ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Jonathan Swift - "Gullivers Reisen"

Hin- und hergerissen zwischen Irland und England, immer unzufrieden mit dem Job und ohne Glück in der Liebe stürzte sich Jonathan Swift aufs Schreiben. Er führte seinen Zeitgenossen ihre eigene Idiotie vor Augen und wurde zu einem berüchtigten Satiriker.

Stand: 22.10.2017

Swift war ein eigensinniger und unbeugsamer Mensch. Sein Leben lang war der Theologe so ehrgeizig um eine angesehene Stellung in England bemüht, dass er mit seinem dringenden Wunsch sogar an König William III. herantrat. Allerdings hatte er sich für dieses Anliegen einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt und so wurde nichts aus der Beförderung. Swift ging schließlich nach Irland, wo er in der Nähe von Dublin eine Pfarrei bekam. Dort ging es ihm nicht schlecht, und er freundete sich letztlich auch mit der neuen Situation an, aber manchmal nagte der alte Ehrgeiz noch an ihm.

Worte wie Geschosse, jeder Wurf ein Treffer

Kurz nachdem Swift 1667 in Dublin zur Welt gekommen war, schickte ihn die Mutter zu einer Amme nach England, später wuchs er bei Verwandten in Irland auf, bis ihm die Mutter in England eine Stelle verschaffte. In Dublin hatte er Theologie studiert. Außerdem war er mit einem äußerst scharfen Verstand begabt. Während er also auf die Stelle seines Lebens wartete, blickte er um sich und sah Missstände und Ungereimtheiten. Er begann, dagegen anzuschreiben, anonym. Aber nicht so anonym, dass man den Autor nicht bald kannte und fürchtete.

Vom gutgläubigen Menschen zum Misanthropen

Das satirische Meisterwerk, das Swift zu Weltruhm verhalf, ist "Gullivers Reisen", war 1726 erschienen und handelt von den Reiseerlebnissen des Kapitäns Lemuel Gulliver. Vier Schiffsreisen bringen ihn mit mindestens vier unterschiedlichen Gesellschaftsformen zusammen. Seine erste Fahrt führt ihn nach Liliput ins Land der Zwerge, und von dort geht es weiter nach Brobdingnag zu den Riesen. Auf seiner dritten Reise lernt er die fliegende Insel Laputa kennen, deren Einwohner nach reinem Wissen streben. Von hier reist Gulliver nach Luggnagg, einer Insel, deren Bewohner ewig leben. Nach einer Meuterei auf seinem Schiff macht Gulliver Station im Land der Hauynhnhnms, einer hochintelligenten Pferderasse, die sich ungebildete, unzivilisierte Menschen, Yähus, als Diener halten. Hier würde Gulliver gerne bleiben, aber da er selbst zu den verabscheuten Yähus gehört, muss er nach England zurückkehren.

"Dachte ich an meine Familie, meine Freunde, Landsleute und an das Menschengeschlecht im Allgemeinen, so betrachtete ich sie für das, was sie wirklich waren, als Yähus in Form und Charakter, obgleich vielleicht etwas mehr civilisirt und mit der Gabe der Rede versehen, die jedoch von ihrer Vernunft keinen andern Gebrauch machten, als um jene Laster zu verbessern und zu vermehren, von denen ihre Brüder in dem Lande der Hauyhnhnms nur einen von der Natur ihnen übertragenen Theil besitzen.

Wenn ich das zurückgeworfene Bild meiner Form in einem See oder in einer Quelle sah, so wandte ich voll Schauder über mich selbst mein Gesicht ab; ich konnte sogar den Anblick eines gewöhnlichen Yähu besser ertragen, als den meiner eigenen Person. Durch Umgang mit den Hauyhnhnms und durch Bewunderung ihrer Eigenschaften konnte ich es nicht unterlassen, ihren Gang und ihre Bewegungen nachzuahmen, welches mir so zur Gewohnheit geworden ist, daß meine Freunde mir die Versicherung geben, ich trottire wie ein Pferd, und dieses halte ich in der That für ein großes Kompliment; auch will ich nicht läugnen, daß ich beim Sprechen geneigt bin, Stimme und Art der Hauynhnms anzunehmen, und daß ich ohne die geringste Kränkung Spöttereien hierüber anhören kann."

(Jonathan Swift: Gulliver's Reisen. Übersetzt von Dr. Franz Kottenkamp)


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