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Burnout im Studium Der Therapeut steckt im Computer

Ein Viertel aller Studierenden haben laut einer Studie psychische Probleme, aber nur die wenigsten nehmen Hilfe in Anspruch. Helfen sollen ihnen Online-Trainings, die verschiedene Unis gemeinsam entwickeln. Wir haben das Programm für Euch getestet.

Von: Verena Fücker

Stand: 04.07.2020

Der Therapeut 4.0 steckt im Browser eines jeden Laptops oder Smartphones. Sein Name: Studicare. Dahinter stecken eine ganze Reihe Online-Trainings, die Studierenden mit mentalen Problemen helfen sollen. Doch was bringt der digitale Therapeut?

Das wird Studentin Michelle für uns testen. Sie studiert Psychologie in München. An der Uni lernt sie gerade analoge Therapiemöglichkeiten kennen. Vor dem Test gibt Michelle eine erste Erwartung ab:

"Onlineprogramme an sich finde ich positiv, wenn man keine wirkliche psychische Krankheit hat. Sie können viel zur Selbstaufarbeitung beitragen. Es gibt ja auch viele Selbsthilfe-Bücher. Warum dann auch nicht Onlinetrainings?"

(Michelle)

Das Programm richtet sich an Studieren mit unterschiedlichen Problemen: Zum Beispiel Leistungsdruck oder Alkoholkonsum. Bei 19 Themen will StudiCare Hilfe anbieten. Das Projekt wird von der FAU Erlangen und der Uni Ulm durchgeführt - Studierende von 20 Unis in Deutschland, Österreich und der Schweiz machen schon mit.

Test 1: Die Diagnose

Als erstes macht Michelle einen Selbsttest, mit dem sie herausfinden soll, wo genau ihre Probleme liegen. Der Fragebogen soll eine professionelle Diagnose ersetzen. Der erste Eindruck von Michelle: Negativ.

Sie wird zum Beispiel gefragt, ob sie in letzter Zeit deprimiert oder niedergeschlagen war. „Ich weiß nicht, ob man die Aussage nicht entweder unter- oder überbewerten kann, je nachdem, was man für ein Typus ist. Ein Therapeut würde niemals direkt fragen: Sind Sie deprimiert? Genauso wie ich niemanden direkt frage: Haben Sie Depressionen? Das kann mir so natürlich keiner feedbacken,“ so die Studentin.

Und was sind Michelles größte Probleme? Als Ergebnis werden ihr drei Trainingsprogramme vorgeschlagen. Sie soll ihr Wohlbefinden im Alltag verbessern und widerstandsfähiger gegen Stress werden. Das dritte Ergebnis überrascht sie besonders: „Ich habe ich eine unglaubliche, 96%ige Übereinstimmung mit dem Programm 'Take Care of You' zur Reduktion von Niedergeschlagenheit und Alkoholkonsum. Okay.“ Sie lacht - ein Alkoholproblem würde sie sich nicht attestieren - sie trinke nicht mehr Alkohol als andere Studierende auch, meint sie.

Das Ergebnis: Das Diagnose-Tool funktioniert nur bedingt

„Perfekt ist er nicht,“ findet Michelle. „Es ist nicht ausführlich genug. Da fehlen halt einige Fragen. Ich würde mich freuen, wenn man da eben mehr eingehen würde auf die individuellen Probleme und die dann noch mal abtesten würde, ob die wirklich vorhanden sind oder wie stark ausgeprägt.“

Test 2: Therapie mit Trainer

Bei Michelles erstem Test geht es jetzt in die Therapie. Laut Diagnose soll das Training „iCare Prevent“ Depressionen und Angststörungen vorbeugen. Dabei muss Michelle unter anderem einen Wochenplan erstellen, der ihr beim Entspannen helfen soll. Ob das funktioniert?

Marvin Franke analysiert Michelles Angaben.

Zunächst muss sie einen Aktivitätenplan für die kommenden sieben Tage erstellen, inklusive genauer Uhrzeiten. Für jeden Tag soll sie sich etwas vornehmen. Sie trägt zum Beispiel Yoga machen oder ihre Mutter anrufen ein. Michelles Einschätzung: „Ich halte es für fraglich, ob man das einhält. Grad wenn man wie hier jeden Wochentag durchplanen muss. Das ist für mich stressig, weil ich bin ein Mensch, ich profitiere nicht davon, wenn ich mehr Zeitdruck habe.“ Deswegen trägt sie zwar ein, dass sie am Sonntag ihre Mutter anrufen möchte, die Uhrzeit ist ihr allerdings egal.

Michelle ist hier erst mal fertig. Jetzt heißt es warten. Denn: Ihre ausgefüllten Übungen landen 200 Kilometer entfernt in Erlangen - im Rechner von Marvin Franke, ihrem „eCoach“. Er muss Michelle jetzt Feedback geben.

Und er findet auch gleich einen Kritikpunkt an ihrer Übung:

"Am Sonntag hat sie geschrieben, dass sie ihre Mutter anruft, aber ihr egal ist, wann. Das ist wahrscheinlich auch für das Telefonat egal. Aber der Plan ist ja dafür da, dass sie wirklich die Übungen dann macht und die Aktivitäten, die sie sich vorgenommen hat. Und da hilft’s dann immer sehr, sehr konkret zu sagen: Okay, nach dem Frühstück rufe ich an. Oder: Ich stell meinen Wecker auf 14 Uhr und dann rufe ich sie an, damit sie eben unabhängig davon, ob sie Lust hat oder nicht, das wirklich auch macht und sie ein bisschen mehr dazu zwingt."

(Marvin Franke)

eCoaches wie Marvin Franke gibt es bei Trainings, die zum Beispiel Depressionen vorbeugen sollen. Sie checken auch, ob jemand Suizidgedanken hat. Laut einer aktuellen Studie der Techniker-Krankenkasse hat jeder vierte Studierende psychische Probleme. Aber nur ¼ dieser Betroffenen nimmt auch Hilfe in Anspruch. Und deswegen gibt es überhaupt die Online-Trainings, sagt Marvin Franke. Er hat StudiCare für die Uni Erlangen mitentwickelt.

„50 Prozent der Studierenden wären tendenziell bereit, sich vor Ort Hilfe zu suchen. Es gibt aber nen großen Anteil, der eben sagt: Oh nee, da komme ich nicht hin. Das schaffe ich zeitlich nicht. Ich möchte meine Probleme vielleicht auch alleine lösen,“ erzählt Franke. Für diese Gruppe wurde StudiCare entwickelt. Franke hofft, sie mit Online- Trainings besser zu erreichen, weil sie diese zeitlich selbst und flexibel gestalten können.

Marvin Franke schickt seine Auswertung innerhalb weniger Stunden an Michelle zurück. Der eCoach hat ihr geraten, wirklich feste Termine zum Entspannen auszumachen. Wie kommt das bei ihr an?

Michelle sagt zwar erst: „Das finde ich gut, dass er sagt: Mach’s fix, sozusagen. Mach irgendwann eine Zeit aus, dass es dann auch passiert am Sonntag. Das ist vielleicht positiv, ja.“ Als wir sie aber fragen, ob sie es wirklich machen würde, sagt sie aber auch ganz deutlich: „Nein“ und lacht.

Das Ergebnis: Ein Training mit Online-Unterstüzung durch einen Coach fällt bei Michelle also eher durch.

Test 3: Therapie ohne Trainer

Aber eine Möglichkeit gibt es ja noch. Zum Vergleich probiert Michelle jetzt ein Training aus, das ohne eCoach funktionieren soll. Mit motivierenden Texten und kleinen Übungen am Desktop soll dieses Training Michelle widerstandsfähiger machen.

Ihr fällt gleich ein Unterschied zum Training mit eCoach auf: „Also, das erste Training war auf jeden Fall viel zu anfordernd an mich. Das hier bringt viel mehr Feedback mit. Ich werde nach jedem Schritt gelobt. Also, wirklich nach jedem Schritt. Es gab schon auch Lob im ersten Test, aber das war dann so: Ich hab so einen Plan erstellen und dann stand so: Super, hier ist dein Plan, viel Spaß damit.“

Das Ergebnis: Das Online-Training zum Selberklicken – ein Volltreffer!

Und? Was bringt er jetzt? Der Therapeut 4.0?

Michelle ist zwiegespalten. Einerseits sagt sie: „Für Leute, die wahrscheinlich mehr Probleme haben, so einen Stress im Studium, dass sowas fast ein Hilferuf ist, denen würde ich unbedingt empfehlen, den Kontakt woanders zu suchen.“ Andererseits findet sie aber auch, dass solche Online-Programme wie Studicare für die Prävention absolut sinnvoll sind. „Man muss dazu sagen: An meiner Uni wird dafür überhaupt nichts getan. Ich glaube, als Ersti hätte ich das richtig cool gefunden,“ so unsere Testerin. „Du kommst aus dem Abi, in dem alles noch sehr geleitet wird, ins Studium, in dem dir keiner hilft.“ Das verwirre viele Studierende, meint Michelle. Online-Trainings für die Psyche: Vor allem also zur Vorbeugung nützlich.


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