ARD-alpha - Campus Magazin


5

Interview Prisca Franke hilft bei WG-Problemen

Jura-Studentin Prisca Franke (24) ist die Rettung für WGs, in denen es Konflikte gibt. Ihr Projekt heißt "Mediation für Studenten" - – dabei geht es ihr nicht ums Geld, sie hilft ehrenamtlich.

Von: Lukas Hellbrügge

Stand: 09.10.2015

Prisca, du hast schon in vielen WGs vermittelt – gibt es Probleme, die sich wiederholen?

"Ein Klassiker ist Putzen und Lärm. Entweder wird um fünf Uhr morgens geputzt oder nachts um 23 Uhr. Oft ist es aber auch einfach ein unterschiedliches Verständnis von Sauberkeit: Es gibt keine allgemeingültige Regel, wie viele Haare auf dem Boden liegen dürfen."

Und dann kommst du und erstellst mit der WG erst mal einen Putzplan?

"Nein. Es kommt keiner zum Mediator, weil das Bad dreckig ist. Die Konflikte liegen meistens sehr viel tiefer. Die decke ich auf. Zum Beispiel hatte ich den Fall, dass ein Jura-Student mit einem Soziologie-Studenten zusammengewohnt hat. Der Jura-Student hat gesagt: Mein Studium ist viel stressiger und zeitaufwändiger als deins, da kannst du doch auch mehr in der WG putzen. Und da ist dann eine Bombe geplatzt. Der Soziologie-Student hat gesagt: Bin ich jetzt weniger wert?"

In der Mediation geht es an einem Punkt darum, Interessen und Bedürfnisse zu artikulieren. Warum ist das so wichtig?

"Dadurch, dass man die Interessen aufschlüsselt, kriegt der andere mit: Ach so, das genau ist eigentlich das Problem, das er hat. Und jetzt versteh ich die Situation das erste Mal. Und natürlich kann ich darauf Rücksicht nehmen. Das ist dann meistens erst mal die Reaktion. Insgesamt ist die Struktur der Mediation sehr wichtig, der Prozess funktioniert nur, wenn die einzelnen Themen genau analysiert und hinter die Oberfläche geblickt wird."

In der Mediation entwickeln die WG-Bewohner auch gemeinsame Lösungsoptionen und verhandeln anschließend. Worauf musst du da als Mediatorin achten?

"Das ist ein wichtiger Punkt der Mediation: Wir alle haben gelernt, dass die Lösung eines Streits oft in einem Kompromiss liegt, dass man sich in der Mitte trifft. In der Mediation geht man aber einen anderen Weg: Es geht nicht darum zu sagen, was man haben will, sondern darum, was man anbieten kann."

Am Ende des Prozesses steht eine Vereinbarung, die von allen WG-Bewohnern unterschrieben wird. Was steht da so drin?

"Da kann im Prinzip alles drin stehen: Ich werde nicht mehr das Essen der anderen essen. Oder: Die Cornflakes-Schachtel gehört uns beiden. Ich werde nicht mehr nach 12 Uhr nachts Rap-Musik spielen oder ab 2 Uhr morgens staubsaugen."

Dein Projekt gibt es ja nur in Heidelberg und Umgebung. Welchen Tipp hast du für WGs, die sich selbst helfen müssen?

"Man sollte erst mal sehen, dass jeder Konflikt auch eine Ressource ist. Es gibt immer eine Chance für einen Neuanfang. Dann hilft es, sich aufzuschreiben, worum es einem wirklich geht. Und dann sollte man einfach mal sprechen. Das fällt Menschen manchmal unglaublich schwer, aber einfach mal sagen: Mir geht es nicht gut damit, so wie wir miteinander umgehen. Und ich will darüber mit dir sprechen."

Du hilfst kostenlos, dein Studium ist auch nicht gerade zeitsparend – warum machst du das?

"Der Leidensdruck ist einfach oft sehr groß – und durch meine Mediationsausbildung habe ich die Möglichkeit, zu helfen. Außerdem nutze ich das auch zur Übung. Und es macht Spaß zu sehen, dass das Prinzip Mediation funktioniert."

Ablauf einer Mediation

Kontakt, Vorlauf und Erstgespräch

Im Vorfeld müssen sich die Konfliktparteien zumindest grundsätzlich dazu bereit erklären, bei der Mediation mitzumachen. Dann gibt es nach einer kurzen Konfliktschilderung das erste Treffen. Hier wird unter anderem geklärt, welche Gesprächsregeln zur Anwendung kommen sollen. Es werden die wesentlichen Rahmenbedingungen geklärt: Die Neutralität des Mediators, die Freiwilligkeit für alle Beteiligten, die Bedeutung des Prozesses und dass die Lösungsfindung allein bei den Medianten liegt.

Themensammlung

Hier kommen die Dinge auf den Tisch, die die Konfliktparteien (Medianten) stören und die sich später in der Vereinbarung wiederfinden sollen.

Interessen und Bedürfnisse hinter den Positionen – Verständnis entwickeln

An dieser Stelle wird hinter die Themen aus dem vorherigen Schritt geblickt: Welche Bedürfnisse haben die Beteiligten? Welche Interessen verbergen sich hinter den Problemen? In dieser Phase sollen die Medianten vor allem Verständnis füreinander entwickeln.

Optionen und Handlungsmöglichkeiten

Jetzt geht es darum, den eigenen Horizont zu erweitern und kreative Lösungsmöglichkeiten zu finden. Die hier formulierten Optionen sind später die Grundlage für die Vereinbarung.

Verhandeln

Hier machen sich die Medianten gegenseitig Angebote – basierend auf den gefundenen Optionen. Anschließend können die Medianten die Angebote gegenseitig annehmen, diese aufrecht erhalten oder auch wieder zurückziehen, wenn die Angebote der anderen im Vergleich nicht angemessen sind.

Vereinbarung

Am Ende steht die Vereinbarung. In dieser wird konkret festgehalten, welche Angebote von den Medianten angenommen wurden. Diese wird von den Medianten unterschrieben.


5