ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Marcel Proust - "Suche nach der verlorenen Zeit"

Der Franzose Marcel Proust hat mit seinem siebenbändigen Romanwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts geschaffen: eine monumentale Darstellung der Pariser Aristokratie und des Großbürgertums in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Stand: 16.10.2017 | Archiv

Marcel Proust | Bild: picture-alliance/dpa

Sieben Bände umfasst der Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" des französischen Schriftstellers Marcel Proust (1871 - 1922). Der siebte und letzte Band, erschien 1927, fünf Jahre nach seinem Tod, und heißt "Die wiedergefundene Zeit".

In diesem letzten Band erfährt der Held, der immer schon - und immer vergeblich - danach strebte, Schriftsteller zu werden, dass die Kunst des Schreibens darin liegt, sich seinen Erinnerungen hinzugeben. Diese Erinnerungen tauchen unangekündigt auf und sind flüchtig. Meist lösen sie über den Geschmack oder den Geruch eine Assoziation aus, die den Dichter wieder an jenen Ort führt, der Ausgangspunkt des Geschehens war. Berühmtestes Beispiel sind die Madeleine, ein Gebäck, die beim Eintunken in Tee beim Ich-Erzähler Erinnerungen an die Kindheit heraufbeschwören.

"Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Der siebenbändige Roman spielt im Frankreich an der Wende zum 20. Jahrhundert, und er beschreibt hauptsächlich zwei soziale Schichten: den Adel, der nur scheinbar noch davon überzeugt ist, die Geschicke des Landes zu bestimmen, und das Bürgertum, die aufstrebende gesellschaftliche Kraft, aus der das Neue in Politik, im Handel, aber auch in der Kunst entsteht.

Der Ich-Erzähler - an einer einzigen Stelle erfährt der Leser, dass er Marcel heißt - erlebt eine behütete Kindheit in Paris und während der Ferien auf dem Land. Seine Familie sind wohlhabende Bürger, die sich einen aufwendigen Lebensstil leisten können. Der junge Mann erlebt daher in seinem gesellschaftlichen Umgang kaum Zwänge oder Ablehnung.

Er lernt den Kunstsammler, Monsieur Swann, kennen, der ihn in die Welt der Kunst einführt. Er verliebt sich in die junge Albertine, doch seine Eifersucht verhindert ein Liebesglück. Er besucht die Salons, wo die Adligen verkehren, erfährt dort von der Dreyfus-Affäre, interessiert sich ansonsten aber nicht für Politik. Durch einen Theaterbesuch glaubt er plötzlich zu wissen, dass nur der Beruf des Schriftstellers für ihn infrage kommt.

Aber der Erzähler merkt bald, dass zu seinen Wesenszügen auch eine ausgeprägte Faulheit gehört. Die Anstrengung ist seine Sache nicht, hinzu kommt eine immer wieder auftauchende Krankheit, die seine Aktivitäten lähmt. Seine Stärke liegt mehr in den Empfindungen als in dem Vermögen, diesen Empfindungen künstlerischen Ausdruck zu verleihen. Erst am Ende seines Lebens erkennt er, dass er den Roman seiner Erinnerungen schreiben muss, die mit seinem Tod sonst unwiderruflich verloren gehen würden.

Meister einer neuen Erzählweise

Marcel Proust war Sohn eines angesehenen Arztes und einer reichen jüdischen Erbin. Sein Romanzyklus entstand hauptsächlich im Bett, das der asthmakranke, ständig frierende, von tausend Ängsten heimgesuchte Autor nur ungern verließ. Sein Leiden zerstörte mit 51 Jahren sein Leben, aber es beflügelte seine Suche nach Weisheit und Wissen - und nach einer literarischen Sprache, die überlebt hat.

"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte mich der Gedanke, daß es Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in Händen zu halten wähnte, und das Licht ausblasen; im Schlaf hatte ich weiter über das eben Gelesene nachgedacht, dieses Nachdenken aber hatte eine eigentümliche Wendung genommen: mir war, als sei ich selbst es, wovon das Buch sprach – eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz I. und Karl V. Diese Vorstellung hielt noch einige Sekunden nach meinem Erwachen an; mein Verstand stieß sich nicht an ihr, doch lag sie mir wie Schuppen auf den Augen und hinderte diese zu erkennen, daß die Leuchte nicht mehr brannte. Dann wurde sie mir immer unbegreiflicher, wie nach der Seelenwanderung das in einer früheren Existenz Gedachte; das Thema des Buches löste sich von mir, ich war frei, mich damit zu befassen oder nicht; bald gewann ich mein Sehvermögen zurück und war höchst erstaunt, um mich her eine Dunkelheit vorzufinden, die für meine Augen, aber mehr noch vielleicht für meinen Geist angenehm und erholsam war, dem sie wie etwas Grundloses, Unbegreifliches, wie etwas wahrhaft Dunkles erschien. Ichfragte mich, wie spät es wohl sei, ich hörte das Pfeifen der Züge, das bald nah, bald fern wie der Gesang eines Vogels im Wald die Entfernungen deutlich machte und mir die Weite des öden Landes beschrieb, wo der Reisende der nächsten Station entgegeneilt; und der schmaleWeg, dem er folgt, wird sich seinem Gedächtnis einprägen durch die Erregung, die er neuen Orten verdankt, ungewohnten Handlungen, dem eben stattgefundenen Gespräch und dem Abschied unter der fremden Lampe, der ihm in der Stille der Nacht noch nachgeht, dem bevorstehenden Glück der Heimkehr."

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Unterwegs zu Swann


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