ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Edgar A. Poe - "Untergang des Hauses Usher"

Er war Dichter und Detektiv, Erzähler und Einzelgänger, Trinker und Träumer, für den sich alles im Leben zu Zeichen verdichtete. Edgar Allan Poe komponierte seine Kurzgeschichten mit logischer Präzision und einem Schuss Übersinnlichem zu kleinen unheimlichen Meisterstücken.

Stand: 05.02.2016

Poe erfand mit der Figur des Auguste Dupin nicht nur den ersten Detektiv der Literaturgeschichte, er ließ die kühle Logik und Deduktionsgabe seines Helden immer auf das unterschwellig lauernde Unheimliche treffen und jagte seinen Lesern damit Schauer über den Rücken. Viele seiner Erzählungen erschienen in Zeitschriften, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuhauf den Markt eroberten, von denen sich allerdings die wenigsten lange hielten. Diese Veröffentlichungen sicherten Poe ein überschaubares Einkommen, das er versuchte, als Journalist und Redakteur aufzubessern. Doch wegen seiner Trinkerei und anderer schwieriger Angewohnheiten endeten solche Beschäftigungsverhältnisse meist schnell wieder.

Einsamkeit, Alkohol und Neider

Vieles in Edgar Allan Poes Biografie liegt im Dunkeln, er kam 1809 in Boston zur Welt. Seine Eltern waren Schauspieler, der Vater machte sich nach einem Jahr aus dem Staub, die Mutter starb, als Poe zwei Jahre alt war. Er wuchs bei der Pflegefamilie Allan auf, nahm auch ihren Namen an, wurde aber nie adoptiert. An der Uni begann er zu trinken, überwarf sich mit dem Pflegevater, ging zum Militär, flog von der Akademie und trank immer noch zuviel. Über die näheren Umstände seines Todes kann nur spekuliert werden. Er starb im Alter von 40 Jahren in Baltimore. Dass sich von Poe lange Zeit hartnäckig das Bild eines zügellosen verruchten Wüstlings hielt, liegt zu einem großen Teil an dessen konservativ-christlichem Nachlassverwalter Rufus Wilmot Griswold, der Poe abgrundtief hasste und ihn als Sünder vorführen wollte. Er schrieb sowohl den Nachruf als auch die erste Biografie. Es dauerte lang, bis Poes Werk in den USA gewürdigt wurde. Zunächst waren es die Franzosen, die seine Texte übersetzten und in Europa bekannt machten.

Das Spiel mit den Urängsten des Menschen

Seine Kurzgeschichten wirken heute noch unheimlich und fesseln durch perfekten Spannungsaufbau. In "Der Untergang des Hauses Usher" erzählt ein junger Mann von seinem Besuch bei einem alten Freund, dem Maler Roderick Usher. Usher fühlt sich nicht gut, er leidet an Angstattacken, seine Sinne sind überempfindlich und extrem geschärft. Gerade ist dann auch noch seine geliebte Schwester gestorben und Usher bittet den Freund, ihm bei ihrer Grablegung behilflich zu sein.

"Nachdem wir unsere traurige Bürde an diesem Ort des Grauens auf ein vorbereitetes Gestell niedergesetzt hatten, schoben wir den noch lose aufliegenden Deckel des Sarges ein wenig zur Seite und blickten in das Antlitz der Ruhenden. Eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester fesselte jetzt zum erstenmal meine Aufmerksamkeit, und Usher, der vielleicht meine Gedanken erriet, murmelte ein paar Worte, denen ich entnahm, daß die Verstorbene und er Zwillinge gewesen waren, und daß Sympathien ganz ungewöhnlicher Natur stets zwischen ihnen bestanden hatten. Unsere Blicke ruhten jedoch nicht lange auf der Toten - denn wir konnten sie nicht ohne Ergriffenheit und Grausen betrachten. Das Leiden, das die Lady so in der Blüte der Jugend ins Grab gebracht, hatte - wie es bei Erkrankungen ausgesprochen kataleptischer Art gewöhnlich der Fall ist - auf Hals und Antlitz so etwas wie eine schwache Röte zurückgelassen und den Lippen ein argwöhnisch lauerndes Lächeln gegeben, das so schrecklich ist bei Toten. Wir setzten den Deckel wieder auf, schraubten ihn fest, und nachdem wir die Eisentüre wieder verschlossen hatten, nahmen wir mit Mühe unsern Weg hinauf in die kaum weniger düsteren Räumlichkeiten des oberen Stockwerkes."

(Edgar Allan Poe: Der Untergang des Hauses Usher. Herausgegeben von Theodor Etzel.)

Am Abend versucht der Erzähler den Freund zu beruhigen und liest ihm eine Geschichte vor, als Schreie durch das Haus schallen und die Schwester in der Tür steht. Die beiden hatten sie lebendig begraben, nun sinkt sie auf das Bett ihres Bruders und stirbt. Auch Usher stirbt und der Erzähler verlässt in Panik das Haus, das hinter ihm zusammenbricht.


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