ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur A. von Droste-Hülshoff - "Die Judenbuche"

Generationen von Schülern haben ihr Hauptwerk gelesen und waren fasziniert und abgestoßen von dem Zusatz: ein Sittengemälde. Sittsam geht es in "Der Judenbuche" nicht zu. Doch die Ordnung wird wiederhergestellt. Dafür sorgen Annette von Droste-Hülshoff und die Zeit des Biedermeier.

Stand: 02.06.2017

Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848) kannte die Natur, die sie in ihre Erzählungen und Gedichte einflocht, aus erster Hand. Sie sammelte Mineralien und seltene Pflanzen, die sie von Ausflügen mitbrachte und zu klassifizieren versuchte. Neben diesen Pflanzen und Mineralien sammelte sie aber auch Geschichten, Mythen, Volksmärchen, die ihr die Bauern und Torfstecher erzählten. Für diese Neugier auf Geschichten aus dem Volke war auch ein junger Gelehrter verantwortlich, dem sie begegnete, als sie 16 Jahre alt war Wilhelm Grimm.

Mitglied im rheinischen Salon

Annette von Droste-Hülshoff

Die häufig als spröde, ein wenig verkopfte und herrisch charakterisierte Dichterin führte kein sozial vereinsamtes Leben. Obgleich sie häufig als Blaustrumpf dargestellt wird, wurde sie in den weltläufigen Salon der Sibylle Mertens aufgenommen; das Haus war der Treffpunkt der geistigen Elite in Bonn. Hier verkehrten Adele Schopenhauer, die Schwester des berühmten Philosophen, und auch Goethes Schwiegertochter Ottilie.

"Der Knabe im Moor"

Die Ballade "Der Knabe im Moor" zählt zu den bekanntesten Gedichten der Droste-Hülshoff. Die Stoffe ihrer Dichtungen waren nie ganz ohne Bezug zu ihrem eigenen Leben. Im "Knaben im Moor" ist die Todesgefahr allgegenwärtig, doch es gibt auch einen Schutzengel, der dem Gefährdeten beisteht. Zudem hat das Moor mit seinem Grauen auch etwas Verlockendes.

Lebenskrise und Krankheit

Geburtshaus der Dichterin: Wasserburg Haus Hülshoff

Diese Motive lassen sich auch im Leben der Droste-Hülshoff wiederfinden. Sie war seit ihrer Kindheit kränklich. Das Gebet zum Schutzengel wurde in ihrer sehr konservativen, katholischen Familie als Heilmittel höher eingeschätzt als ein Arztbesuch. Auch die Themen Schauer und Verlockung waren der jungen Freiin nicht fremd. 1820, mit 23 Jahren, wollte sie eine Liebesheirat eingehen, allerdings war der Bewerber ein Protestant. Für die Familie war das ein Skandal, die Beziehung platzte, fortan widersetzte sich die junge Frau den Anweisungen ihrer Familie nicht mehr.

Korsett der Konventionen

Anfang der 1840er-Jahre verliebte sich Annette in ihren 17 Jahre jüngeren Patensohn Levin Schücking, den sie als Bibliothekar eingestellt hatte. Er ist ihr seelenverwandt und wird ihre Muse für das Werk, mit dem ihr Name untrennbar verknüpft ist: "Die Judenbuche". Doch dieser Liebe ist kein Glück beschieden. Und auch den Erfolg ihrer Werke erlebt sie nicht mehr. Annette von Droste-Hülshoff stirbt 1848 in der Burg Meersburg am Bodensee.

"Die Judenbuche"

Rüschhaus bei Münster: Hier entstand "Die Judenbuche".

"Die Judenbuche - Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westphalen" erschien erstmals 1842 im Cotta'schen "Morgenblatt für gebildete Leser", dem bedeutendsten Literaturmagazin der damaligen Zeit. Der Kern der Geschichte geht auf eine reale Begebenheit zurück. Der Held der Novelle, Friedrich Mergel, wächst in einer Familie auf, die von der Wilderei und dem Holzdiebstahl lebt.

Eines Tages wird Friedrichs Vater tot im Wald aufgefunden, der Junge gerät in die Obhut des Onkels, der einen schlechten Einfluss auf Friedrich ausübt. Mitschuldig wird er am Mord an einem Förster, allein schuldig am Mord an den Juden Aaron, der ihn auf einer Hochzeitsfeier wegen einer Geldschuld bloßstellt. Der Mord geschieht unter einer Buche, die jüdische Gemeinde graviert in seine Rinde den hebräischen Spruch: "Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir gethan hast."

Friedrich entflieht mit seinem Halbbruder Johannes Niemand, der ihm bis auf eine Narbe am Hals zum Verwechseln ähnlich sieht. Viele Jahre später taucht der völlig ausgemergelte Halbbruder wieder auf. Er berichtet von Jahren der Sklaverei in der Türkei, in die er mit dem inzwischen verschollenen Friedrich geraten sei. Ein paar Tage später findet man ihn erhängt an der Judenbuche. Als man ihn vom Baum abschneidet, entdeckt man die Narbe am Hals, die ihn als Friedrich entlarvt.

Leseprobe

Friedrich Mergel, die Hauptfigur
Margret Mergel, Friedrichs Mutter
Hermann Mergel, Friedrichs Vater

Friedrich stand in seinem neunten Jahre. Es war um das Fest der heiligen drei Könige, eine harte, stürmische Winternacht. Hermann war zu einer Hochzeit gegangen und hatte sich schon bei Zeiten auf den Weg gemacht, da das Brauthaus Dreiviertelmeilen entfernt lag. Obgleich er versprochen hatte, Abends wiederzukommen, rechnete Frau Mergel doch um so weniger darauf, da sich nach Sonnenuntergang dichtes Schneegestöber eingestellt hatte. Gegen zehn Uhr schürte sie die Asche am Herde zusammen und machte sich zum Schlafengehen bereit. Friedrich stand neben ihr, schon halb entkleidet, und horchte auf das Geheul des Windes und das Klappen der Bodenfenster.

"Mutter, kommt der Vater heute nicht?" fragte er. - "Nein, Kind, morgen." - "Aber warum nicht, Mutter? er hat's doch versprochen." - "Ach Gott, wenn der Alles hielte, was er verspricht! Mach, mach voran, dass du fertig wirst!" Sie hatten sich kaum niedergelegt, so erhob sich eine Windsbraut, als ob sie das Haus mitnehmen wollte. Die Bettstatt bebte und im Schornstein rasselte es wie ein Kobold. - "Mutter - es pocht draußen!" - "Still, Fritzchen, das ist das lockere Brett im Giebel, das der Wind jagt." - "Nein, Mutter, an der Thür!" - "Sie schließt nicht; die Klinke ist zerbrochen. Gott, schlaf doch! bring mich nicht um das armselige Bischen Nachtruhe." - "Aber wenn nun der Vater kommt?" - Die Mutter drehte sich heftig im Bett um. - "Den hält der Teufel fest genug!" - "Wo ist der Teufel, Mutter?" - "Wart, du Unrast! er steht vor der Thür und will dich holen, wenn du nicht ruhig bist!"

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche


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