ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Anton Tschechows Erzählungen

Tschechow merkt man in seiner Prosa besonders den Arzt an. Mit scharfer Beobachtungsgabe diagnostiziert er die Krankheiten der russischen Gesellschaft. Er beschreibt seine Landsleute mit feinem Humor - ohne sie vorzuführen. Wie in seiner Geschichte "Der Kuss".

Stand: 20.05.2016

Was passiert, wenn ein russischer Offizier von "unbestimmtem Äußeren", der weder einen nennenswerten Bart vorweisen noch mit sonstigen männlichen Attributen glänzen kann, unvermutet und ganz aus Versehen von einer Frau geküsst wird? Er läuft herum wie ein Erweckter und erkennt erst dann sein großes Unglück. Denn Stabs-Kapitän Rjabowitsch kann sein Glück über die Verwechslung, der er seinen ersten Kuss verdankt, nicht in Worte fassen und das lässt ihn verzweifeln.

Literatur ohne Zeigefinger

Mit seiner Erzähltechnik bereitete Tschechow der Gattung Kurzgeschichte den Weg. Er nimmt in seinen Texten eine Beobachterposition ein, von der aus er Momentaufnahmen festhält und nüchtern schildert. Dabei hat sich Tschechow niemals der Illusion hingegeben, die Gesellschaft durch sein Schreiben ändern zu können. Das wollte er auch nicht. Der Möglichkeit, mit Literatur Aufklärung zu betreiben, stand er immer skeptisch gegenüber. Obwohl er mit seiner Monografie über die Strafkolonie auf der Insel Sachalin immerhin bewirkte, dass die Regierung eine Kommission dorthin entsandte, um sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen anzusehen.

Das Unglück der eigenen Sprachohnmacht

Tschechow konzentrierte sich auf das, was ihm selbst nahe ging. Das banale, unspektakuläre Unglück der Menschen, für das er die größte Empathie empfand. Wie das Unglück des Offiziers Rjabowitsch, der daran verzweifelt, seinem überwältigenden Glück mit Sprachlosigkeit begegnen zu müssen - weil ihm schlichtweg die Worte fehlen.

"Als er in den Saal zurückkehrte, klopfte sein Herz und seine Hände zitterten so bemerkbar, daß er sich beeilte, sie hinter dem Rücken zu verstecken. Anfangs quälten ihn Schande und Furcht, daß der ganze Saal es wisse, daß ihn soeben eine Frau umarmt und geküßt hätte. Er zog sich zusammen und sah sich unruhig nach allen Seiten um, aber nachdem er sich überzeugt hatte, daß im Saal ruhig weitergetanzt und geplaudert wurde, gab er sich ganz einem neuen, bisher noch nie im Leben empfundenen Gefühl hin. Es ging etwas sonderbares mit ihm vor . . . Sein Hals, den soeben die weichen duftenden Arme umfangen hatten, war, wie es ihm schien, wie mit Öl eingerieben; auf der Wange neben der linken Schnurrbartspitze, wo ihn die Unbekannte geküßt hatte, zitterte eine leichte, angenehme Kühle, wie von Pfefferminztropfen, und je mehr er diese Stelle rieb, um so stärker empfand er die Kühle; er selbst aber war vom Kopf bis zu den Füßen von einer neuen, seltsamen Empfindung erfüllt, die immer wuchs und wuchs . . ."

(Anton Tschechow: Der Kuss.)


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