ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Jorge Luis Borges - "Fiktionen" und "Das Aleph"

Der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges gilt als Begründer des magischen Realismus. Obgleich er ohne Zweifel zu den einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts gehört, hat er den Nobelpreis für Literatur nie erhalten.

Stand: 05.07.2016

Jorge Luis Borges | Bild: Bayerischer Rundfunk

Jorge Luis Borges wurde 1899 in Buenos Aires geboren und starb 1986 in Genf. Borges entstammte einer finanziell recht gut gestellten Familie von Literaturbegeisterten. Die Familie hatte Vorfahren in Spanien, in Lateinamerika und in Großbritannien, der junge Jorge wuchs zweisprachig auf. Als junger Mann gründete er gemeinsam mit Freunden die literarische Zeitschrift Sur.

Dichter ohne Sehkraft

Jorge Luis Borges als junger Dichter

Jorge litt an einer erblichen Sehschwäche. Der Vater von Jorge Luis zog mit der Familie 1914 von Buenos Aires nach Genf, um sich einer Reihe von Augenoperationen zu unterziehen. Dort studierte der Sohn Deutsch, Latein und Französisch. Jorge selbst begann 1950 zu erblinden, 1955 verlor er vollends die Sehkraft. Im gleichen Jahr wurde er Direktor der Argentinischen Nationalbibliothek und lobte in einem Gedicht "Gottes glänzende Ironie", ihm gleichzeitig fast eine Million Bücher "und die Dunkelheit" geschenkt zu haben.

Ein Bücherbesessener

In seinen Erzählungen bediente er sich der jüdischen Kabbala, den Sagen aus Skandinavien, der metaphysische Literatur aus dem Mittelalter, den Schriften der chinesischen Daoisten und Quellen der aztekischen Vergangenheit. Borges war ein Meister der raffinierten Anspielungen, des trickreichen Wechselns von Erzählperspektiven und von Handlungsebenen. Borges galt als Begründer des magischen Realismus: In die reale Welt seiner Erzählungen, Gedichte und Essays bricht plötzlich das phantastische Element ein.

"Das Aleph" - ein Punkt im Universum

Ein Bibliothekar, der seine Freundin verloren hat, besucht regelmäßig das Haus der Verstorbenen, um ihr Andenken zu bewahren. Bei einem dieser Besuche trifft er dort auf deren Cousin, einen Dichter von zweifelhafter Qualität aber großen Ambitionen. Eines Tages erzählt der Dichter dem Bibliothekar, dass das Haus seiner früheren Freundin abgerissen werden soll. Für ihn, den Dichter sei das besonders bedrohlich, denn im Keller des Gebäudes befinde sich seine wesentliche Inspirationsquelle, das Aleph. Das Aleph steht für einen Punkt im Raum, der alle möglichen Punkte der Welt in sich enthält.

Bibliothekar von Weltrang

Borges war nicht nur Buchautor, er war auch Bibliothekar.

Der einflussreiche Literat Jorge Luis Borges wurde doppelt unsterblich: einmal als Schriftsteller von Weltrang, auf den sich später die französischen Poststrukturalisten bezogen. Ein weiteres Mal in Umberto Ecos Roman "Im Namen der Rose", in dem er als blinder Bibliothekar Jorge von Burgos mit seiner Bibliothek auftaucht.

Gedicht

Ich

Der Schädelknochen, das geheime Herz,
die Wege des Blutes die ich nicht sehe,
die Tunnel des Traums, der ein Proteus ist,
die Eingeweide, der Hals, das Skelett.
Ich bin all dieses. Unglaublicherweise
bin ich auch die Erinnerung an ein Schwert
und an eine einsam sinkende Sonne,
die sich zu Gold streut, zu Schatten, zu Nichts.
Ich bin der vom Hafen aus Schiffe sieht,
bin die gezählten Bücher, die gezählten
Stiche, die von der Zeit ermüdet sind,
bin der jene beneidet die längst starben.
Noch seltsamer ist es, der Mensch zu sein,
der Wörter flicht im Zimmer eines Hauses.

von Jorge Luis Borges


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