ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Emily Brontë - "Sturmhöhe"

Emily war das zweitjüngste Kind der sechs Brontë-Geschwister. In ihrem einzigen Roman "Sturmhöhe" beschreibt sie eine leidenschaftliche Liebes- und Rachegeschichte, die in der unwirtlichen, wilden Landschaft ihrer Heimat spielt - in einem stürmischen Klima, das nicht nur Emily das Leben kostet.

Stand: 13.05.2016

Den größten Teil ihres 30-jährigen Lebens verbrachte Emily Brontë im Pfarrhaus ihres Vaters in Haworth. Der kleine Ort im Norden Englands liegt in der Heide inmitten von Moor und Ödland. Hier wuchs sie mit ihren fünf Geschwistern auf, von denen zwei schon als Kinder an Tuberkulose starben. Der Vater ermutigte Emily, Charlotte, Anne und seinen Sohn Branwell die stattliche Bibliothek des Pfarrhauses zu benutzen. Davon machten die vier auch reichlich Gebrauch, lasen extensiv und erfanden sich gemeinsam eine Fantasiewelt voller Abenteuer und Märchenfiguren.

Eine Liebe, rau und wild wie die nordenglische Landschaft

Die Brontë-Schwestern

"Sturmhöhe" erschien ein Jahr vor Brontës Tod. Auch sie starb an Tuberkulose als Folge des gesundheitsschädlichen Klimas im englischen Moor. Dennoch war es genau diese Landschaft, die Emily in ihrer Rauheit zu ihrem Roman inspirierte. In ihrer Ungezähmtheit entspricht sie dem leidenschaftlichen Wesen ihrer Hauptfigur Heathcliff, der als Findelkind auf einem Gutshof im Ödland von Yorkshire aufwächst. Die Kinder des Gutsherrn, Catherine und Hindley, arrangieren sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Adoptivbruder. Catherine schließt ihn sofort ins Herz, Hindley ist rasend eifersüchtig. Als sich der Sohn des benachbarten Gutsbesitzers in Catherine verliebt und um sie wirbt, zögert sie. Sie liebt Heathcliffe, hadert aber mit dessen unbekannter Herkunft. Diese Zweifel vertraut sie der Haushälterin in einem Gespräch an, das Heathcliff belauscht. Wütend verlässt er das Gut, erst Jahre später kommt er als reicher Mann zurück. Catherine hat inzwischen den Nachbarn geheiratet und Hindley hat den Hof übernommen. Heathcliff hat die Wut über Catherines vermeintliche Zurückweisung nie verwunden und rächt sich fürchterlich.

Unmittelbare Empörung und später Ruhm

Emily Brontë veröffentlichte den Roman damals unter einem männlichen Pseudonym. Einen solch unkonventionellen Roman hätte die Leserschaft einer Frau nicht verziehen. Brontë schildert die Geschichte von Catherine und Heathcliff aus zwei Perspektiven: aus Sicht der armen Haushälterin und des neuen Mieters vom Nachbargutshof. Dabei verleiht sie beiden eine eigene Stimme, wechselt zwischen Bildung und Bauernschläue. Trotz des Pseudonyms reagierten die Leser empört auf diese unbekannte Art, Gefühle zu beschreiben. Und als ihre Tarnung aufflog, war es ganz vorbei mit der Toleranz. Erst 50 Jahre später erkannten Leser und Literaturwissenschaftler, wie weit Brontë ihrer Zeit mit dieser Erzähltechnik voraus war.

Heathcliff erfährt von Catherines Tod:

"'Möge sie in Qualen erwachen!' schrie er mit einer schrecklichen Heftigkeit, stampfte mit dem Fuß auf und stöhnte, völlig die Beute eines Ausbruchs maloser Leidenschaft. 'So hat sie also gelogen bis zuletzt! Wo ist sie? Nicht dort - nicht im Himmel - nicht vernichtet - wo? Oh! du sagtest, dich kümmern meine Leiden nicht! Und ich bete ein Gebet - und ich wiederhole es, bis meine Zunge erlahmt: Catherine Earnshaw, mögest du die Ruhe nicht finden, solange ich lebe! Du sagtest, ich habe dich getötet - also suche mich heim! Die Ermordeten bleiben bei ihren Mördern, glaube ich. Ich weiß, daß Gespenster auf Erden umgegangen sind. Sei immer bei mir - nimm jede Form an, die du willst - mach mich wahnsinnig! Nur laß mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann. O Gott! das ist ja unsäglich! Ich kann nicht ohne mein Leben leben! Ich kann nicht leben ohne meine Seele!'"

(Emily Brontë: Sturmhöhe. Übersetzt von Siegfried Lang)


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