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Campus Cinema TARIQ

Campus Cinema stellt den an der Hochschule für Fernsehen und Film München entstandenen Kurzfilm "TARIQ" von Ersin Cilesiz vor. Ein Drama über IS-Verfolgte: Das Leben des syrischen Jungen Tariq gerät völlig aus den Fugen, als er während der Flucht mit seiner Familie schuldlos schuldig wird an der Verwundung seiner Mutter.

Stand: 09.04.2019

Filmszene aus Tariq | Bild: Ersin Cilesiz / Hochschule für Film und Fernsehen München

Im Zentrum steht der 16jährige Tariq, der mit seiner Familie an der syrisch-türkischen Grenze auf der Flucht vor radikalen Milizen ist, und sich auf dieser Flucht entscheiden muss zwischen der hellen und der dunklen Seite des Islam. „TARIQ“ ist der HFF-Abschlussfilm des Regisseurs und Produzenten Ersin Cilesiz. In Campus Cinema erzählt er von der Idee zu seinem Film und den Dreharbeiten, die den Crew-Mitgliedern einiges abverlangten.

Entwicklung der Filmidee zu „TARIQ“

Ersin Cilesiz ist in einem sehr religiösen Haushalt aufgewachsen, der zugleich sehr liberal war. Seine Mutter hat ihm die liebevollen Seiten des Islam vermittelt, während die Nachrichtenbilder oft eine hasserfüllte, gewalttätige Seite zeigten. Aus diesem Widerspruch heraus entwickelte er die Geschichte eines 16jährigen, der brutal aus seinem normalen Leben gerissen wird. 

Was hilft dir, wenn dein Leben aus den Fugen gerät? 

Mit dieser Frage betrachtet der Kurzfilm „TARIQ“ die Notsituation von Flüchtlingen, insbesondere von jungen Menschen, die durch die Grausamkeit der aktuellen politischen Situation – etwa in Syrien – in ihrem Glauben und ihren Werten zutiefst erschüttert werden. Dabei geht es auch um die Auseinandersetzung der verschiedenen Ausrichtungen des Islam. Der Islam steht im Film exemplarisch für den Umgang mit Religion als Trost und Hilfe, aber auch als Strukturgeber und Hort von Menschen, denen Orientierung fehlt, die sich ausgegrenzt, missachtet oder wütend fühlen.

Filmszenen – von der Flucht über Mystik bis hin zu Dschinns

Zusammen mit Vater, Mutter und seiner kleinen Schwester flieht Tariq und verlässt Heimat und Freunde. In einem Wald nahe der syrisch-türkischen Grenze verstecken sie sich vor ISIS-Kämpfern, die die seine Familie vernichten wollen. Vor allem die Mutter ist im Fokus, weil sie einem Sufi-Orden angehört, in dem eine liebevolle Form des Islam praktiziert wird. Eine Waldhütte dient der Familie als Versteck und Treffpunkt mit den Schleppern. 

Während der Flucht wird Tariqs Mutter verletzt. Tariq gibt sich die Schuld dafür. Reumütig versucht er alles, um es wieder gut zu machen. Doch damit macht er es noch schlimmer. Tariqs Mutter erzählt mythische Geschichten des Islam und über die Dschinns, den aus Wut und rauchlosem Feuer geborenen Dämonen. Diese suchen jeden heim, der zornig, einsam und voller Angst ist. In ihrem Fieber ist sie sich nicht sicher, ob ihr Sohn bereits von einem der feuergeborenen Dschinns verführt wurde und damit verloren ist.

"Als Filmemacher haben die Geschichten immer auch etwas mit dem eigenen Leben zu tun, ob man will oder nicht. Die Mutter im Film hat etwas mit meiner Mutter zu tun, auch der Vater mit meinem Vater, und Tariq hat sicher auch etwas mit mir zu tun."

Ersin Cilesiz, Regisseur von TARIQ

TARIQ (20 min) BR-Koproduktion, Deutschland 2018

Regie: Ersin Cilesiz
Drehbuch: Torsten Gauger, Yvonne Görlach
Darsteller: Mohammed Issa, Husam Chadat, Tahani Salim, Daniela Navarro Melián, Tom Bernau u.a.
Redaktion BR: Claudia Gladziejewski
Produktion: Gauger Film (Produzent: Torsten Gauger) in Koproduktion mit Hochschule für Fernsehen und Film München und BR, gefördert von FFF Bayern

Preise / Auszeichnungen: 
• Internationale Hofer Filmtage 2018: Nominierung

Teneriffa als optimaler Drehort

Der Film spielt an der syrisch-türkischen Grenze, wurde aber auf den Kanaren gedreht. Da der Produzent des Films, Torsten Gauger, sehr gute Kontakte zu den Kanaren hatte, fiel die Wahl auf Teneriffa, eine Insel mit fünf verschiedenen Vegetationszonen. Es waren spannende, auch herausfordernde Dreharbeiten, bei denen deutsche und spanische Arbeitsmentalitäten sowie Sprachbarrieren aufeinandertrafen. Viel musste um Drehgenehmigungen gefeilscht werden und improvisiert werden. Am Ende waren dann doch alle Szene im Kasten. Insgesamt zweieinhalb Jahre Arbeit stecken in diesem Film: Gelder besorgen, die Professoren vom Drehbuch überzeugen, Schauspieler und das Team finden und noch vieles mehr.

Muss man als Regisseur also ein Allroundtalent sein?

"Die Kernkraft des Regisseurs ist es tatsächlich wie ein Kernkraftwerk zu funktionieren. Du bist derjenige, der dieser Story das Leben gibt und auch die Energie. Einen Film kannst du nicht alleine machen, deshalb musst du andere Menschen überzeugen, an dieses Projekt zu glauben. Egal ob es Schauspieler, Techniker, Geldgeber, Autoren, Kameraleute sind, du musste unterschiedlichste Personen überzeugen, dass diese Geschichte es wert ist, gemacht zu werden. Das ist die eine Hauptaufgabe. Dann muss er wissen, was richtig und falsch für diese Geschichte ist. Als Regisseur sollte man in die Rolle des Zuschauers gehen und muss am Set fühlen, was gespielt und gemacht wird, und muss einschätzen, dieses Gefühl will ich oder will ich nicht."

Ersin Cilesiz, Regisseur von TARIQ

ERSIN CILESIZ

Ersin Cilesiz, geboren im Juli 1986 in München, als Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie, hat an der HFF München studiert, obwohl er kein Abitur hat, was eigentlich Zugangsvoraussetzung ist. Nach einem Volontariat bei „Neun Live“ und Erfahrungen an diversen Filmsets drängte es ihn jedoch in die Welt des Films und er konnte das Auswahl-Komitee an der HFF überzeugen. „Tariq“ ist sein Abschlussfilm an der HFF, der im Oktober 2018 Weltpremiere bei den „Internationalen Hofer Filmtagen“ feierte. Derzeit arbeitet er an seinem ersten abendfüllenden Spielfilm. 


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