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Start Up im Baltikum Gründer-Paradies Estland

Latitude 59 in Estlands Hauptstadt Tallinn ist eine der angesagtesten Start-up-Festivals der Tech-Industrie für Nordeuropa und die baltische Region. Hier treffen sich Investoren aus aller Welt und Studierende treten im Wettbewerb um die innovativsten Ideen gegeneinander an.

Von: Michael Olmer

Stand: 18.07.2018

Latitude 59 ist nicht die einzige Beispiel dafür, warum E-Estonia als kleiner Vorreiter in Sachen Digitalisierung gilt.

Kaisa hofft einen Büroplatz im Technologiezentrum der Uni zu gewinnen.

Neben dem großen Hauptwettbewerb findet ein weiteres Event statt, in dem Finalisten eines Förderprogramms der Technischen Universität Tallinn ihre Ideen präsentieren. Noch am Morgen hatten sie ihre Semesterklausuren, am Nachmittag liefen sie vor dem Saal der Festivalbühne auf und ab, flüsterten in den letzten Minuten vor dem Pitch noch ihren Text vor sich hin.

Studienbegleitende Start-up-Förderung

Sie hat ein Verfahren entwickelt, mit dem man aus Holz 3D-Drucke herstellen kann.

Kaisa trat für eines der neun Teams an. Sie und ihre Mitstudenten haben ein Verfahren entwickelt, das den 3-D-Druck aus Holz vereinfacht. Das Ziel: eine umweltfreundlichere Variante des 3-D-Drucks, um damit eine eher von Plastikmaterialien dominierte Industrie zu verändern. In ihrer Hand hält sie eine kleine Eule. Nur ein Beispiel, stellt sie klar, was man alles auf Basis von Holz drucken kann.  

Katre Purga von der Technischen Universität koordiniert das Startup-Programm der Studenten. Drei Monate haben die Zeit, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, mit Workshops, Vorträgen. Danach folgen Wettbewerbe. Damit die Klausuren nicht vergessen werden, bleibt das Angebot flexibel gehalten.   

"Wenn etwas anderes ansteht, wenn jemand eine Prüfung oder so hat, ist das nicht schlimm. Man kann dann zum Beispiel im Frühjahr oder so kommen, um unser Programm fortzuführen."

Katre Purga, Technische Universität Tallinn

Digitale Angebote ziehen auch internationale Studenten an 

Eine Sonderstudie des Weltwirtschaftsforums vom Dezember 2016 attestierte Estland die europaweit größte Unternehmereuphorie. Dazu trägt die nahezu flächendeckende digitale Infrastruktur der Verwaltungsdienste des Landes bei. Die macht es möglich, innerhalb einer halben Stunde sein Unternehmen zuhause am Laptop anzumelden.

Pitching auf der Latitude 59

Digitale Innovation gehört zur Geschichte des Landes, das im Jahr 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Von Beginn an setzte der Staat, der zunächst ohne eigene Verwaltung da stand, alles auf die Digitalisierung. 1991 war auch das Jahr, in dem Florian aus Hamburg geboren wurde. Nach einem langen Studienaufenthalt in England zog es ihn für einen zweiten Master in den nördlichsten der drei baltischen Staaten, der seit 2004 zur Europäischen Union gehört.         

"Ich hab dann eines Tages gelesen, dass Estland an dem Tag die Unabhängigkeit erlangt hat, als ich geboren wurde, und dann hab ich mir gedacht, dass ich mir das Land mal gerne ansehen möchte."

Florian aus Hamburg, lebt seit dem Studienabschluss 2016 in Estland

Florian wollte von Anfang an im Land Fuß fassen und die Sprache lernen. Nach dem Master jobbte er für die EU-Ratspräsidentschaft, die im letzten Jahr Estland inne hatte, und registrierte seine eigene kleine Firma für Audioübersetzungen. Hauptberuflich arbeitet Florian in einem Unternehmen für Cybersicherheit und lebt mit seiner estnischen Freundin Kätlin zusammen. Beide lernten sich vor zwei Jahren bei einer Fotoaktion an der Universität Tartu im Süden Estlands kennen, wo sie gemeinsam studierten.

Mektory: Unternehmerspirit auf dem Unicampus 

Nicht nur Programmieren, auch Robotik gehört in Estland längst zum Freizeitprogramm am Nachmittag, schon im Grundschulalter. Wer dran bleibt, landet früher oder später im Mektory, dem Innovationszentrum der Technischen Universität in Tallinn. Gleich in der Nähe: der Tehnopol-Campus, der fast 200 Unternehmen beherbergt, neben Start-ups befindet sich hier auch der estnische Sitz von Skype. Die Telefonie-Software wurde von estnischen Programmierern entwickelt, dann an Ebay und zuletzt für 8,5 Milliarden Dollar an Microsoft verkauft. Die estnischen Skype-Pioniere blieben im Land aktiv, als Investoren und Vorbilder für junge Start-up-Unternehmer.

Auch Schüler dürfen in Mektory experimentieren. Und viele der StudentInnen, die an großen Wettbewerben teilnehmen, haben sich hier vorbereitet und kommen wieder, mit großen Zielen.   

"Unser Traum ist, wenn unsere studentischen Teams Start-ups aufbauen und ihre Vorbereitungsphase hier bei Mektory haben, dass dann der nächste Schritt das Gründerzentrum von Tehnopol ist."

Katre Purga, Mektory, Technische Universität Tallinn

Für Kaisa und ihr Team, das den 3-D-Druck revolutionieren möchte, ist dieser Traum schon ein ganzes Stück näher gerückt. Sie gehören zu den Preisträgern beim Studentenpitching - und haben sich einen der begehrten Officeplätze inklusive Mentorin bei Tehnopol ergattert. „Das macht unsere Arbeit viel einfacher“, sagt Kaisa und scheint glücklich, dass der Tag erst einmal geschafft ist.


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