ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Ernest Hemingway - Der alte Mann und das Meer

Die Jagd, Hochseefischen, Boxen und der Stierkampf faszinierten ihn. Depressionen und Alkohol waren ständige Begleiter seines Lebens. Berühmt wurde Hemingway als Kriegsreporter, Frauenheld und Abenteurer. Seine Lebensweise steht ganz im Gegensatz zu seinem reduzierten Schreibstil.

Stand: 05.07.2016

Ernest Hemingway erhielt 1954 den Literaturnobelpreis. | Bild: picture-alliance/dpa

Ernest Hemingway wurde im Juli 1899 in Oak Park, Illinois, der heutigen Vorstadt von Chicago, als Kind einer gutbürgerlichen Familie geboren. Der Vater war Arzt, die Mutter unterrichtete Musik und gab Konzerte als Opernsängerin. Ernest selbst lernte das Spiel auf dem Cello.

Fidel Castro und Ernest Hemingway 1960 nach einem Wettfischen

Die Familie besaß ein Sommerhaus im einsamen nördlichen Michigan, wo sie mit Freunden ausgedehnte Jagdausflüge unternahm. In der Schule war Ernest begabt in den Fächern Englisch und Sport. Der Weg führte in den Journalismus, in die Richtung der großen Kollegen Mark Twain oder Sinclair Lewis. Hemingway arbeitete als Lokalreporter, als Auslandskorrespondent in Paris und während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) und des Zweiten Weltkriegs als Kriegsreporter.

Hemingways enge literarische Freunde waren Gertrude Stein, Ezra Pound, James Joyce, John Dos Passos und Francis Scott Fitzgerald - Vertreter der künstlerischen Avantgarde. Dasselbe galt auch für seine Malerfreunde: Auch hier suchte er die Nähe zu den Neueren, zu Pablo Picasso, zu Francis Picabia oder zu Juan Gris.

Kriegsbericht in Romanform

Hemingway lebte zwischen 1899 und 1961, in einer Zeit, die durch zwei Weltkriege und blutige Gefechte um koloniale Eroberungen geprägt war. Literarisch herrschte kein Mangel an der Verklärung des militärischen Helden. Hemingways erster bedeutender Roman erschien 1929 als "A Farewell to Arms" ("In einem anderen Land", 1930), in dem er eigene Fronterlebnisse verarbeitete. Das Buch gehört in jene Kategorie von Kriegsbeschreibungen, für die in Deutschland exemplarisch der Name Erich Maria Remarque und dessen Roman "Im Westen nichts Neues" steht. Bei der öffentlichen Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Mai 1933 in Berlin flogen beide Romane ins Feuer.

Roman "In einem anderen Land"

Frederic Henry, ein junger Amerikaner, der in Rom Architektur studiert, meldet sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger zu den Sanitätern. Er kommt an die Front am Fluss Isonzo, im östlichen Italien. Bei einer Granatenattacke erlebt er, was es bedeutet, sein Leben für andere zu riskieren und selber verletzt abtransportiert zu werden - nicht wissend, ob das durchschossene Bein beim nächsten Aufwachen bereits amputiert worden ist.

Novelle "Der alte Mann und das Meer"

1954, sieben Jahre vor seinem Selbstmord, erhielt Hemingway den Literaturnobelpreis für seine Novelle "Der alte Mann und das Meer", die in seiner Wahlheimat Kuba spielt. Es ist die Erzählung des Fischers Gregorio Fuentes, der einen riesigen Marlin fängt, seine Beute aber wieder verliert, weil sich Haie über den Fang hermachen. Als das Werk erschien, jubelte die Kritik, verglich Hemingway mit Faulkner und Melvilles "Moby Dick".

Letzteres gefiel Hemingway nicht. Er wollte einfach eine starke Geschichte schreiben. Darin spielen Opfertum, Heldentum, Romantik und die Würdigung des männlichen Helden gegenüber seinem Schicksal eine Rolle. Stilistisch ist sein Werk durch die Kunst des Weglassens, durch einen schnörkellos-knappen Schreibstil mit kurzen Aussagesätzen geprägt. Die Bedeutung seines Werks blieb trotz der hohen literarischen Auszeichnungen umstritten. Dem Erfolg und dem Bekanntheitsgrad seines Autors tat das keinen Abbruch.

Leseprobe:

Es war jetzt dunkel, wie es im September, wenn die Sonne untergegangen ist, schnell dunkel wird. Er lag gegen das abgenutzte Holz des Bugs und ruhte sich aus, so gut er konnte. Die ersten Sterne waren da. Er kannte de Namen des Rigels nicht, aber er sah ihn und wusste, dass sie bald alle da sein würden und er all seine fernen Freunde um sich haben würde.

"Der Fisch ist auch mein Freund", sagte er laut. "Ich hab' noch nie solchen Fisch gesehen und auch nie von so einem gehört. Aber ich muss ihn töten. Ich bin froh, dass wir nicht versuchen müssen, die Sterne zu töten."

Stell dir mal vor, wenn ein Mann jeden Tag versuchen müsste, den Mond zu töten, dachte er. Der Mond läuft davon. Aber stell dir mal vor, wenn ein Mann jeden Tag versuchen sollte, die Sonne zu töten. Wir sind noch glücklich dran, dachte er.

Dann tat ihm der große Fisch, der nichts zu fressen hatte, leid, aber sein Entschluss, ihn zu töten, wurde durch sein Mitgefühl für ihn nicht geschwächt. - Wie vielen Menschen wird er als Nahrung dienen, dachte er. Aber sind sie's wert, ihn zu essen? Nein, natürlich nicht. Es gibt niemand, der's wert ist, ihn zu essen, wenn man die Art seines Verhaltens und seine ungeheure Würde bedenkt.

Ich verstehe diese Dinge nicht, dachte er. Aber es ist gut, dass wir nicht versuchen müssen, die Sonne oder den Mond oder die Sterne zu töten. Es ist schlimm genug, von der See zu leben und unsere eigenen Brüder zu töten.

Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer. Übers. von Annemarie Horschitz-Horst, 1952


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