ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Molière - "Der eingebildete Kranke"

Molière ist der wohl bekannteste Komödiendichter Frankreichs. In seinem Werk "Der eingebildete Kranke" nimmt er die naive Medizingläubigkeit reicher Kranker aufs Korn. Aber auch in seinen anderen Stücken weist er immer wieder auf die Schwächen der Menschen hin.

Stand: 16.10.2017 | Archiv

Für Molière (1622 - 1673) war das Theater auf den Straßen und den Marktplätzen von großer Bedeutung. Beeinflusst wurde es von der italienischen Commedia dell'Arte. Hier traten seit dem späten 16. Jahrhundert Gaukler und Akrobaten, Schauspieler, Tänzer und Musikanten auf und wetteiferten um die Gunst der Zuschauer.

Einfluss der Commedia dell'Arte

Die prägenden Grundformen und die Figuren der szenischen Anordnung lassen sich auch in Molières Stücken finden: in der Gestalt des Menschenfeindes ("Le Misanthrope"), in der Geschichte des eingebildeten Kranken ("Le Malade imaginaire"), in einem Betrüger ("Tartuffe ou L'Imposteur"), in einem Geizigen ("L'Avare"), in einem Bürger als Edelmann ("Le Bourgeois gentilhomme") oder in der Geschichte von jungen Frauen ("L'École des femmes"), die bei der Heirat lieber ihrem Herzen folgen wollen. Hier war die Technik ein Garant des Erfolges. Doch Molières Werke waren mehr als nur ein unterhaltendes Spektakel. Er konnte in seinen Komödien jederzeit die Tragödie, das Verstörende heraufbeschwören.

Molières Herkunft

Molière, der bekannteste Komödiendichter Frankreichs, heißt mit bürgerlichem Namen Jean-Baptiste Poquelin. Er stammt aus einer Handwerker-Familie. Die Familie Poquelin stellt Wandbezüge her, sie sind Dekorateure, die die Räume des Adels geschmackvoll ausstatten. Unter den Pariser Handwerkern macht sie das zum Adel, für den Adel bleiben sie Handwerker.

Molières Vater gibt seinem Sohm eine akademische Ausbildung vom Feinsten mit. Molière besucht in Paris das von Jesuiten geleitete Collège de Clermont. Später studiert er bei dem berühmten Professor Pierre Gassendi, einem Brieffreund von Galileo Galilei. Zu seiner Ausbildung gehört auch das Studium der Rechte.

Ein Leben auf der Walz

Mit 21 oder 22 Jahren lernt er die nur wenige Jahre ältere Schauspielerin Madeleine Béjart kennen, die ihn dazu bringt mit der eigenen Familie zu brechen und sich stattdessen ihrer Truppe "L'Illustre Théâtre" anzuschließen. Die Gruppe steht schon bald vor dem finanziellen Ruin und muss Paris unverzüglich verlassen, um in der Provinz ihr Glück zu finden. Molière wird schnell der Anführer der Truppe.

1661 landet die Schauspieltruppe wieder in Paris. Die Schauspieler führen auf, was am Hof gefragt ist, aber auch Komödien, wie sie das Volk erfreut. Der Hof ist amüsiert. Molière bekommt sein eigenes Theater in der Hauptstadt. Doch hier gerät er in ein Netz aus Intrigen und Verleumdungen, die ihm das Leben schwer machen. Die Kirche bewirkt seine Exkommunikation. Bestärkt wird er allein vom Erfolg bei seinem Publikum.

"Der eingebildete Kranke"

Einer dieser großen Erfolge ist "Le Malade imaginaire", eine Prosakomödie über die naive Medizingläubigkeit reicher Kranker. Es geht aber auch um die Unfähigkeit der Ärzte, die keine Selbstzweifel kennen, - eine Unfähigkeit, die Molière, der selbst häufig krank war, nur zu gut kannte. Das Tragische an dieser Komödie: Molière stirbt am 17. Februar 1673 während der vierten Vorstellung des Stücks, in dem er selbst die Hauptrolle spielt.

Leseprobe

Argan, der eingebildete Kranke
Herr Diafoirus, Arzt
Thomas Diafoirus, Sohn von Herrn Diafoirus und Verlobter von Argans Tochter

ARGAN. Das ist eine Frau! Gott, liebt mich die Frau! Es ist gar nicht zu glauben!
HERR DIAFOIRUS. Wir wollen uns Euch empfehlen, Herr Argan.
ARGAN. Ich bitte Euch, werter Herr, mir doch erst ein wenig zu sagen, wie Ihr mich findet.
HERR DIAFOIRUS. Jetzt frisch, Thomas, nimm Herrn Argans andern Arm und las mich hören, ob du ein richtiges Urteil über seinen Puls formulieren wirst. Beide fühlen ihm den Puls. Quid dicis?
THOMAS DIAFOIRUS. Dico, dass Herrn Argans Puls der Puls eines Mannes ist, der sich nicht wohl befindet.
HERR DIAFOIRUS. Gut!
THOMAS DIAFOIRUS. Dass dieser Puls duriusculus ist, um nicht zu sagen durus.
HERR DIAFOIRUS. Sehr gut.
THOMAS DIAFOIRUS. Stoßend!
HERR DIAFOIRUS. Bene.
THOMAS DIAFOIRUS. Ja sogar ein wenig bockend.
HERR DIAFOIRUS. Optime!
THOMAS DIAFOIRUS. Was denn auf eine Überfüllung in dem parenchymo splenico, will sagen der Milz, hindeutet.
HERR DIAFOIRUS. Sehr gut.
ARGAN. Nein, Herr Diafoirus; Herr Doktor Purgon behauptet, ich leide an der Leber.
HERR DIAFOIRUS. Nun ja: wer parenchymum sagt, sagt beides, wegen der innigen Sympathie, welche sie beide vermittels des vas breve, des pylori und mitunter auch des meatus cholidochi miteinander haben. Er verordnet Euch ohne Zweifel, hauptsächlich Gebratenes zu essen?
ARGAN. Nein, nichts als Gekochtes.
HERR DIAFOIRUS. Nun ja; Gebratenes oder Gekochtes, gleichviel. Er ist ganz auf dem rechten Wege, und Ihr konntet nicht in bessere Hände fallen.
ARGAN. Herr Doktor, wie viel Salzkörner muss ich in ein Ei tun?
HERR DIAFOIRUS. Sechs, acht oder zehn, immer nach geraden Zahlen; gleichwie bei Medikamenten nach ungeraden.
ARGAN. Auf Wiedersehen, mein Herr.

Molière: Der eingebildete Kranke, 2. Akt, 9. Szene; Übers. v. Wolf Heinrich Graf Baudissin


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