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Interview Prof. Dr. Klaus Diepold von der TU München

Klaus Diepold leitet nicht nur den Lehrstuhl für Datenverarbeitung, er ist auch Beauftragter für die Belange von behinderten und chronisch kranken Studierenden an der Technischen Universität München (TUM).

Stand: 09.07.2015

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München | Bild: Klaus Diepold

Monika Platzer vom Campus Magazin führt mit Prof. Dr. Klaus Diepold ein Interview zur aktuellen Situation für Studierende mit Handicap.

Campus Magazin: Herr Prof. Diepold, in welchen Situationen kommen denn Studierende zu Ihnen?

"In den meisten Fällen können die Kolleginnen und Kollegen von der Servicestelle für behinderte und chronisch kranke Studierende schon weiterhelfen. Wenn jemand zu mir kommt, dann sind es meist schon verzwicktere Fälle, dann ist es oft schon problematisch im Studienverlauf. Ich agiere quasi als Coach und Anwalt für die Studierenden und versuche etwa im Umgang mit Prüfungsausschüssen zu vermitteln."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Nach Zahlen des Studentenwerks haben bis zu 14% der Studierenden an deutschen Universitäten eine Behinderung oder sind chronisch krank. Haben Sie hier Zahlen für die TU München?

"Nein, das haben wir nicht, das zu erheben wäre problematisch in Bezug auf das Anti-Diskriminierungsgesetz. Wir können es nur über die Anzahl der Nachteilsausgleiche abschätzen."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Nutzen denn alle Betroffenen ihr Recht auf einen Nachteilsausgleich?

"Nein, eben nicht. Die meisten Studierenden sind nicht gerade erpicht darauf, sich als behindert oder chronisch krank zu „outen“. Gerade bei den sogenannten „unsichtbaren“ Behinderungen und chronischen Erkrankungen ist die Hemmschwelle recht hoch. Und diese machen ja bei Weitem den größten Teil aus. Viele versuchen zunächst den normalen Studienverlauf und Beeinträchtigungen zu kompensieren. Man will schließlich als leistungsfähig wahrgenommen und nicht „abgestempelt“ werden. Oft wird dann auch erst im Laufe des Studiums ein Nachteilsausgleich beantragt. Wenn dann jemand „plötzlich“ mit einem Nachteilsausgleich „daherkommt“, sind andere Studierende oft skeptisch. So nach dem Motto: „Warum hat der/die das dann nicht schon am Anfang des Studiums gemacht?“ Ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass nicht immer dieser Generalverdacht des Unterschleifs mitschwingt."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Wie kann ein Nachteilsausgleich konkret aussehen?

"Sehr unterschiedlich, Vielfalt braucht eben auch individuelle Lösungen. Natürlich gibt es Regeln, aber ich bemühe mich, mit den Prüfungsausschüssen möglichst passende Lösungen zu finden. Das erfordert auch einen gewissen Pragmatismus. Die Erleichterungen für die betroffenen Studierenden können dann von Zeitverlängerung bei Klausuren bis zum Randplatz für häufigere Toilettengänge reichen. Das klingt banal, kann aber etwa für Morbus-Crohn-Patienten ein Riesenproblem bei Prüfungen sein."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Nicht jeder Studierende in Schwierigkeiten bringt bereits ein ärztliches Attest mit. Sind dann nicht auch diagnostische Fähigkeiten von Ihnen gefordert, gerade in Bezug auf psychosoziale Probleme?

"Natürlich, das ist eine echte Gratwanderung. Man muss unterscheiden zwischen Beratung, Behandlungsbedarf und im Extremfall natürlich auch Betrugsversuchen. Coaching heißt nicht Therapie. Sehr schwierig zu erkennen ist etwa, inwiefern psychische Probleme oder auch autistische Züge die Ursache für Probleme im Studienverlauf sind. Selbstverständlich müssen die Studierende intellektuell in der Lage sein, das Studium zu schaffen, aber psychische Beeinträchtigungen können die Leistung wesentlich beeinflussen. Manchmal schafft es jemand einfach nicht, die Abschlussarbeit abzugeben, obwohl alles fertig ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier auch bei den Studienabbrechern die Dunkelziffer hoch ist."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Sie haben das Stichwort „Inklusion“ erwähnt. Wie definieren Sie den vielschichtigen Begriff für sich?

"Ich als Ingenieur sehe das so: Integration ist, wenn wir Menschen außerhalb des gesellschaftlichen Konstrukts Eintrittsmöglichkeiten am Rand schaffen, sozusagen Brücken bauen, Rohre basteln und Leitungen verlegen. Hingegen Inklusion bedeutet für mich, dass wird das gesellschaftliche Konstrukt verschieben und Menschen mit Handicap automatisch eingeschlossen sind. Dass wir es einfach anders auffassen."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Inwiefern ist denn die TU München barrierefrei?

"Es sind leider nicht alle 460 Gebäude barrierefrei, dafür ist die Bausubstanz einfach zu alt. Und alles für alle Fälle zu antizipieren, ist auch kaum machbar. Wir adaptieren die Infrastruktur daher eher nach konkreten Anlassfällen. Als wir zum Beispiel erstmals eine gehörlose Studentin in der Informatik hatten, wurden die relevanten Hörsäle mit einer induktiven Höranlage nachgerüstet. Etwas anderes ist es natürlich bei Neubauten und Umbauten, hier werden natürlich gleich die neuesten Standards in Sachen Barrierefreiheit umgesetzt."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Wir haben jetzt von baulichen Barrieren gesprochen, wie sieht es mit Hürden im Lehrangebot aus? Inwiefern sind denn die Professoren gewillt, Studierenden mit Handicap eine Lösung anzubieten?

"Grundsätzlich sind viele Kolleginnen und Kollegen an der Grenze des Leistbaren, sodass Inklusion nicht immer ideal läuft. Wir versuchen aber natürlich für das Thema zu sensibilisieren und bieten auch konkrete Unterstützung an. Und wir wollen auch Anreize für besonderes Engagement von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern setzen. Ende Juli wird erstmals der „Angela Molitoris Diversity Award“ für herausragende Leistungen im Bereich Chancengleichheit verliehen, da fällt natürlich auch Inklusion rein."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Welche Grenzen sind denn der Inklusion an Universitäten aus Ihrer Sicht gesetzt? Sind irgendwelche Studienfächer ausgeschlossen für Studierende mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen?

"Grundsätzlich nicht, aber es können sich natürlich Einschränkungen durch die Aufgabenstellungen im Fach an sich ergeben, etwa im Bereich Sport. Ganz allgemein versuchen wir aber schon, uns eine Lösung einfallen zu lassen. Wir hatten zum Beispiel einen körperlich behinderten Doktoranden in Brauwesen, dem dann eben Hilfskräfte zugewiesen wurden, damit er bestimmte Experimente durchführen konnte."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Campus Magazin: Können nicht idealerweise auch Nicht-Behinderte von Maßnahmen zur Inklusion profitieren?

"Die Lehre der Zukunft soll genau in diese Richtung gehen. Im Sinne des E-Learnings bieten wir zum Beispiel immer mehr Vorlesungen in Online-Platformen an, wo die Studierenden jederzeit und von überall auf die Inhalte zugreifen können. Und wenn das Studium flexibler wird, profitieren natürlich nicht nur Studierende, die vielleicht in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, sondern auch berufstätige oder Studierende mit Kind. Inklusion ist also idealerweise schon zum Nulltarif inkludiert."

Prof. Dr. Klaus Diepold, TU München

Vielen Dank für das ausführliche Interview, mehr zum Thema Inklusion erfahrt ihr im Campus Magazin.


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