ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Goethe - "Italienische Reise"

Als sich Johann Wolfgang von Goethe unter dem Namen Möller eines Morgens im September 1786 aus Karlsbad davonschlich, hatte er vor, seinem Leben eine komplett neue Wendung zu geben. Er reiste nach Italien, um Maler zu werden.

Stand: 22.10.2017

Goethe war 37, als er zum zweiten Mal nach Italien aufbrach. Die erste Reise unternahm er auf Empfehlung seines Vaters, der den Sohn in den Süden schicken wollte, damit wieder etwas Ruhe und Ordnung in dessen Leben einkehre. Schließlich wurde der "Werther"-Autor Goethe zu jener Zeit gerade gefeiert wie heutzutage ein Popstar. Weit kam der junge Goethe aber nicht. In Heidelberg erreichte ihn ein Brief des Erbprinzen Carl August, der den Dichter einlud, als Ministerialrat an seinen Hof nach Weimar zu kommen. Goethe überlegte nicht lange und war zwei Tage später zur Stelle.

"Midlife Crisis" eines Ministerialrats

Zu den Aufgaben des "Geheimen Rates" Goethe gehörten Bergbau, Soldatenrekrutierung und Transportwesen. Der Dichter widmete sich diesen neuen Herausforderungen anfangs mit Gewissenhaftigkeit und Disziplin. Viel Zeit zum Schreiben blieb ihm nicht. Er arbeitete an mehreren Stücken, stellte immer häufiger seine Bestimmung in Frage und schließlich war die Krise perfekt. Er floh ohne Abschied nach Italien. Hier wollte er Kunst studieren und sehen, ob er das Zeug zum Maler hatte.

"Die neugierigen starren Blicke, der gutmütige Ausdruck in den meisten Gesichtern und was sonst noch alles eine fremde Volksmasse charakterisieren mag, gab mir den lustigsten Eindruck. Ich glaubte, das Chor der Vögel vor mir zu sehen, das ich als Treufreund auf dem Ettersburger Theater oft zum besten gehabt. Dies versetzte mich in die heiterste Stimmung, so daß, als der Podestà mit seinem Aktuarius herankam, ich ihn freimütig begrüßte und auf seine Frage, warum ich ihre Festung abzeichnete, ihm bescheiden erwiderte, daß ich dieses Gemäuer nicht für eine Festung anerkenne. Ich machte ihn und das Volk aufmerksam auf den Verfall dieser Türme und dieser Mauern, auf den Mangel von Toren, kurz auf die Wehrlosigkeit des ganzen Zustandes und versicherte, ich habe hier nichts als eine Ruine zu sehen und zu zeichnen gedacht."

(Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise)

Einsicht und Wiedergeburt

Es fiel ihm nicht leicht, aber letzten Endes musste er es sich doch eingestehen: Goethe fehlte es an Talent zum Malen. Doch in jeder anderen Hinsicht war seine italienische Reise ein voller Erfolg. Er war mit sich ins Reine gekommen. Fast zwei Jahre verbrachte Goethe in Italien, rückblickend sprach er von einer "Wiedergeburt", denn die Reise hatte ihm eine neue Sicherheit gebracht - dass er ein Dichter sei und in Zukunft weniger gegen seine Natur handeln dürfe, wenn er sich nicht wieder abhanden kommen wolle.


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