ARD-alpha - Grundkurs Deutsch


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Grundkurs Deutsch (14) 14.1. Liebe in der Lyrik

Wenn ein Schriftsteller Gefühle wie Leid, Freude und Liebe ausdrücken will, welche literarische Gattung liegt dann näher als die Lyrik? Keine - wie auch die Menge an klassischen Liebesgedichten zeigt.

Von: Stefan Bagehorn

Stand: 02.04.2019 | Archiv

Ein Herz, gemalt in den Sand am Nordseestrand | Bild: picture-alliance/dpa

Wir befassen uns in dieser Folge mit zwei großartigen Dingen gleichzeitig: mit Literatur und mit Liebe. Die Liebe ist ja an und für sich schon eine feine Sache, aber wenn sie auf die Literatur trifft, dann schafft sie es gelegentlich, den wohl größten Menschheitstraum zu verwirklichen: Sie wird unsterblich.

Ein unsterbliches Beispiel

Romeo und Julia im Musical

Ein Beispiel: Romeo und Julia, das wohl berühmteste Liebespaar der Welt. William Shakespeare hat die Tragödie 1597 veröffentlicht und damit sind die beiden Liebenden inzwischen schon mehr als 400 Jahre alt. Nach fünf Akten sind sie tot, aber das macht rein gar nichts. Sie leben trotzdem für jede Leser-Generation aufs Neue. Liebe hält eben jung. Sogar, wenn man eigentlich tot ist.

Wozu ist Lyrik eigentlich gut?

Wenn ein Schriftsteller Gefühle wie Leid, Freude und Liebe ausdrücken will, welche literarische Gattung liegt dann näher als die Lyrik? Keine - wie auch die Menge an klassischen Liebesgedichten zeigt.

Generation auf Generation von Schülern hat immer wieder die gleiche Frage gestellt: "Wozu, um Himmels willen, ist Lyrik eigentlich gut? Kann man das nicht "normal" sagen?" Die Antwort lautet: Könnte man. Man könnte "das" sicher auch normal sagen. Aber nicht so: nicht so überzeugend, nicht so emotional bewegend und nicht mit so wenigen Worten.

Erich Fried: "Was es ist"

Die überwältigende Ausdruckskraft von Liebeslyrik wird an vielen Gedichten deutlich. Als Beispiel sei - vertretend für viele andere - genannt: Erich Frieds "Was es ist". Mit gerade einmal 71 Worten in zwanzig winzig kurzen Zeilen sagt es einfach alles ...

Schriftsteller Erich Fried

Innerhalb von drei Strophen hat Fried ein Frage- und Antwort-Spiel konstruiert zwischen der Liebe und ihren Widersachern. Als Gegner treten auf: die Vernunft, die Berechnung, die Angst, die Einsicht, der Stolz, die Vorsicht und die Erfahrung. Sie alle thematisieren negative Folgen, Auswirkungen und Begleitumstände der Liebe. Und die Zweifler haben Recht. All diese Einwände sind richtig und zutreffend. Das bestreitet die Liebe auch nicht, aber sie kontert die Kritik auf sehr eindrucksvolle Art: "Es ist was es ist". Die Liebe argumentiert nicht, sie verteidigt sich nicht, sie "ist" einfach. Sie ist einfach so, wie sie ist. Die Liebe lässt sich nicht erklären.

Kann man das schöner ausdrücken? Und in 71 Worten? Wohl kaum!

Liebe in der modernen Musik

Man könnte sagen, in Pop, R & B, Soul und Co. ist die Lyrik wieder dahin zurückgekehrt, wo sie einmal angefangen hat. Das Wort "Lyrik" leitet sich nämlich vom griechischen "Lyra", der Leier, einem Musikinstrument ab. Denn ursprünglich wurden die Gedichte in der Antike zur musikalischen Begleitung durch die Leier vorgetragen beziehungsweise vorgesungen. Nichts anderes sind wohl heutige musikalische Liebeshymnen.


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