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Türkische Studenten nach dem Putschversuch "Viele wollen so schnell wie möglich das Land verlassen"

Die türkische Regierung greift immer härter durch: Am 20. Juli wurde der Ausnahmezustand verhängt, zuvor wurde die halbe Bildungselite mundtot gemacht. Viele Studenten machen sich Sorgen um die Zukunft - nicht nur um ihre eigene.

Von: Katharina Willinger

Stand: 21.07.2016

Die Universität in Istanbul | Bild: picture-alliance/dpa

15.200 Beamte des Bildungsministeriums mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert, 21.000 Lehrern die Lizenz aberkannt und alle Dekane im Land zum Rücktritt aufgefordert - so geschehen am Dienstag, 19. Juli in der Türkei. Die türkische Regierung scheint die Gunst der Stunde zu nutzen und entledigt sich nicht nur mutmaßlicher Beteiligter am Putschversuch, sondern auch der regimekritischen Bildungselite im Land. Studenten und Professoren sind in höchster Alarmbereitschaft und fürchten um die Zukunft der türkischen Wissenschaft. Hakan* denkt wie viele seiner Freunde darüber nach, die Türkei zu verlassen:

"Ich habe sehr viele Freunde, die sagen, sobald sich für sie eine Möglichkeit ergibt, dann werden sie so schnell wie möglich das Land verlassen. Und das gleich gilt auch für mich. Wenn ich Dinge nicht mehr frei sagen kann, dann werde ich sobald ich meinen Master in der Tasche habe, hier abhauen."

Hakan, Student

Hakan erzählt, er sei nicht gläubig, wähle nicht die AKP und außerdem ist er Kurde. Nun habe er Angst, dass die Regierung den Putsch zum Anlass nimmt, um noch schärfer als bisher gegen Minderheiten, Kritiker oder einfach gegen anders denkende Menschen vorzugehen.

"Früher herrschte - zwar nicht in der Praxis, aber zumindest auf dem Papier - Demokratie. Doch jetzt wollen sie das sogar auf dem Papier ändern. Und wenn du was dagegen sagst, also deine Meinung frei äußerst - dann kannst du ins Gefängnis wandern - und du kannst natürlich deinen Job an der Uni verlieren."

Hakan

Studenten in Istanbul protestieren 2013 gegen die Bildungspolitik von Erdogan

Kurz nach dem Interview tritt Hakans Befürchtung tatsächlich ein: Mit einem Schlag treten an seiner Uni alle Dekane zurück. Nicht etwa freiwillig  - sondern weil sie, wie die Dekane aller Fakultäten in der Türkei, von der obersten Hochschulbehörde dazu aufgefordert worden sind. Der Vorwurf: Sie sollen in den gescheiterten Militärputsch verwickelt sein.

Hakans Professor lehrt seit 12 Jahren an seiner Uni. Er befürchtet, dass weitere Kollegen an den Unis suspendiert und entlassen werden. Denn die Regierung sehe in jedem, der sie kritisiert, eine Gefahr.

"Erdogan hat gesagt: Entweder seid ihr für uns - oder ihr seid unsere Feinde. Das ist natürlich nicht wahr.  Nur weil man nicht einer Meinung mit Erdogan ist, heißt das doch nicht, dass man ein Feind oder eine Gefahr für die nationale Sicherheit ist."

ein türkischer Uni-Professor*

Der Druck auf die Wissenschaft nimmt seit längerem zu, sagt Hakans Professor. Spätestens seit er und hunderte andere Akademiker im Land eine Petition unterschrieben haben. Darin haben sie die türkische Regierung aufgefordert, den bewaffneten Konflikt mit der verbotenen PKK im Südosten des Lande zu beenden. Als "Vaterlandsverräter" und "Möchtegern-Akademiker" griff Staatspräsident Erdogan die Wissenschaftler damals öffentlich an. Es gab Entlassungen, Verhaftungen und  Anklagen wegen Terrorpropaganda. Nun also eine erneute Entlassungswelle im Bildungssektor - die sich auf die gesamte Unilandschaft niederschlägt, sagt der Professor.

"Es ist ja nicht nur, dass sich die Leute hier nicht mehr trauen, frei ihre Meinung zu äußern. Sie fühlen sich durch die Geschehnisse auch unmotiviert, sind depressiv und dabei verlieren sie ihre intellektuellen Fähigkeiten, die sie aber brauchen, um gute Wissenschaftler zu sein und gute Gedanken hervorzubringen."

ein türkischer Uni-Professor

Auch sein Kollege, Erol Katircioglu, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Istanbuler Marmara-Universität findet, dass die Wissenschaft in der Türkei bereits großen Schaden genommen hat.

"Infrastruktur und Technik an den Unis haben sich verbessert, aber was bringt das, wenn es die notwendigen Freiheiten nicht gibt? Und Wissenschaft braucht ein freiheitliches Umfeld. Da ich so ein Umfeld nicht mehr sehe, glaube ich, dass die Wissenschaft in der Türkei keine große Chance hat."

Erol Katircioglu, Professor an der Marmara-Universität in Istanbul

Hakan hat sich bereits nach möglichen Studienplätzen im Ausland umgesehen. Deutschland, Tschechien oder Kanada stehen auf seiner Liste. Er will sich auf sein Studium und seine Forschung konzentrieren - und sein Studentenleben frei genießen.

"Momentan können wir uns hier auf dem Campus auch mal hinsetzen und ein Bier trinken. Aber wenn die Regierung hier die Kontrolle übernimmt, dann werden sie uns diese letzte Freiheit auch noch wegnehmen."

Hakan

*Namen von der Redaktion geändert


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