ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


17

Klassiker der Weltliteratur E.T.A. Hoffmanns "Elixiere des Teufels"

Seine Zeitgenossen nannten ihn "Gespenster Hoffmann". Das Fantastische, das seine Texte durchdringt, lag den Lesern im 19. Jahrhundert fern. Erst nach seinem Tod fanden Hoffmanns Bücher ein wachsendes Publikum sowie Musiker und Schriftsteller, die sich auf seine Motive bezogen.

Stand: 21.08.2017

Hoffmann stand in seinem Leben häufiger vor der Wahl sich entweder vernünftig oder unvernünftig zu entscheiden: Entgegen seiner musikalischen Neigung schlug er als junger Mann die Beamtenlaufbahn ein und studierte Jura, denn das war vernünftig. 1804 wurde er ins damals preußische Warschau versetzt und hatte genügend Zeit, zu musizieren und komponieren - ein irdisches Paradies, bis zwei Jahre später Napoleon einmarschierte und Hoffmann arbeitslos wurde. Er beschloss, sich als freier Künstler in Berlin niederzulassen, wo sich weder Erfolg noch Geld einstellte. Aber noch unvernünftiger war seine Entscheidung, die Abfindung für seine Entlassung aus dem Staatsdienst in Vergnügungen zu investieren, die ihm die Syphilis bescherten, an der er 1822 starb.

Von Wilhelm zu Amadeus

Dass Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann im Alter von 33 Jahren seinen dritten Vornamen in Amadeus änderte, hatte mit gewissen Vorbehalten gegenüber allem Preußischen zu tun. Der andere, vielleicht schwerwiegendere Grund für die Änderung war Mozart. Hoffmann verehrte den Komponisten, überhaupt liebte er die Musik und wäre darum beinahe gar nicht als Literat in Erscheinung getreten. Man könnte also von Glück sprechen, dass er seinen Job als Musikdirektor in Bamberg so erfolglos ausübte. Hoffmann war kein guter Dirigent, denn er war kein Machtmensch. Er begann zu schreiben und hatte sich bald als Autor einen Namen gemacht.

Die Leidensgeschichte des Medardus

Zu seinen bekanntesten Werken gehört der Roman "Die Elixiere des Teufels" nach der Vorlage eines englischen Schauerromans namens "The Monk". Hoffmann erzählt hier in einer fiktiven Autobiografie die Lebensgeschichte des Mönches Medardus, der ein im Kloster verwahrtes teuflisches Elixier trinkt, dass das Schlimmste in ihm zum Vorschein bringt. Getrieben von Fleischeslust verliebt er sich in die junge Aurelie und verlässt das Kloster, um sie zu suchen. Der Prior bemerkt Medardus' Unruhe und schickt ihn nach Rom, wo er Aurelies Bruder tötet, mit ihrer Stiefmutter anbandelt und schließlich seinem eigenen Doppelgänger gegenübersteht und damit an den Rand des Wahnsinns gerät. Er kehrt ins Kloster zurück, aber der Weg zurück zum Seelenfrieden ist weit.

"In dem Augenblick erfaßte mich, wie ein jäher, alle Nerven und Pulse durchzuckender Schmerz, die Sehnsucht der höchsten Liebe; 'Aurelie - ach, Aurelie!' rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton: 'Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen Feste in dem Kloster bemerkt? - Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den Klosternamen Rosalia.' - Erstarrt - lautlos blieb ich vor dem Prior stehen. 'Gehe zu den Brüdern!' rief er beinahe zornig, und ohne deutliches Bewußtsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Brüder versammelt waren. Man bestürmte mich aufs neue mit Fragen, aber nicht fähig war ich, auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu sagen; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat mir glänzend entgegen. Unter dem Vorwande einer Andachtsübung verließ ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle, die an dem äußersten Ende des weitläuftigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das kleinste Geräusch, das linde Säuseln des Laubganges riß mich empor aus frommer Betrachtung. 'Sie ist es ... sie kommt ... ich werde sie wiedersehen' - so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken. Es war mir, als höre ich ein leises Gespräch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Kapelle und siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei Nonnen, in ihrer Mitte eine Novize. - Ach, es war gewiß Aurelie - mich überfiel ein krampfhaftes Zittern - mein Atem stockte - ich wollte vorschreiten, aber keines Schrittes mächtig, sank ich zu Boden. Die Nonnen, mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebüsch. Welch ein Tag! - welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie - kein anderes Bild - kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern."

(E.T.A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels)


17