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Mythos Tiermedizin Von toten Pferdeköpfen und Tierliebhabern

Sie warten jahrelang auf einen Studienplatz, um dann in Anatomie mit dreihundert Kommilitonen an toten Pferdeköpfen rumzuschnippeln und in Biochemie Vitaminketten zeichnen zu lernen. In kaum einem Fach klaffen Wunsch am Studienbeginn und Wirklichkeit beim Berufseinstieg weiter auseinander als in der Tiermedizin.

Von: Barbara Weber

Stand: 06.07.2018

"Meine Tante hat mir mit drei Jahren den ersten Regenwurm auf die Hand gesetzt, da haste, was ist das?"

Jule Ruß

Aus Liebe zum Tier wächst bei Jule Ruß ein brennender Berufswunsch: Tierärztin werden. Ein Traumberuf ganzer Generationen junger Pferde-Närrinnen, Hamster-, Hunde- und Katzenbesitzerinnen. Der Frauenanteil im Studium liegt bei knapp neunzig Prozent und das bei einem NC zwischen 1,0 und 1,4. Dabei scheint nicht einmal der Abi-Schnitt die Männer zu schrecken, sondern die Aussicht auf lange Arbeitszeiten bei einem vergleichsweise niedrigen Gehalt. Jule hat geduldig fünf Jahre auf ihren Studienplatz gewartet, dazwischen eine Ausbildung zur Tierarzthelferin gemacht und schon viel in der Praxis gelernt. Ein klarer Vorteil, denn offensichtlich gehen viele naiv ins Studium.

"Ich glaube, dass viele direkt nach dem Abitur studieren und denken, hey ich kann gut mit Tieren, ich werde Tierarzt. Im Studium merken sie dann, das ist jetzt doch nicht so meins ziehen das Studium aber trotzdem durch, weil sie schon mitten drinnen sind und dann später im Berufsleben merken, hey, das ist nicht, was ich wollte."

Jule Ruß

Ohne Durchhaltevermögen geht gar nichts im Tiermedizinstudium, weiß auch Dominik Roche du Jarrys. Er ist im sechsten Semester und feiert gerade Bergfest, hat also den trockenen Teil des Studiums hinter sich: Physik, Chemie, Anatomie, Physiologie – alles sehr abstrakt und theoretisch. Kein lebendes Tier weit und breit. Dabei war das doch der Grund für die Studienwahl.

"Es ist definitiv ein Knochenstudium, also man verbringt auch mal zehn, zwölf Stunden am Schreibtisch und es gibt viele Prüfungen knapp hintereinander. Bei Biochemie fragt man sich schon, wozu brauche ich das alles später und warum muss ich die ganzen Vitamine zeichnen können? Irgendwann wird man es wissen und bis dahin muss man einfach durch."

Dominik Roche du Jarrys

Im achten und neunten Semester wird es dann endlich konkret, der praktische Teil des Studiums beginnt mit der Rotation und Pflichtpraktika. Die ganze Bandbreite des Berufes wird sichtbar: Tierklinik im Bereich Nutz- und Kleintiere, Zuchtbetrieb, Schlachthof, Veterinäramt. Die Liste ist lang, die Jobmöglichkeiten auch. Viele ändern in dieser Zeit noch ihren Berufswunsch, entdecken die Liebe zum Schwein oder Rind, obwohl sie vorher in die klassische Kleintierpraxis gehen wollten. Wer es bis hierher geschafft hat, kann träumen.

"Ich möchte in die Kleintierpraxis, noch meinen Facharzt machten und so richtig gut werden und dann eine eigene Praxis aufmachen mit ein paar Angestellten."

Jule Ruß

"Im Moment möchte ich in Richtung Fisch gehen. Mein Ziel ist es, kranken Tieren zu helfen und vielleicht auch Verbesserungen in der Tierhaltung zu erreichen."

Dominik Roche du Jarrys


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