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Verhaftungen an türkischen Unis Forscher in Gefahr

In der Türkei haben Wissenschaftler eine Petition gestartet. Darin fordern sie die Regierung auf, den gewaltsamen Konflikt mit der verbotenen Arbeiterpartei PKK zu beenden. Bei den Kämpfen sind in den letzten Wochen Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Nun drohen den politisch engagierten Forschern Entlassungen und langjährige Haftstrafen.

Von: Katharina Willinger und Moritz Pompl

Stand: 28.01.2016

Die Istanbul Universität, mitten in der Metropole am Bosporus, ist mit über 100.000 Studenten und 5.000 Wissenschaftlern eine der größten und renommiertesten Hochschulen der Türkei. Doch was Eli aus Deutschland hier gerade erlebt, lässt sie täglich daran zweifeln, dass an der Uni Freiheit von Wissenschaft und Meinung herrscht. Eli studiert in Münster und verbringt seit sechs Monaten ein Erasmus-Jahr in Istanbul.

"Man kriegt regelmäßig mit, wie Studenten von der Polizei oder vom Security-Personal geschlagen werden, nur weil sie für ihre Rechte einstehen. Es ist immer ein hohes Polizeiaufgebot da. An jedem Eingang stehen Wasserwerfer. Das hätte ich mir so nicht vorgestellt."

 (Eli, Erasmus-Studentin aus Münster)

Studenten, die für ihre Rechte einstehen: Damit meint Eli die freie Meinungsäußerung, die sie von ihrer Heimatuniversität in Deutschland gewöhnt ist. Wenn an der Istanbuler Uni ihre türkischen Freunde auch nur Zettel aufhängen oder Flyer verteilen wollen, kommt hingegen sofort das Sicherheitspersonal und schlägt sogar auf die Studenten ein.

"Seitdem ich hier bin, sind über 50 Studierende rausgeflogen, weil sie sich organisiert haben. Sie wurden von der Unileitung suspendiert."

(Eli)

Verhaftete Professoren in der Türkei

Inzwischen sind im ganzen Land nach Schätzungen einer türkischen Expertin rund 200 Studenten in Haft. Die Vorkommnisse an der Istanbul Universität reihen sich ein in eine ganze Kette von Ereignissen, mit denen die türkische Regierung in der letzten Zeit ganz offenbar ihre Kritiker aus dem Weg räumen will. Zuletzt ließ sie zwölf Akademiker an der Universität in Izmit, 100 Kilometer östlich von Istanbul, verhaften, weil sie eine regierungskritische Onlinepetition unterstützt hatten. Darin fordern über 1.000 Wissenschaftler ein Ende der Kämpfe in den kurdischen Gebieten im Osten der Türkei, bei denen in den letzten Monaten rund 200 Zivilisten getötet wurden, darunter 19 Kinder. Seitdem Staatspräsident Erdoğan vor einem halben Jahr die Friedensgespräche mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK einseitig für beendet erklärt hatte, geht seine Regierung hart gegen angebliche Rebellenhochburgen vor. Erdoğans Reaktion auf die Petition der Forscher ließ nicht lange auf sich warten – und hätte kaum heftiger ausfallen können:

"Eine Gruppe angeblicher Akademiker stellt sich auf die Seite der Terror-Organisation und speit damit Hass gegen Volk und Vaterland aus."

(Recep TayyipErdoğan, Staatspräsident der Türkei)

Konkret wirft Erdogan den Wissenschaftlern vor, sich auf die Seite der PKK zu stellen. Er ließ einige Akademiker vorübergehend festnehmen und drohte allen Unterzeichnern der Petition – allein innerhalb des ersten Tages über 1.000 Unterzeichner von rund 90 verschiedenen Hochschulen des Landes – mit Suspendierungen von den staatlichen Unis. "Man sieht einfach, dass die Regierung die Unis von der Politik fernhalten möchte", glaubt Dȋlan. Die 23-Jährige stammt ursprünglich aus der Türkei, ist aber mit sechs Jahren nach Deutschland gezogen, wo sie in Bonn studiert. Wie Eli macht sie an der Istanbul Universität ein Erasmus-Semester.

"Die Uni ist einfach der Ort, wo kritisch denkende Menschen sind, wo politisch aktive Menschen sind. Und die Regierung will die Studenten so flach wie möglich halten. Man will ihnen Angst machen und möglichst viel Druck ausüben. Sobald man über die Rechte der Kurden in der Türkei spricht, ist das Propaganda für den Terrorismus. Wobei überhaupt nicht unterschieden wird, was Terrorismus ist, was Widerstand ist und inwiefern dort zurzeit Krieg betrieben wird. Man möchte das nicht thematisieren."

 (Dȋlan, Erasmus-Studentin aus Bonn)

Schützenhilfe bei seinem harten Vorgehen gegen Studenten und Akademiker bekommt Erdogan von verschiedenen Hochschulpräsidenten, glaubt eine der vorübergehend verhafteten Professorinnen:

"In unseren Unis haben die Präsidenten viel Macht. Genau wie der Präsident des Landes. Also können sie ihre Macht missbrauchen, um Dinge zu ihrem Vorteil oder ihrer Ideologie entsprechend zu ändern."

 (Dr. Derya Keskin, Lehrstuhl Soziologie, Kocaeli Universität)

Inzwischen haben sich zahlreiche Deutsche und internationale Wissenschaftler mit ihren türkischen Kollegen solidarisiert. Sie fordern Bundesregierung und Europäische Union auf, sich "für eine friedliche Lösung des Kurdenkonflikts einzusetzen, sich gegen Repressionen klar zu positionieren und für die Freiheit des wissenschaftlichen Denkens und der politischen Opposition einzusetzen." Ob die EU aber tatsächlich auch mahnende Worte an die Türkei richten wird, ist eher nicht zu erwarten. Denn in der Flüchtlingsfrage ist das Land derzeit zu wichtig, als dass man sich eine solche Kritik leisten will.

Für Erasmus-Studentin Eli aus Münster heißt das: Um ihre türkischen Mitstudenten und Dozenten wird sie sich wohl auch in Zukunft Sorgen machen müssen.

"Ich bin freiwillig hier. Und ich weiß, ich kann jederzeit aus diesem Land reisen. Man kann sich nicht vorstellen, wie es für die Menschen ist, die hier leben. Weil die nicht jederzeit aus diesem Land reisen und irgendwie woanders hin können, alles stehen und liegen lassen."

(Eli, Erasmus-Studentin aus Münster)

 

Zur derzeitigen Sicherheitslage in der Türkei:

Nach den Anschlägen vom 12. Januar im Zentrum von Istanbul sorgen sich viele um die Sicherheitslage in der Türkei. Wir haben vor Ort mit deutschen Studenten und mit der Vertreterin des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) gesprochen. Was sagen sie zur Sicherheitslage?

Eli (Erasmus-Studentin aus Münster): "Ich habe das Gefühl, es kann jederzeit und überall passieren, nicht nur in Istanbul. Sondern auch in Berlin, Köln oder München. Ich laufe jetzt nicht mit Angst durch die Straßen. Es ist passiert und am nächsten Tag bin ich wieder ganz normal durch die Stadt gelaufen. Ich glaube, das ist auch das Grundgefühl der Menschen hier: Relativ schnell haben sie sich wieder dem Alltag gewidmet. Von meiner Familie höre ich regelmäßig: Komm doch wieder mal zurück nach Deutschland, da passiert nichts! Das ist in ihren Köpfen drin, dass nur hier was passieren kann."

Dr. Wiebke Bachmann vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD): "Wir hatten sehr viele Anfragen von den International Offices deutscher Universitäten und von vielen Erasmus-Studenten, die gerade dabei waren, in die Türkei zu kommen. Sie hatten sich natürlich gefreut, hier ein halbes Jahr oder Jahr verbringen zu können. Und sie waren dann doch etwas verunsichert nach den Anschlägen in Ankara oder jetzt auch in Istanbul. Grundsätzlich kann man sagen, dass die deutschen Studierenden, die sich in der Türkei aufhalten und auch die Akademiker keinerlei Probleme haben. Sicherlich muss man ein bisschen auf die Sicherheitslage achten und die Hinweise des Auswärtigen Amtes beachten. Es wird ja grundsätzlich gewarnt davor, Menschenmengen aufzusuchen oder zum Beispiel Einkaufszentren am Wochenende. Aber ich denke, wenn man ein paar grundlegende Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt, haben Studierende und Akademiker keinerlei Einschränkungen."


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