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Studieren mit Mitte dreißig Spätes Studium statt nur Karriere machen!

Unzufrieden mit dem Job? Einfach kündigen und etwas ganz anderes machen? Das trauen sich in Deutschland immer mehr. Marius und Julia zum Beispiel. Sie haben den Job aufgegeben um noch mal ganz von vorne anzufangen: mit einem Studium.

Von: Rachel Roudyani

Stand: 31.10.2018

Durchschnittlich sind Studierende 21 Jahre alt, wenn sie mit dem Bachelor-Studium beginnen. Marius ist 34. Er will nicht mehr in der Hotellerie arbeiten, sondern Lehrer werden. Einen Traum, den er schon einmal begonnen hat – nämlich, so wie die Meisten, direkt nach dem Abi. Damals hat es aber nicht funktioniert. Mit dem Nebenjob hinter der Bar verdient er gutes Geld. Der Job fühlt sich leichter an, als die trockenen Vorlesungen. Irgendwann schmeißt er das Studium und macht eine Ausbildung in einem Hotel.

Soll das schon alles gewesen sein?

Im Hotel arbeiten fand Marius schön, aber eben nur für eine Zeit.

Irgendwie scheint es ihm aber nicht genug zu sein. Er wechselt in ein besseres Hotel, dann in die Schweiz in Luxushotels. Schließlich nimmt er sein Erspartes und macht den Hotelmeister. Und trotzdem: all seine Leistungen, 2.800€ brutto im Monat – das alles macht ihn nicht glücklich. Warum? Während einer Sinnkrise findet er die Antwort: er ist bisher immer den leichtesten Weg gegangen. Das soll sich jetzt ändern.

Finanzielles Risiko

Mit 34, will er es sich noch einmal beweisen und das Lehramtsstudium durchziehen.

Studieren in Deutschland ist aber für 20-Jährige ausgelegt. Studieren mit über dreißig bedeutet, dass viele Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen. Mit dem 30. Lebensjahr erlischt zum Beispiel in den meisten Fällen der Anspruch auf BAföG. Auch viele studentische Krankenversicherungen enden mit dem 30. Lebensjahr. Wer kein Erspartes hat, braucht einen guten Nebenjob oder einen Studienkredit.

Spät studieren mit Kindern

Studieren, während ihre Kinder spielen.

Julia ist 33, alleinerziehende Mama von vier Kindern und Studentin. Sie bekommt noch BAföG, weil die Erziehungszeit mit eingerechnet wurde. Mit BAföG, Wohngeld und einem Minijob kommen sie und ihre Kinder gut klar. Für sie war Studieren ein Kindheitstraum. Den konnte sie sich über den zweiten Bildungsweg wahr machen. Die Lehre zur Groß- und Außenhandelskauffrau zieht sie durch, auch wenn Julia weiß, dass sie diesen Beruf nie ausüben will. Sie holt dann mit Mitte zwanzig ihr Abitur nach. Jetzt mit 33 macht sie ihren Master in Religionswissenschaften. Dafür muss sie gerade Latein nachholen:

"Ich merke schon, dass es mir nicht mehr so leicht fällt, wie mit Mitte Zwanzig, jetzt irgendwelche Sprachen zu lernen oder Vokabeln, Grammatik. Es ist zeitaufwändiger."

Julia, 33, Studentin Evangelische Theologie

Auch wenn das reine Auswendiglernen nicht mehr ganz so leicht ist, das Recherchieren und Schreiben von Seminararbeiten genießt sie regelrecht. Und auch wenn sie viel organisieren muss, um Studium, Kinder und Nebenjob zu koordinieren – am Ende bleibt ihr mehr Zeit mit ihren Kindern, als mit einem Vollzeit-Job.

Lohnt sich das?

Brüche in der Berufsbiographie sind heutzutage kein Nachteil mehr, sondern oft sogar ein Vorteil. Die Erwartung, dass jeder einen Beruf sein Leben lang macht, löst sich immer mehr auf. Für Arbeitgeber zeigen solche Brüche in der Biographie einen starken Willen, Flexibilität und zusätzliche Lebenserfahrung. Für Julia und Marius bedeutet das späte Studium vor allem Selbstverwirklichung und persönliches Glück.

"Ich habe festgestellt, dass nur weil man was gut kann, das einen nicht auch automatisch glücklich macht."

Marius, 34, Student für Lehramt

Julia hält sich noch offen, was sie nach dem Studium machen will – wenn die Noten stimmen, würde sie am liebsten promovieren und selbst lehren.


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