ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Honoré de Balzac - "Vater Goriot"

Der franzözische Schriftsteller Balzac war vom Schreiben besessen. Sein Hauptwerk, "La Comédie Humaine" - "Die menschliche Komödie", war auf 137 Romane angelegt, blieb aber unvollendet. Mit seinem Lebenswerk wollte Balzac ein umfassendes (Sitten-)Gemälde seiner Zeit entwerfen.

Stand: 05.02.2017

Honoré de Balzac | Bild: picture-alliance/dpa

Nach einer freudlosen Kindheit und Jugend begann Balzac (1799 - 1850) ein Jura-Studium in Paris, doch er verließ die Universität vor den Abschlussprüfungen. Seine wahre Berufung sah er in der Schriftstellerei. Balzac wollte gleichzeitig Autor, Redakteur, Herausgeber, Verleger und Besitzer einer Druckerei sein. Er realisierte seine Pläne auch tatsächlich, erlitt aber finanziellen Schiffbruch und musste aufgrund von hohen Schulden Teile seines Unternehmens verkaufen.

Aus Balzac wird de Balzac

Die Maison du Balzac im Pariser Stadtteil Passy

Balzac drängte in die feine Gesellschaft der Pariser Salons. Durch Affären mit zahlreichen, meist verheirateten Damen des Adels gelang ihm das auch. Die erlebten Geschichten fanden sich in seinen Romanen wieder. Balzac war gleichzeitig Erzähler, Hauptfigur und Vorbild für seine Geschichten.

Der literarische Erfolg ließ lange auf sich warten. Balzac war 30 Jahre alt, als die Kritik ihm erstmals ihre Aufmerksamkeit schenkte für "Le dernier Chouan ou la Bretagne en 1800". Es war der erste Roman, den er unter eigenem Namen veröffentlichte. Der deutsche Titel lautet "Die Königstreuen". Es geht um die Geschichte einer Gruppe von Bretonen, die ihrem König in der Revolution von 1789 bis zuletzt die Treue halten. Balzac ergriff die Partei des Adels. Und als Zeichen der Zugehörigkeit stellte er seinem Namen ein "de" voraus. Jetzt war er Monsieur de Balzac.

Später literarischer Erfolg

Der rastlos arbeitende Dichter trug beim Schreiben stets eine Mönchskutte.

Mit dem ersten wirtschaftlichen Erfolg begann Balzac, einen sehr aufwendigen und luxuriösen Lebensstil zu pflegen und machte bereits nach kurzer Zeit Schulden. Doch hatte das Leben eines Emporkömmlings und Lebemannes keine Auswirkungen auf seine Vitalität und literarische Schaffenskraft. Er schrieb bis zu 16 Stunden täglich - mithilfe eines exzessiven Kaffeekonsums. Als Teil der "Comédie Humaine", in der in rund 90 Bänden mehr als 2.000 Personen auftreten, entstand ein Glanzstück der realistischen Erzählweise, die Geschichte von Vater Goriot: "Le Père Goriot".

Der Roman erschien 1835, und er verknüpft das Schicksal eines jungen sozialen Aufsteigers mit dem eines alten Mannes, eines ehemaligen Nudelverkäufers, der sich auf tragische Weise verspekuliert hat. Der junge Mann, Eugène de Rastignac, und der frühere Nudelhändler, Jean-Joachim Goriot, leben in einer schäbigen Pension in einem heruntergekommenen Viertel von Paris. Goriot hat sich ruiniert, weil er seine gesamte Habe in die Aussteuer für seine beiden Töchter investiert hat, die über ihrem Stande geheiratet haben. Rastignac versucht nun, durch eine Affäre mit einer dieser Töchter, in jene Kreise vorzudringen, wird dabei von dem Alten unterstützt, der für seinen Schwiegersohn nur noch Hass empfindet.

Leseprobe:

Eugen, der glücklich war, dem Sterbenden das Kommen wenigstens einer seiner Töchter anzuzeigen, langte fast heiter in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève an. Er suchte in der Börse, um den Kutscher gleich bezahlen zu können. Die Börse dieses jungen, reichen, vornehmen Weibes enthielt nur siebzig Franken. Als er oben ankam, fand er Vater Goriot in den Armen Bianchons, dem ein Arzt und ein Wärter aus dem Krankenhause zur Hand gingen. Man brannte ihm den Rücken mit Moxa, diesem letzten, unnützen Versuchsmittel der Wissenschaft.

"Fühlen Sie das Brennen?" fragte der Mediziner. Vater Goriot, der das Eintreten des Studenten bemerkt hatte, rief: "Sie kommen, nicht wahr?" "Er erholt sich wieder", sagte der Wärter, "er spricht." "Ja", erwiderte Eugen, "Delphine wird gleich hier sein." "Er spricht immer nur von seinen Töchtern", sagte Bianchon, "er schreit nach ihnen wie ein Verdurstender nach Wasser." - "Genug", sagte der Arzt zu dem Wärter, "wir können nichts mehr tun, er ist nicht zu retten." Bianchon und der Wärter legten den Sterbenden auf sein armseliges Lager zurück. "Man sollte ihm aber reine Wäsche geben", sagte der Arzt; "wenn es auch keine Hoffnung mehr gibt, so muß man in ihm doch den Menschen ehren. Ich komme wieder, Bianchon", wandte er sich an den Studenten. "Sollte er wieder klagen, so geben Sie ihm Opium."

Der Arzt und der Wärter entfernten sich.

"Vorwärts, Eugen! Mut, mein Junge!" sagte Bianchon zu Rastignac, als sie allein waren, "jetzt heißt es, ihm ein sauberes Hemd und reine Bettwäsche geben. Geh und sage Sylvia, daß sie das Nötige heraufbringt und uns helfen kommt."

Eugen ging hinunter und fand Frau Vauquer und Sylvia dabei, den Tisch zu decken. Bei den ersten Worten Rastignacs hielt die Witwe inne in der Arbeit und setzte die sauersüße Miene einer argwöhnischen Krämersfrau auf, die weder ihr Geld verlieren noch ihren Kunden erzürnen möchte.

"Mein lieber Herr Eugen", entgegnete sie, "Sie wissen ebenso gut wie ich, dass Vater Goriot nicht einen Sou mehr hat. Es ist wirklich überflüssig, dem Alten, der im Sterben liegt, noch frische Wäsche zu geben, muss man ihm doch ohnedies ein Leichentuch opfern. Auch schulden Sie mir bereits hundertvierundvierzig Franken, rechnen Sie vierzig Franken für Leintücher und andere Kleinigkeiten hinzu, die Sterbekerzen und so weiter, alles das zusammen macht mindestens zweihundert Franken, die eine arme Witwe wie ich nicht entbehren kann. Seien Sie gerecht, Herr Eugen, ich habe in den letzten fünf Unglückstagen genug verloren! Ich würde zehn Taler darum geben, wenn dieser Alte da vor ein paar Tagen ausgezogen wäre, wie er beabsichtigte. Er vertreibt mir ja meine Pensionäre. Versetzen Sie sich doch in meine Lage: meine Pension, das ist mein Vermögen!"

Eugen eilte wieder zu Vater Goriot hinauf.

Honoré de Balzac: "Vater Goriot"


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