ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Hans Christian Andersen - Märchen

Er reiste durch 29 Länder in Europa, Nordafrika und dem Orient. Auf seinen Reisen hatte er immer ein Seil dabei, um sich im Fall eines Hotelbrandes abseilen zu können. Ein Kauz, aber als Hans Christian Andersen starb, trauerte nicht nur Dänemark, es trauerte die ganze Welt.

Stand: 30.03.2016

Hans Christian Andersen (1805-1875) wurde in Odense auf der Insel Fünen geboren. Sein Vater war Schuhmacher, doch war er in diesem Beruf nicht sonderlich erfolgreich und scheint Zeit seines Lebens darunter gelitten zu haben, keine höhere Schule besucht zu haben. In seinen Erinnerungen aber sieht Hans Christian den Vater als Schöpfer zauberhafter Kinderwelten, der dem Buben am Sonntag ein Puppentheater baute und Geschichten erzählte: aus den Märchen aus Tausendundeiner Nacht und den Büchern eines Mannes, der ihn Zeit seines Lebens ganz besonders beeindruckte: Ludwig Holberg, ein dänisch-norwegischer Dichter.

Der Vater und der Zinnsoldat

Zwei einbeinige Zinnfiguren aus dem Märchen "Der standhafte Zinnsoldat"

Kurz vor seinem Tod suchte der Vater von Hans-Christian Andersen mit 35 Jahren noch einmal sein Glück an der Seite Napoleons, aber vergeblich: Er kehrte so mittellos und rangniedrig zurück, wie er ausgezogen war. Kurze Zeit später befielen den Vater Wahnvorstellungen und es fehlte das Geld für einen Arzt. Diese Erlebnisse fließen noch rund dreißig Jahre später in die Märchen von Hans Christian ein, wenn er von einem Zinnsoldaten erzählt, der gegen Ende seiner Geschichte zu einem Klumpen zusammengeschmolzen ist, von dem nur noch das Zinnherz übrig bleibt.

Ein schwalbenhaftes Leben

Porträt des dänischen Schriftstellers und Dichters Hans Christian Andersen

Nach dem Tod des Vaters reist Hans Christian Andersen in die dänische Hauptstadt, nach Kopenhagen. Er ist gerade vierzehn Jahre alt und sucht sein Glück auf der Bühne - als Sänger, als Schauspieler, als Tänzer. Das Glück stellt sich ein, doch anders als vermutet: Andersen, der nie heiraten wird, schlüpft immer wieder bei wohlhabenden Familien unter. Diese ermöglichen ihm aufgrund seiner Begabung ein Studium an der Universität Kopenhagen.

Reisen und erste Märchen

Ab 1830 unternimmt Andersen mehrere Reisen nach Deutschland, England, Italien, Spanien und in das Osmanische Reich. Unter dem Einfluss der italienischen Landschaft entstehen die ersten Vorformen der "Kleinen Meerjungfrau". In Deutschland, wo er als Schriftsteller anfangs erfolgreicher ist als in seinem Heimatland, lebt er ebenfalls lieber bei Freunden. Auch dann noch, als er selbst schon zu Ruhm und Wohlstand gekommen ist.

Märchen für Erwachsene

Illustration zu dem Märchen "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern"

"Die kleine Meerjungfrau", "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", "Die Prinzessin auf der Erbse": Der Weltruhm Andersens ist auf den insgesamt 168 von ihm geschriebenen Märchen gegründet. Im Unterschied zu den Grimmschen Märchen, die als "Volksmärchen" den mündlich überlieferten Erzählschatz einer Kultur sichern und bewahren wollen, gehören Andersens Märchen zu den sorgfältig formulierten "Kunstmärchen". Doch allen Märchen ist gemeinsam, dass sie von Ängsten und Hoffnungen, von Verzweiflung und der Verlässlichkeit von Wundern erzählen. Mit dem einen, aber bedeutenden Unterschied: In Andersens Verständnis müssen Märchen nicht notwendigerweise glücklich enden. Deswegen las er seine Geschichten auch lieber Erwachsenen als Kindern vor.

Leseprobe:

Däumelinchen

Es war einmal eine Frau, die sich sehr nach einem kleinen Kinde sehnte, aber sie wusste nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: "Ich möchte herzlich gern ein kleines Kind haben, willst Du mir nicht sagen, woher ich das bekommen kann?"

"Ja, damit wollen wir schon fertig werden!" sagte die Hexe. "Da hast Du ein Gerstenkorn; das ist gar nicht von der Art, wie sie auf dem Felde des Landmanns wachsen, oder wie sie die Hühner zu fressen bekommen; lege das in einen Blumentopf, so wirst Du etwas zu sehen bekommen!"

"Ich danke Dir!" sagte die Frau und gab der Hexe fünf Groschen, ging dann nach Hause, pflanzte das Gerstenkorn, und sogleich wuchs da eine herrliche, große Blume; sie sah aus wie eine Tulpe, aber die Blätter schlossen sich fest zusammen, gerade als ob sie noch in der Knospe wären.

"Das ist eine niedliche Blume!" sagte die Frau und küsste sie auf die roten und gelben Blätter, aber gerade wie sie darauf küsste, öffnete sich die Blume mit einem Knall. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun sehen konnte, aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Samengriffel ein ganz kleines Mädchen, fein und niedlich; sie war nicht über einen Daumen breit und lang, deswegen wurde sie Däumelinchen genannt.

Eine niedliche, lackierte Wallnussschale bekam sie zur Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratze und ein Rosenblatt ihr Deckbett. Da schlief sie bei Nacht, aber am Tage spielte sie auf dem Tisch, wo die Frau einen Teller hingestellt, um den sie einen ganzen Kranz von Blumen gelegt hatte, deren Stängel im Wasser standen; hier schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf diesem konnte Däumelinchen sitzen, und von der einen Seite des Tellers nach der andern fahren; sie hatte zwei weiße Pferdehaare zum Rudern. Das sah ganz allerliebst aus. Sie konnte auch singen, und so fein und niedlich, wie man es nie gehört hatte.

Hans Christian Andersen: Ausgewählte Märchen, übers. von Julius Reuscher


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