ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Kawabata Yasunari - "Schneeland"

Kawabata Yasunari ist der erste Japaner, der den Nobelpreis für Literatur bekommen hat. Er zählt zu den Schriftstellern, die in ihrer Kunst eine Synthese von klassisch japanischen und von westlichen Elementen suchten.

Stand: 05.07.2016

Kawabata Yasunari | Bild: picture-alliance/dpa

Kawabata (1899 - 1972) entstammte einer Arztfamilie aus der Handelsmetropole Osaka. Dort kam er 1899 auf die Welt, in einer Zeit des radikalen gesellschaftlichen Umbruchs in Japan. Kawabata wurde schon bald nach seiner Geburt zum Vollwaisen. Nach mehreren Stationen bei immer entfernteren Verwandten landete er 1909 schließlich in einem Internat: Ein scheuer, hoch begabter Einzelgänger, der schon früh Tagebücher schrieb.

Nobelpreiswürdig

Kawabata Yasunari erhält 1968 den Nobelpreis für Literatur.

Kawabata studierte englische und japanische Literatur. 1926 wurde er mit seiner längsten Erzählung "Die Tänzerin von Izu" über die Grenzen Japans hinaus bekannt. 1968 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von 1948 bis 1965 war Yasunari Kawabata Präsident des Japanischen PEN-Zentrums. Er hatte maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der japanischen Literaturszene nach dem Zweiten Weltkrieg. Im April 1972 nahm er sich in seiner Wohnung in der Nähe von Kamakura das Leben.

Die Farbe Weiß

Bei seinen bekanntesten drei Buchtiteln "Schneeland" - auf Deutsch 1957 erschienen - "Tausend Kraniche" und "Ein Kirschbaum im Winter" wird jeweils die Farbe "Weiß" heraufbeschworen. Weiß, wie der Schnee, wie die Federn des Kranichs, weiß auch wie die Blüten des Kirschbaums, die allerdings schon ins Rosa spielen. Im Japanischen, in einem buddhistischen Kontext, deutet "Weiß" auf Trauer, auf Verzicht und Vergänglichkeit, auf Tod - und damit aber auch auf die Möglichkeit der Wiedergeburt, des Überwindens hin.

"Schneeland"

Kawabata erzählt in seinem Roman "Schneeland" die Geschichte eines vermögenden Mannes aus Tokio, der seinen Winterurlaub im Norden des Landes verbringt, in einer Region, deren Landschaft vollständig von Schnee bedeckt ist. Dort begegnet ihm die Geisha Komako, die ihn über alle Maße liebt. Doch das Herz des Mannes lässt sich in der Schneelandschaft nicht erwärmen.

Nur Angedeutetes

Kawabata Yasunari nimmt sich 1972 das Leben.

Kawabata geht es darum, die Verwicklungen, die Widersprüche, die Knoten, die er in seinen Geschichten knüpft, nicht zu lösen, er belässt sie in ihrer bedrohlichen Rätselhaftigkeit. Der Verzicht auf das deutlich Ausgesprochene wird bei ihm zum Stilmittel. Das Ende ist offen, es liegt in der Fantasie der Leser.

Leseprobe:

Das Dröhnen des Berges

1.
Ogata Shingo, die Brauen zusammengezogen, den Mund leicht geöffnet, schien über etwas nachzudenken. Fremde hätten es vermutlich nicht für ein Nachdenken gehalten, hätten gemeint, ein Kummer bedrückte ihn.
Shüichi, sein Sohn, bemerkte es zwar; doch es war ihm etwas so Alltägliches, daß er sich darüber nicht weiter beunruhigte.
Der Sohn verstand genauer: dies war nicht ein bloßes Nachdenken.
Vater versuchte, sich an etwas zu erinnern.
Shingo setzte den Hut ab und hielt ihn mit den Fingern der rechten Hand auf seinem Schoß. Schweigend nahm Shüichi den Hut und legte ihn auf das Gepäcknetz im Zug.
"Was ich sagen wollte —"
Selbst die rechten Worte zu finden, fiel Shingo in solchen Augenblicken nicht leicht.
"— das Dienstmädchen, das uns da neulich verlassen hat, wie hieß es doch?"
"Meinst du Kayo ?"
"Kayo, richtig. Und wann ist sie gegangen?"
"Vorige Woche Donnerstag, also vor fünf Tagen.«
"Vor fünf Tagen ? Da ist das Mädchen vor fünf Tagen von uns weggegangen, und ich kann mich schon nicht mehr genau erinnern: wie sah sie aus, was hatte sie an? Schrecklich, nicht wahr?"
Vater übertreibt mal wieder einigermaßen, dachte Shüichi.

Yasunari Kawabata: Ein Kirschbaum im Winter. Deutsch von Siegfried Schaarschmidt und Misako Kure


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