ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Karl Kraus - "Die letzten Tage der Menschheit"

In Wien geboren, Sohn reicher jüdischer Fabrikanten, unglaublich streitlustig: So lautet die Kurzbeschreibung des 1874 in Böhmen geborenen Schriftstellers Karl Kraus, dem Meister der Aphorismen.

Stand: 05.07.2016

Karl Kraus | Bild: Bayerischer Rundfunk

Karl Kraus (1874 - 1936) studierte ein paar Semester Jura, Germanistik und Philosophie, ohne wirklich einen Abschluss anzustreben. Mit 23 Jahren hatte er Erfolg als Literaturkritiker. Kurze Zeit später gründete er seine eigene Zeitschrift "Die Fackel", die bis zu seinem Tod im Jahr 1936 in unregelmäßigen Abständen erschien. Frei von finanziellen Problemen schrieb er ab 1912 jeden Artikel in seinem Blatt selbst.

Streitsüchtig und rechthaberisch

Zahllose Prozesse musste er durchfechten, denn seine Äußerungen in der Zeitschrift stießen nur selten auf Gegenliebe. Daher zählte sein Rechtsanwalt zu den wenigen Menschen, zu denen Kraus eine lebenslange Beziehung pflegte. Das Geld, um die mehr als 200 Prozesse durchzustehen, hatte er. Eine der bekanntesten Skandale im wilhelminischen Kaiserreich war die "Affäre Eulenburg", in der Kraus den Publizisten Maximilian Harden literarisch "hinrichtete".

Tragödie in fünf Akten

Das Antikriegs-Drama "Die letzten Tage der Menschheit"

Das Hauptwerk von Karl Kraus war das Theaterstück "Die letzten Tage der Menschheit", das aber nie komplett aufgeführt wurde. Selbst sein Verfasser hielt es für unspielbar, da es in 200 Szenen aufgeteilt war. Das Stück war eine bittere Abrechnung mit dem Ersten Weltkrieg. Es ist eine Collage aus Originalzitaten und satirischen Kommentaren. In der Figur des Nörglers hat sich Kraus selbst ein Denkmal gesetzt.

Erfolge als Rezitator

Auch als Rezitator machte sich Karl Kraus einen Namen. Zuerst als Vorleser seiner eigenen Werke, später auch von Künstlern wie Nestroy und William Shakespeare, dessen deutsche Dramen-Übersetzungen er bearbeitet hatte. Kraus entlarvte den falschen Schein und setzte auf die Einsicht des Menschen. Nur zu Hitler fiel dem großen Sprachreiniger nichts mehr ein.

Leseprobe:

1. Akt
Die erste Szene spielt 1914 an einer nach dem Lederwarengeschäft Sirk benannten Straßenecke in Wien (Ringstraße / Kärntnerstraße). Soeben traf die Meldung von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers am 28. Juni 1914 in Sarajewo ein.
Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee -!
Zweiter Zeitungsausrufer: Extraausgabee! Beidee Berichtee! [...]
Einige Passanten grölen: "Die Russen und die Serben, die hauen wir in Scherben!"
Der erste Verehrer der Reichspost: Hast glesen? Keine Teuerung durch den Krieg.
Der zweite Verehrer der Reichspost: Das is gscheit! Wirst sehn, der Krieg wird eine Renaissance österreichischen Denkens und Handels heraufführen, wirst sehn. Ramatama!
Der erste Verehrer der Reichspost: Höchste Zeit, dass amal a Seelenaufschwung kommt! Rrtsch - obidraht!
Der zweite Verehrer der Reichspost: Ein Stahlbad brauch' mr! Ein Stahlbad!
Dann fragt der erste Verehrer der Reichspost seinen Gesprächspartner, ob man ihn denn bereits einberufen habe, und es stellt sich heraus, dass sie beide ausgemustert wurden.
Generalstabschef Conrad von Hötzendorf kann es kaum erwarten, bis der Hoffotograf Skolik erscheint, doch als dieser endlich gemeldet wird, spielt er den Überraschten.
Ein Major (kommt): Exlenz melde gehorsamst, der Skolik is da.
Conrad: Was denn für ein Skolik?
Major: Na der Hoffotograf Skolik aus Wien, der was seinerzeit, während des Balkankrieges, die schöne Aufnahme gemacht hat, wie Exlenz in das Studium der Balkankarte vertieft sind.
Conrad: Ja, ja, ich erinnere mich [...]
Skolik tritt auf. Conrad tut so, als studiere er eine militärische Karte und bemerke ihn erst nach einiger Zeit. Dann schützt er vor, sehr beschäftigt zu sein und keine Zeit für eine neue Fotografie zu haben.
Conrad: [...] können S' nicht bissl später kommen, ich bin nämlich - ich sag's Ihnen im Vertrauen, Sie dürfen's nicht weitersagen, ich bin nämlich grad beim Studium der Karte vom Balkan - ah was sag ich, von Italien -
Scheinbar widerstrebend lässt er sich am Ende doch die Erlaubnis für eine Aufnahme abringen.
Conrad: [...] Wird's lang dauern?
Skolik: Nur einen historischen Moment, wenn ich bitten darf - [...] Exzellenz, setzen nur das Studium der Karten fort - so - ganz leger - ganz ungezwungen - so - nein, das wär bissl unnatürlich, da könnt man am End glauben, es is gstellt - [...] der Kopf - gut is - nein, Exzellenz, mehr ungeniert - und kühn, bitte mehr kühn! - Feldherrnblick, wenn ich bitten darf! - es soll ja doch - so - es soll ja doch eine bleibende histri - historische Erinnerung an die große Zeit - so is 's gut! - nur noch - bisserl - soo - machen Exzellenz ein feindliches Gesicht! - jetzt - ich danke!
Auf dem Kohlmarkt erläutert ein Kurzwarenhändler, wie die Russen und ihre Verbündeten zu besiegen sind:
Und ich sag Ihnen, ich weiß sogar von einen Herrn vom Ministerium, die Sache is so gut wie gemacht. Wir kommen von rechts, die Deitschen von links und wir zwicken sie, dass ihnen der Atem ausgeht.
Ein Patriot und ein Zeitungsabonnent diskutieren darüber, was der Krieg für die Wiener bedeutet.
Der Patriot: Der Wiener speziell is ein Prima-Durchhalter. Alle Entbehrungen tragen sie bei uns, als ob es ein Vergnügen wär.
Der Abonnent: Entbehrungen? Was für Entbehrungen?
Der Patriot: Ich mein, wenn es Entbehrungen geben möcht -
Der Abonnent: [...] Es gibt allerdings keine Entbehrungen, aber man erträgt sie spielend - das ist die Kunst [...]
Der Patriot: Eben. Das Anstellen zum Beispiel is eine Hetz - sie stellen sich förmlich dazu an.
Der Abonnent: Der einzige Unterschied gegen früher is, dass jetzt Krieg is. Wenn nicht Krieg wär, möchte man rein glauben, es is Friede. Aber Krieg is Krieg, und da muss man so manches, was man früher nur gewollt hätt.
Ein Feldgeistlicher, der die Soldaten im Schützengraben an der Front besucht, fragt: "Feuerts tüchtig eini in die Feind?"
Der Wiener Viktualienhändler Vinzenz Chramosta herrscht einen Kunden an: "Wos wolln Sö? Kosten wolln Sö? Sö Herr Sö, was glauben denn Sö? Jetzt is Kriag!"
Und der Volksschullehrer Zehetbauer erklärt seiner Klasse: "Jetzt aber sind höhere Ideale über uns hereingebrochen, sodass der Fremdenverkehr ein wenig zurückgedrängt ist und erst in zweiter Linie in Betracht kommt."
In einer Wallfahrtskirche, zeigt der Messner den Besuchern ein Weihegeschenk: einen Rosenkranz aus italienischen Schrapnellkugeln.
Man macht aus Schrapnellkugeln Rosenkränze und dafür aus Kirchenglocken Kanonen. Wir geben Gott, was des Kaisers, und dem Kaiser, was Gottes is. Man hilft sich gegenseitig, wie man kann.

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit; Bühnenfassung von Karl Kraus, herausgegeben von Eckart Früh


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