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Erfahrungsbericht von Andrea Wie mein Unialltag mit Kleinwuchs aussieht

Ich bin 22 Jahre alt und studiere an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt Politik und Gesellschaft. Nur unterscheidet sich mein Unialltag ein bisschen, weil ich kleinwüchsig bin…

Stand: 03.07.2015

Zur Fortbewegung in der Uni brauche ich einen Elektrorollstuhl, weil ich nicht so gut laufen kann. Eigentlich wäre es für mich viel besser, mein speziell für mich angepasstes Fahrrad herzunehmen, damit ich auch genügend Bewegung bekomme. Leider ist dies nur sehr schwierig möglich, da die vielen Gebäude der Universität zerstreut in der Kleinstadt Eichstätt liegen und die Zeit zum Wechseln zwischen den Gebäuden für mich meist zu kurz wäre. Ich habe auch viel längere Wege zwischen den Gebäuden, da ich sehr oft Umwege fahren muss, da ich eine Treppe nicht mit meinem Rollstuhl überwinden kann. Es ist ärgerlich, dass ich immer wieder längere Wege habe und auch ein Grund, dass ich immer wieder einmal zu spät komme. Allerdings bin ich es gar nicht anders gewohnt und es macht nur schlechte Laune sich groß darüber aufzuregen.

Ständig ignoriertes Rollstuhlrampenschild

Ein großes Problem ist die Unachtsamkeit mancher Menschen. Immer wieder stehe ich auch vor dem Problem, dass sämtliche Studenten im Sommer ihre Fahrräder genau vor die Rampe stellen, sodass ich nicht ins Gebäude reinkomme. Ein Schild mit der Aufschrift „Bitte die Rampe für Rollstuhlfahrer frei halten.“ wird leider ständig ignoriert, was wiederum für mich bedeutet, dass ich regelmäßig Fahrräder von der Rampe wegschleppen muss, sollte niemand zur Stelle sein, der mir helfen kann.

Behindertentoilette, aber kein Aufzug

In einem anderen Unigebäude ist netterweise eine Behindertentoilette eingebaut, aber kein Aufzug, um in den ersten Stock zu gelangen. Da haben die Architekten mal wieder sehr gut mitgedacht. Ein großes Problem bei der Planung von öffentlichen Gebäuden ist meiner Meinung nach, dass Behinderte viel zu wenig miteinbezogen werden. Nichtbehinderte entscheiden was für einen Menschen mit Behinderung gut sein soll. Das spricht meiner Meinung nach nicht für eine inklusive Gesellschaft, in der jeder Mensch selbst über sein Leben bestimmt.

Barrierefreier Zugang abgesperrt

Seit vier Semestern arbeite ich bei unserem Universitätsradio „Radio Pegasus“ mit viel Spaß und Eifer mit. Zwei Semester lang war ich auch Teil der Chefredaktion. Dieses Jahr interviewte ich auf einem Festival bei Eichstätt mehrere Bands und hab mich in das Getümmel geschmissen. Nur leider konnte ich immer wieder einmal das Medienhaus, in dem sich auch unsere Hörfunkstudios befinden, nicht ohne Barrieren erreichen, weil abends und am Wochenende der einzige barrierefreie Zugang abgesperrt wird. Gerade zu diesen Zeiten habe ich aber am meisten Zeit meine Beiträge zu produzieren. Daher musste ich immer wieder zu Fuß über einen nicht barrierefreien Zugang quer durch das ganze Medienhaus laufen. Besonders schwierig ist es dann für mich, die Schalter im Studio zu erreichen, weil diese auf eine normale Körpergröße angebracht sind. Damit ich an den richtigen Schlüssel komme, heißt es wie so oft: Mehrfach beim Behindertenbeauftragten anrufen oder Mails schreiben. Dennoch hindert mich das nicht an meiner journalistischen Arbeit, sondern spornt mich erst recht an, diese Mängel an Barrierefreiheit später einmal in meiner beruflichen Arbeit als Journalistin mehr in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ich bin auch als Redakteurin bei zwei Magazinen aktiv:

Engagiert bei Amnesty international, entsetzt über ihre Haltung

Engagement liegt mir sehr am Herzen, nicht nur für meine Belange, sondern auch für andere. Deshalb bin ich Teil der Hochschulgruppe von Amnesty International an meiner Uni und dort auch komplett integriert. Wir organisieren regelmäßig zusammen Info-Veranstaltungen und waren auch schon auf einer Demo gegen Folter in Erlangen dabei. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, mich wegen meiner Behinderung auszuschließen. Ich finde es dagegen sehr erschreckend, dass selbst eine international tätige Menschenrechtsorganisation wie Amnesty International in Deutschland nicht die Behindertenquote bei Angestellten einhält und Themen wie Inklusion nicht als Menschenrechtsthema aufgefasst wird, das es auf der ganzen Welt zu verbreiten und verteidigen gilt.

Auslandsstudium für mich kein Problem, für andere schon

Nach diesem Semester werde ich für zwei Semester in Forlì, einer Zweigstelle der Universität Bologna, studieren. Mein Professor, der für den Austausch zuständig ist, sah von Anfang an überhaupt kein Problem darin, mich mit meiner Behinderung im Ausland studieren zu lassen. Ich habe immer wieder gelesen, wie andere Studierende mit Behinderung regelrecht um ihr Auslandssemester kämpfen mussten, weil ihnen nicht zugetraut wird im Ausland mit einer Behinderung zurechtzukommen. Dass Deutschland beim Thema Inklusion in Europa noch einen sehr großen Nachholbedarf hat und ich persönlich im Ausland meistens sogar viel besser zurechtkomme, sei nur mal am Rande erwähnt.

Meine Vision: Inklusion in den Köpfen aller Menschen

In den vergangenen Tagen habe ich mich mit einer Dozentin getroffen. Schon seit längerer Zeit arbeitet meine Universität an einem Konzept, Lehramtsstudenten Inklusive Pädagogik näherzubringen. Zusammen sind wir auf die Idee gekommen, in der Zukunft eine Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung einzurichten. Ein Schritt in die richtige Richtung, damit Inklusion endlich auch in den Köpfen aller Menschen ankommt.


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