ARD alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor"

Bei der Premiere von "Sechs Personen suchen einen Autor" musste Pirandello noch das Theater durch einen Seiteneingang verlassen, um der Aggression des Publikums zu entgehen. Doch durch das Stück wurde er in kurzer Zeit zum führenden Dramatiker des 20. Jahrhunderts.

Published at: 16-2-2019

Luigi Pirandello | Bild: picture-alliance/dpa

Luigi Pirandello schaffte es gegen den Willen des Vaters Literatur zu studieren, zunächst in Rom, dann in Bonn, wo er in deutscher Sprache eine Doktorarbeit über den Dialekt seiner Heimat verfasste. Geboren wurde er 1867 in Caos, einem Landgut in einem Vorort von Agrigent auf Sizilien als Sohn eines Teilhabers einer Schwefelmine. Er starb 1936, zwei Jahre nachdem er den Nobelpreis für Literatur für seine Dramen bekam: "für seine kühne und sinnreiche Neuschöpfung von Drama und Bühnenkunst".

Wie sehen andere mich?

Eine Grundfrage zieht sich durch sein gesamtes Werk - durch seine Stücke wie Erzählungen: Wie nehme ich den anderen wahr, wie nimmt der andere mich wahr? In Pirandellos letztem Roman "Einer, Keiner, Hunderttausend" wundert sich der Held, dass Freunde und Bekannte Dinge an ihm wahrnehmen, die ihm selbst noch nie aufgefallen sind. Seine Bekannten sehen in ihm nicht den freundlichen Finanzier, für den er sich selbst hält. Sie betrachten ihn als einen habgierigen Wucherer. Auch die Gründung einer großzügigen Stiftung ändert das Bild von ihm nicht zum Guten: Die Menschen halten ihn für verrückt.

"Ach, Sie glauben, Konstruktion hätte nur mit Gebäuden zu tun? Ich konstruiere mich andauernd, und ich konstruiere Sie, und Sie tun dasselbe. Und die Konstruktion hält so lange, bis das Material unserer Gefühle zerbröckelt und der Zement unseres Willens zerfällt. [...] Es genügt, dass der Wille ein wenig schwankt und sich die Gefühle in einem Punkt wandeln, ja auch nur geringfügig verändern, und dahin ist unsere Wirklichkeit!"

Luigi Pirandello: Einer, Keiner, Hunderttausend, 1925

Theater auf dem Theater

Pirandellos bekanntestes Stück ist "Sechs Personen suchen einen Autor". Die Zuschauer sehen auf der Bühne einen Regisseur, der mit seinen Schauspielern ein Stück von Pirandello probt. Plötzlich führt der Theaterportier sechs Personen auf die Bühne, die berichten, dass ihr Autor ihr Leben noch nicht zu Ende geschrieben hat. Sechs Personen, die bekennen, reine Bühnengeschöpfe zu sein und die damit hadern, dass ihr Erfinder sie aufgegeben hat, weil er das Interesse an ihnen verlor. Die Schauspieler auf der Bühne sollen sich ihrer Geschichte annehmen.

Begeisterte Kritik und Klassiker

Mit diesem Drama setzte Pirandello neue Maßstäbe. Er schrieb ein Stück über die Unmöglichkeit, überzeugende Stücke zu schreiben, ein Theater gegen das Theater. Bei der Uraufführung in Rom, im Mai 1921, fühlten sich die Zuschauer noch zum Narren gehalten. Erst die begeisterte Reaktion auf die zweite Aufführung, die in Mailand stattfand, kündigte einen Klassiker der Theatergeschichte an. Das Stück wurde in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten begeistert aufgenommen.

Waren seine literarischen Werke frei von jeder politischen Aussage, so war Pirandello es jenseits der Bühne nicht. Er war, wie er sagte, "Faschist, weil er Italiener war", er unterstützte Mussolinis Völkermord in Abessinien, er kündigte sogar an, die goldene Medaille, die er für seinen Nobelpreis erhalten hatte, zu Pistolenkugeln umschmelzen zu lassen.


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