ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


14

Klassiker der Weltliteratur Elias Canetti - "Die Blendung"

Canetti hat sich selbst als "Dichter ohne Werk" bezeichnet und umfangreich ist es tatsächlich nicht: der Roman "Die Blendung", drei Dramen sowie die anthropologische Studie "Masse und Macht", in der er sich mit dem Phänomen von Massenbewegungen befasst.

Stand: 05.07.2016

Elias Canetti | Bild: picture-alliance/dpa

Elias Canetti wurde 1905 als Kind vermögender sephardisch-jüdischer Eltern in Russe geboren, einer Hafenstadt an der Donau, die die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien markiert. 1911 beschloss die Familie, ihr Vermögen in das Geschäft eines Verwandten in Manchester einzubringen und siedelte um nach England. Dort starb völlig unerwartet nur ein knappes Jahr später Jacques Canetti, der junge, scheinbar kerngesunde Vater von Elias.

Die Perspektive des Todes

Die Mutter, Mathilde Canetti, beschließt, mit ihren Kindern auf den Kontinent zurückzukehren, zunächst nach Wien, darauf nach Zürich, schließlich, 1921, nach Frankfurt am Main, wo Elias zwei Jahre später sein Abitur ablegt. Der völlig überraschende Tod des Vaters zerstörte, so empfand es Canetti, jegliches Vertrauen in eine berechenbare Ordnung der Welt. Wir müssen, so folgerte er, unser gesamtes Denken aus der Zentralperspektive des Todes sehen.

Wiener Kaffehaus und Karl Kraus

Der Schriftsteller, Theoretiker und Nobelpreisträger Elias Canetti

Elias Canetti zog nach Wien und studierte dort Chemie. 1929 bekam er den Doktortitel verliehen. In Wien, das war ihm bedeutend wichtiger, konnte man damals den Schriftsteller Robert Musil oder den Komponisten Alban Berg im Kaffeehaus treffen, man konnte den Schülern von Sigmund Freud zuhören, und - am allerwichtigsten für den jungen Canetti - hier hielt der österreichische Schriftsteller Karl Kraus seine Vorlesungen.

Triumph der Massen

Canettis Autobiografie, die drei zu seinen Lebzeiten erschienenen Bände "Die gerettete Zunge" (1977), "Die Fackel im Ohr" (1980) und "Das Augenspiel" (1985) lieferte schon in den frühen Jahren die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Masse, eine der Triebfedern seines künstlerischen Schaffens. Das Thema wurde in dem Buch "Masse und Macht", an dem Canetti über 30 Jahre gearbeitet hatte, und das 1960 erschien, als anthropologische Studie veröffentlicht.

Die Blendung - der einzige Roman

Elias Canetti erhält den Nobelpreis für Literatur

Sein einziger Roman "Die Blendung" erschien 1935. Es ist die Geschichte eines Büchernarren, eines Gelehrten der chinesischen Kulturwissenschaften, für den "die Masse" die unzähligen Bücher sind, mit denen er sich umstellt - und in deren Feuer er letztendlich umkommt. Der berühmte Thomas Mann teilte dem jungen Canetti in einem Brief mit, er sei "beeindruckt von der krausen Fülle, dem Débordierenden seiner Phantasie, der gewiss erbitterten Großartigkeit seines Wurfes, seiner dichterischen Unerschrockenheit, seiner Traurigkeit und seinem Übermut."

1981 erhielt Canetti den Nobelpreis für Literatur, da lebte er in Zürich, wo er 1994 auch starb und begraben wurde.

Leseprobe:

"Was tust du hier, mein Junge?"
"Nichts."
"Warum stehst du dann da?"
"So."
"Kannst du schon lesen?"
"O ja."
"Wie alt bist du?"
"Neun vorüber."
"Was hast du lieber: eine Schokolade oder ein Buch?"
"Ein Buch."
"Wirklich? Das ist schön von dir. Deshalb stehst du also da."
"Ja."
"Warum hast du das nicht gleich gesagt?"
"Der Vater schimpft."
"So. Wie heißt dein Vater?"
"Franz Metzger."
"Möchtest du in ein fremdes Land fahren?"
"Ja. Nach Indien. Da gibt es Tiger."
"Wohin noch?"
"Nach China. Da ist eine riesige Mauer."
"Du möchtest wohl gern hinüberklettern?"
"Die ist viel zu dick und zu groß. Da kann keiner hinüber. Drum hat man sie gebaut."
"Was du alles weißt! Du hast schon viel gelesen."
"Ja, ich lese immer. Der Vater nimmt mir die Bücher weg. Ich möchte in eine chinesische Schule. Da lernt man vierzigtausend Buchstaben. Die gehen gar nicht in ein Buch."
"Das stellst du dir nur so vor."
"Ich hab's ausgerechnet."
"Es stimmt aber doch nicht. Lass die Bücher in der Auslage. Das sind lauter schlechte Sachen. In meiner Tasche hab ich was Schönes. Wart, ich zeig's dir. Weißt du, was das für eine Schrift ist?"

Elias Canetti: "Die Blendung", 1935


14