Wildes Lebensstil kam nicht von ungefähr: Er kam 1854 in Dublin zur Welt, sein Vater war ein angesehener Arzt, der nebenbei Bücher über irische Kultur schrieb. Wildes Mutter dichtete und unterhielt einen Salon, in dem die geistigen Größen Irlands verkehrten. In diesem intellektuellen und künstlerischen Umfeld wuchs Wilde auf, lernte Deutsch und Französisch, studierte klassisches Griechisch an der Universität, zog nach London und erhielt einen Preis für sein Italiengedicht "Ravenna".

Brillant, exzentrisch, schwul

Als Schriftsteller war Wilde überaus erfolgreich. Das Publikum liebte seine Theaterstücke, und seine Erzählungen und Märchen fanden begeisterte Leser. Sein Lebensstil allerdings war für die damalige Zeit zu skandalträchtig, um lange gut zu gehen. Wilde verliebte sich in Alfred Douglas, den Sohn eines Hochadligen, der von diesem Verhältnis zwischen dem Dandy und seinem Sprössling nichts hielt, Wilde sogar drohte und ihn schließlich vor Gericht brachte. Die Öffentlichkeit war gegen den Schriftsteller, dessen Witz und Redegewandtheit ihm im Prozess nichts nützten. Der Richter verurteilte ihn zu zwei Jahren Zuchthaus. Wilde wurde krank. Drei Jahre nach seiner Entlassung starb er verarmt in Paris.

Den Nerv der viktorianischen Leser getroffen

Heute weiß man, wie gezielt Wilde mit seinem Wesen und seinem Witz den Nerv der Zeit getroffen hatte. Nicht zuletzt deshalb war auch sein einziger Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" ein großer Erfolg bei Lesern und Kritikern. Er erzählt hier die Geschichte des außergewöhnlich schönen jungen Dorian Gray, der ein Porträt von sich malen lässt, dem er daraufhin völlig verfällt. Er verkauft dem Teufel seine Seele für die ewige Jugend, statt seiner soll das Porträt altern. Dorian Gray bleibt jugendlich, während sein Bildnis bald alle Zeichen körperlichen und moralischen Verfalls zeigt. Im Zorn ersticht Gray eines Tages den Maler. Als er schließlich das Porträt zerstört, nimmt es die ursprünglichen schönen Züge Grays wieder an, während sich ihm die Spuren seines lasterhaften Lebens ins Gesicht graben.

"'Wie traurig ist das!' sagte Dorian Gray leise und wandte die Augen nicht von seinem eigenen Bildnis. 'Wie traurig ist das! Ich werde alt und gräßlich und widerwärtig werden, aber dieses Bild wird immer jung bleiben. Es wird nie älter sein als dieser Junitag heute. . . Wenn es nur umgekehrt wäre! Wenn ich immer jung bleiben könnte und dafür das Bild immer älter würde! Dafür - dafür - dafür gäbe ich alles! Ja, es gibt nichts in der ganzen Welt, was ich nicht dafür gäbe! Ich gäbe meine Seele dafür!'
'Du wärst mit einer solchen Abmachung schwerlich einverstanden, Basil', rief Lord Henry lachend. 'Dein Bild würde bald schlimm aussehen.'
'Ich würde entschieden protestieren, Harry', sagte Hallward.
Dorian Gray wandte sich um und sah ihn an. 'Das glaube ich dir, Basil. Du liebst deine Kunst mehr als deine Freunde. Ich bin für dich nicht mehr, als eine Figur aus grüner Bronze ist. Kaum so viel, dürfte ich sagen.'
Der Maler starrte ihn erstaunt an. Es sah Dorian so gar nicht ähnlich, so zu sprechen. Was war geschehen? Er schien heftig erregt. Sein Gesicht war gerötet und seine Wangen glühten."

(Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray. Übersetzung: Lachmann/Landauer)


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