ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Max Frisch und das Identitätsproblem

Er hat das Thema der Identität nicht erfunden, aber kaum ein Schriftsteller setzte es so virtuos um wie Max Frisch. Und das nicht nur in den naheliegenden Werken wie "Stiller" oder "Mein Name sei Gantenbein", in seinen Stücken treten oft ungeklärte Identitäten auf. Wie in "Andorra".

Stand: 24.03.2016

Auf dem Theater wird Max Frisch nicht mehr allzu oft aufgeführt. Trotzdem gehört "Andorra" nach wie vor zur Schullektüre, denn hier spielt sich auf engstem Raum ab, was die Gesellschaft im Ganzen bedroht: Andri ist ein junger Mann, den sein Vater, der Lehrer, als seinen jüdischen Adoptivsohn ausgibt. In Wahrheit ist Andris Mutter eine "Schwarze", also Angehörige jenes Nachbarvolkes der Andorraner, die Juden jagen und töten. Er habe Andri damals vor den "Schwarzen" gerettet, so geht die Legende, und seit seiner Kindheit wird Andri nun anders behandelt, obwohl viele der Andorraner wissen, dass er der leibliche Sohn des Lehrers ist. Selbst als der Priester Andri offenbart, dass er kein Jude ist, hält der junge Mann an dieser Identität fest:

"ANDRI Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders, und ich habe geachtet drauf, ob es so ist, wie sie sagen. Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders. Man hat mir gesagt, wie meinesgleichen sich bewege, nämlich so und so, und ich bin vor den Spiegel getreten fast jeden Abend. Sie haben recht: Ich bewege mich so und so. Ich kann nicht anders. Und ich habe geachtet auch darauf, ob's wahr ist, daß ich alleweil denke ans Geld, wenn die Andorraner mich beobachten und denken, jetzt denke ich ans Geld, und sie haben abermals recht: Ich denke alleweil ans Geld. Es ist so. Und ich habe kein Gemüt, ich hab's versucht, aber vergeblich: Ich habe kein Gemüt, sondern Angst. Und man hat mir auch gesagt, meinesgleichen ist feig. Auch darauf habe ich geachtet. Viele sind feig, aber ich weiß es, wenn ich feig bin. Ich wollte es nicht wahrhaben, was sie mir sagten, aber es ist so. Sie haben mich mit Stiefeln getreten, und es ist so, wie sie sagen: Ich fühle nicht wie sie. Und ich habe keine Heimat. Hochwürden haben gesagt, man muß das annehmen, und ich hab's angenommen. Jetzt ist es an Euch, Hochwürden, Euren Jud anzunehmen."

(Max Frisch: Andorra)

Identität als Lebensthema

Szene aus einer Theaterinszenierung von "Andorra"

Das Stück wurde 1958 uraufgeführt. Frisch, Jahrgang 1911, verarbeitete hier eine persönliche Erfahrung. Der Schweizer war mit einer deutschen Jüdin liiert und wollte lange nicht wahrhaben, was im Nachbarland passierte. Seine Andorraner lässt er tatenlos mit ansehen, wie Andri von jenen "Schwarzen" ermordet wird. Hinterher versuchen sie, sich von ihrer Schuld freizusprechen.

Wer oder was unsere Identität bestimmt, beschäftigte Frisch sein Leben lang. Dass jeder Mensch Masken trägt, eine oder mehrere Rollen spielt, war für den studierten Architekten, die Chiffre für das menschliche Verhalten in der Welt. Frischs Theaterstücken merkt man an, wie ausgesprochen viel er von dem zehn Jahre älteren Bert Brecht hielt - die Bewunderung war nie epigonal, immer respektvoll und ideologisch distanziert.

Frisch, der 1991 starb, sagte einmal, er sei "oft umgezogen". Das ist nicht nur räumlich zu verstehen. In allen Werken, seien es seine Tagebücher, seine Bühnenstücke oder seine Romane, nähert er sich immer aufs Neue auch an sich selbst an, erfindet sich, sucht nach möglichen Identitäten, probiert Rollen - und offenbart seinen Lesern darin sehr viel von sich.


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