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Streit um‘s Semesterticket Wie viel darf Solidarität kosten?

Pendler gegen Ortsansässige: das Semesterticket sorgt in vielen Uni-Städten für Streit zwischen den Studierenden. Beide Seiten fordern Solidarität – dabei wäre der Konflikt ganz einfach zu lösen.

Von: Jasmin Körber

Stand: 20.11.2018

Donnerstagvormittag an der Hochschule Ansbach, das heißt: Großkampfzeit. Viele der knapp 3000 Studierenden pendeln die knapp 50 Kilometer aus dem benachbarten Nürnberg – und viele tun es mit dem Auto. Der Parkplatz an der Hochschule: oft so überfüllt, dass viele Studierende ihr Auto im Parkhaus des benachbarten Einkaufszentrums abstellen müssen. Nicht selten beschweren sich Anwohner über zugeparkte Nebenstraßen.  

Pendeln mit dem Zug? Das ist vielen zu teuer. Wer aus Nürnberg kommt, der zahlt im Semester gerne mal zwischen 500 und 1400 Euro. 2017 haben die Studierenden deshalb darüber abgestimmt, ob sie an ihrer Hochschule ein solidarisches Semesterticket einführen wollen. In den Nachbarstädten Nürnberg und Erlangen gibt es bereits eines.

Solidarisches Semesterticket: So funktioniert’s

Das Problem: das Semesterticket funktioniert nur, wenn sich ein Großteil der Studis solidarisch zeigt. Denn alle Studierenden – egal ob sie das Ticket nutzen oder nicht – müssen einen Pflichtbeitrag zahlen. An der Uni Erlangen-Nürnberg sind das zum Beispiel gerade 74 Euro. Dafür bekommt auch jeder ein Basisticket, mit dem man die Öffentlichen nutzen kann – allerdings nur abends und an den Wochenenden. Wer nicht nur zu abendlichen WG-Partys, sondern auch zu den Vorlesungen fahren will, braucht ein Zusatzticket. Das ist dank des Solidarbeitrags der anderen dann aber um einiges günstiger.

Ansbach: Kein Ticket, keine Solidarität?

An der Hochschule Ansbach ist das Ticket durchgefallen. 65% der Studierenden haben bei der Abstimmung dagegen gestimmt – viele mit der Begründung, dass sie das Ticket selbst nicht nutzen würden. Schließlich wohnt die Mehrheit von ihnen direkt in Ansbach. Eine Enttäuschung für Pendler wie Isabella, die sich von den ortsansässigen Studierenden mehr Solidarität gewünscht hätte.  

"Ich hab’s bei manchen Leuten versucht, denen zu erklären, dass sie das ja nicht umsonst für dieses Basis-Sockelmodell zahlen würden. Dass sie auch am Wochenende und an den Feiertagen fahren könnten. Das hat die aber nicht wirklich interessiert. Dann hieß es: ‚Das ist für mich zu viel Geld‘. Oder: ‚Ich will nicht nach Nürnberg fahren, ich will nirgendswohin fahren am Wochenende, bringt mir nix.‘ Und manche haben auch einfach unser Problem nicht verstanden, dass wir einfach so wahnsinnig viel im Monat zahlen müssen."

– Isabella, studiert Ressortjournalismus an der HS Ansbach

Erlangen: Wo bleibt die Miet-Solidarität?

Dass es nicht ganz so einfach ist, zeigt ein Blick ins benachbarte Erlangen. An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat eine hauchdünne Mehrheit der Studierenden (50,73%) für das Ticket gestimmt. Aber viele Erlanger haben dagegen gestimmt. Auch hier die Argumentation: in der kleinen Studentenstadt lässt sich ohnehin alles mit dem Fahrrad erreichen. Und die ortsansässigen Studierenden haben – wie in vielen Unistädten – ein weiteres Argument: die horrenden Mieten.

"Wir kriegen auch keinen solidarischen Mietzuschuss für die teuren Mieten. Die Mieten steigen und steigen und steigen und es ist immer schwerer für Studenten, hier trotzdem noch gut über die Runden zu kommen - und dann muss man auch noch Bustickets zahlen, die man nicht braucht."

– Patrick, studiert an der FAU Erlangen-Nürnberg

Patrick hat sich bewusst eine Wohnung in Uninähe gesucht. Für ihn heißt das: eine Wohnung mit jährlich steigender Staffelmiete. Mittlerweile zahlt er 400 Euro für sein Zimmer. Viele Pendler zahlen da weniger – weil sie von den günstigen Mietpreisen auf dem Land profitieren oder noch zuhause wohnen. Sollen die ortsansässigen Studierenden also die Pendler querfinanzieren?

München: Erfolg mit Anlauf

Pendler gegen Ortsansässige – Solidarität fordern beide. Ein unlösbares Dilemma? Nicht unbedingt. Bestes Beispiel: München. Hier schwelte ein jahrelanger Streit um das Solidarmodell. Bei der ersten Urabstimmung 2009 ist das Ticket krachend gescheitert. 2012 wurde es nach einer erneuten Urabstimmung eingeführt. Knapp zehn Jahre später ist es  eine Erfolgsgeschichte. 97% der Studierenden wollen das Ticket behalten – trotz Preissteigerungen.

Sind die Münchner Studierenden also einfach die besseren Menschen? Wahrscheinlich eher nicht. Aber zum einen ist der Pflichtbeitrag hier mit 67 Euro verhältnismäßig niedrig, zum anderen das Zusatzticket so attraktiv, dass es sich 72% der Studierenden leisten (Zum Vergleich: in Erlangen bzw. Nürnberg sind es 44%). Solidarität fällt eben leichter, wenn sie wenig kostet – und viele profitieren.


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