ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Die "Antigone" von Sophokles

Sie verkörpert den Konflikt zwischen Gewissen und Gehorsam: Antigone begräbt ihren Bruder, obwohl es verboten ist. Die Konsequenz, mit der sie handelt, weil sie überzeugt ist das Richtige zu tun, macht Antigone zu einer der berühmtesten Theaterfiguren überhaupt.

Stand: 05.07.2016

Tilman Spengler führt durch die Literaturgeschichte. | Bild: Honorarfrei lediglich für Ankündigungen und Veröffentlichungen im Zusammenhang mit obiger BR-Sendung bei Nennung: Bild: BR/Foto Sessner. Die Nutzung im Social Media-Bereich, sowie inhaltlich andere Verwendungen nur nach vorheriger schriftlicher Vereinbarung mit dem BR-Bildarchiv, Tel. 089 / 5900 10580, Fax 089 / 5900 10585, Mail Pressestelle.foto@br.de

In der klassischen griechischen Tragödie tragen sich Mord, Totschlag und sonstige Katastrophen gerne in der Familie zu. Das erhöht und verdichtet die Spannung und erlaubt es dem Autor, die Handlung auf engstem Raum zu entfalten. Wie in Sophokles' "Antigone". Antigone ist die Tochter des Ödipus. Ihre Brüder haben sich im Kampf um die Stadt Theben gegenseitig getötet. Des Angreifers Polyneikes' Leichnam soll auf Weisung des Königs Kreon nun nicht begraben, sondern vor den Stadtmauern von Theben den Vögeln zum Fraß vorgeworfen werden. So lautet das neue Gesetz.

"Antigone: Und deine Machtvollkommenheit gilt mir so hoch / Nicht, daß, ein Sterblicher, du hinweg dich setzen darfst / Über der Götter ungeschriebenes, ewiges Recht."

(Sophokles: Antigone. Übersetzt von Leo Turkheim)

Doch Antigone sieht den Willen der Götter in diesem Gebot missachtet und begräbt ihren Bruder heimlich in der Nacht. Sie weiß, dass auf ihre Befehlsverweigerung die Todesstrafe steht. Als man Polyneikes am Morgen mit Erde und Staub bedeckt findet, buddeln ihn die Wächter wieder aus, woraufhin Antigone ihn am helllichten Tag demonstrativ noch einmal beerdigt. Kreon ist außer sich, aber Antigone bietet ihm die Stirn.

Sophokles: Poet, Politiker, Priester

Sophokles wusste sehr genau, welchen Konflikt er hier beschreibt. Denn der Athener war nicht nur Dramatiker, er war auch Staatsmann und eine Art Priester. Er glaubte an die Muse des Dichters, an das Mitleid der Götter, wusste aber auch, wie man Kriege führt und was es heißt, Gehorsam gewaltsam einzufordern. Als Finanzchef des Attischen Seebundes war er ein politisches Wesen, aber eben nicht durch und durch. Sophokles konnte sich sowohl in Antigone als auch in ihren Onkel Kreon, den König von Theben, hineinversetzen.

Der Blinde sieht und der Sehende ist blind

Aus diesem Grund lässt er Kreon auch zur Einsicht gelangen, und zwar mit Hilfe des blinden Teiresias. Der Seher weissagt dem König den Tod eines Familienmitglieds, sollte er bei seinem Vorhaben bleiben, Antigone lebendig einmauern zu lassen.

"Teiresias: Zu irren ist der Menschheit allgemeinsam Los; / Doch weise rühm' ich, glücklich preise ich den Mann, / Der klug den Irrtum, welcher Schaden ihm gebracht, / Zu heilen sucht und nicht auf seinem Sinn beharrt."

(Sophokles: Antigone. Übersetzt von Leo Turkheim)

Teiresias jagt Kreon Angst ein. Der will den Rat des Sehers befolgen, doch es ist zu spät. Antigone hat sich bereits in ihrer Zelle erhängt; Kreons Sohn Haimon, Antigones Verlobter, ist aus Trauer in sein Schwert gerannt; Eurydike, Kreons Frau, hat den Tod des Sohnes nicht verkraftet und sich ebenfalls das Leben genommen. Und erst jetzt ändert Kreon wirklich seine Meinung und sieht, dass er im Unrecht war. Sophokles' "Antigone" stammt zwar aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, aber stellt auch noch im 21. Jahrhundert die letzten Fragen, allen voran: Wem sollten wir uns verpflichtet fühlen, unserem Gewissen oder dem Gesetz?


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