ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Gotthold Ephraim Lessing

Humanität, Verteidigung der Vernunft und Angriffslust: Das sind die Grundzüge, die für den Dramatiker und Essayisten Lessing kennzeichnend sind. Ob in "Minna von Barnhelm" oder in "Nathan der Weise" - stets will er den Beweis für seine humanistischen Thesen antreten.

Stand: 21.05.2017

Als Gotthold Ephraim Lessing (geb. 22. Januar 1729) dem Vater von seinen literarischen Plänen erzählt, spricht dieser ein Machtwort: Der Bub soll lieber etwas Anständiges studieren. Auf Wunsch des Vaters studiert Lessing zunächst Theologie in Leipzig und lernt dort die berühmte Theatertruppe der Friederike Neuber kennen. Gegen den Zauber der Bühne verlieren Vorlesungen über Dogmatik an Reiz. Lessing beginnt mit dem Stückeschreiben.

Ein Hitzkopf in Berlin

Gotthold Ephraim Lessing - ein herausragender Vertreter der Aufklärung

Mit 19 Jahren zieht es Lessing nach Berlin, in die preußische Metropole. Hier entwickelt sich gerade eine vielschichtige Kultur des Journalismus, eine Art bürgerliche Öffentlichkeit - soweit es die staatliche Zensur zulässt. Lessing erregt bald Aufsehen durch die Schärfe seines Stils und seiner Feuilletons, die alles zum Thema aufspießen, was niederzuschreiben nicht verboten ist.

Selbstbewusstes Bürgertum

Berlin wundert sich über den jungen Hitzkopf, der sich nicht damit begnügt Kritiken zu schreiben, sondern auch als Dramatiker den Beweis für seine Thesen antritt: 1755 wird das Stück "Miss Sara Sampson" uraufgeführt. Schon der Untertitel des Theaterstücks ist pure Provokation: "Ein bürgerliches Trauerspiel". Bislang hatten Bürgerliche auf der Bühne höchstens in Dienerrollen oder als Hanswurst etwas zu suchen. Jetzt stellt Lessing die einfachen Leute als Individuen mit Gefühlen dar - und das nicht in einer mythischen Vergangenheit, sondern in der nachvollziehbaren Gegenwart. Den Leuten gefällt's.

Der Gedanke der Freiheit

Obwohl Lessing mittlerweile eine landesweite Berühmtheit ist, kann er als freier Schriftsteller kaum davon leben, weil er sich nicht in die Dienste von Fürsten und Königen begeben will. Er möchte unabhängig bleiben.

Seinen größten Erfolg in der Komödien-Gattung feiert Lessing im Jahr 1767 mit "Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück."

Lustspiel: Minna von Barnhelm

Der verwundete und unehrenhaft entlassene Major von Tellheim, der für die preußische Armee tätig war, befindet sich - ohne finanzielle Mittel und schweren Bestechungsvorwürfen ausgesetzt - mit seinem Diener Just in einem Berliner Gasthof. Dort wartet er auf den Ausgang seines Prozesses. Seine Verlobte Minna reist ihm nach, doch Tellheim wagt es aufgrund seiner Mittellosigkeit nicht, Minna zu heiraten. Da möchte sie ihn mit einer List überzeugen, in dem sie vermeintlich die Verlobung löst und sich obendrein ebenfalls als mittellos ausgibt. Als Tellheim rehabilitiert wird, möchte er seine Minna zur Frau nehmen, doch die weigert sich nun mit Tellheims Argumenten. Beinahe treibt Minna das Spiel zu weit und die Angelegenheit droht zu scheitern.

Ideendrama: Nathan der Weise

Eine Szene aus "Nathan der Weise" im Thalia Theater in Hamburg

1779, im Vorjahr ist seine Frau an Kindbettfieber und mit ihr der Sohn verstorben, legt Lessing sein Glanzstück zur Toleranz vor: "Nathan der Weise". Sultan Saladin testet die Weisheit des Juden Nathan: Dieser soll erklären, welche Religion die wahre sei. Nathan antwortet mit der Ringparabel, wonach drei Söhne beweisen müssen, wer von ihnen den echten Ring geerbt hat, und dies nur durch eigene gute Taten bekräftigen können. Nathans Fazit: Keine Religion ist besser als die andere, es zählt allein das moralische Handeln des Einzelnen. Das Stück ist ein großes Plädoyer für Toleranz gegen das Fremde und Andersartige.

Es ist Lessings letzte große Äußerung als Dichter und als intellektueller Streiter. Das Stück setzt auch den fulminanten Schlusspunkt unter einen erbitterten Streit, den sich der Dichter in aller Öffentlichkeit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze geliefert hat. Zwei Jahre nach der Uraufführung des "Nathan", am 15. Februar 1781 stirbt Lessing.

Leseprobe

Der Degen kühn und ohne Zagen
Hört' eine Frauenstimme klagen.
Nass von Tau noch war das Gras.
Vor ihm auf einer Linde saß
Ein Weib, die Treu gebrach in Not.
Erbalsamt lag ein Ritter tot
Ihr zwischen beiden Armen.
Wollt es einen nicht erbarmen,
Der sie so säh in Schmerzen,
Das geschäh aus falschem Herzen.
Sein Ross der Ritter zu ihr wandte,
Der sie immer nicht erkannte.

SALADIN.
Ich heische deinen Unterricht in ganz
Was anderm; ganz was anderm. - Da du nun
So weise bist: so sage mir doch einmal -
Was für ein Glaube, was für ein Gesetz
Hat dir am meisten eingeleuchtet?

NATHAN.
Sultan,
Ich bin ein Jud'.

SALADIN.
Und ich ein Muselmann.
Der Christ ist zwischen uns. - Von diesen drei
Religionen kann doch eine nur
Die wahre sein. - Ein Mann, wie du, bleibt da
Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.
Wohlan! so teile deine Einsicht mir
Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen
Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit
Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe
Bestimmt, - versteht sich, im Vertrauen - wissen,
Damit ich sie zu meiner mache. - Wie?
Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? - Kann
Wohl sein, daß ich der erste Sultan bin,
Der eine solche Grille hat; die mich
Doch eines Sultans eben nicht so ganz
Unwürdig dünkt. - Nicht wahr? - So rede doch!
Sprich! - Oder willst du einen Augenblick,
Dich zu bedenken? Gut; ich geb' ihn dir. -
(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
Will hören, ob ichs recht gemacht. -) Denk nach!
Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück
Zu kommen.

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise, 3. Akt, 5. Auftritt


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