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Prof. Dr. Günther Schlee Wie Terroristen gemacht werden

Wer Terrorismus erforscht, muss verstehen, warum sich junge Menschen dafür entscheiden. Für Ethnologen eine Gratwanderung zwischen positiver Identifikation und Ablehnung dieser Form von Gewalt.

Stand: 15.07.2019

Üblicherweise leben Ethnologen mindestens ein Jahr lang in einer „fremden Kultur“, wollen sie diese erforschen und verstehen. Das wachsende Verständnis geht in der Regel einher mit einer positiven Identifikation. Doch wenn es um die Erforschung rechtsradikaler, krimineller oder terroristischer Milieus geht, kann bereits der Verdacht positiver Identifikation oder eines Zuviel an Verständnis zu Vorwürfen führen. Eine ablehnende Haltung ist normativ vorgegeben.

Doch nur das „Verstehen“ der terroristischen Weltsicht führt zu einer wirksamen Bekämpfung oder Verhinderung von Terrorismus. Allerdings gehört es zur Berufsethik von Ethnologen, die von ihnen untersuchten Gruppen auf keinen Fall zu schädigen. Ein schwieriges Feld für einen Ethnologen, der sich auf die Suche nach den Wurzeln terroristischer Gewalt gemacht hat.

Günther Schlee ist Direktor der Abteilung „Integration und Konflikt“ des Max-Planck-Instituts für Ethnologische Forschung in Halle (Saale). Sein Forschungsinteresse gilt den Veränderungen kollektiver Identitäten und dem Wechsel von Allianzen. Solche Prozesse sind charakteristisch für bestimmte Situationen, nämlich gewaltförmige Konflikte und rapider sozialer Wandel. Anwendungsfelder dieser Forschung in der praktischen Entwicklungszusammenarbeit sind internationale Friedensprozesse und die Politikberatung im Bereich konkurrierender Formen der Landnutzung und kollektiver Landrechte. Sein eigenes Forschungsgebiet ist Nordost-Afrika. Andere Schwerpunkte seiner Abteilung sind Zentralasien, der Mittlere Osten und Migration nach Europa.

Buchtipp:
Schlee, Günther: Wie Feindbilder entstehen - Eine Theorie religiöser und ethnischer Konflikte, 2006


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