ARD-alpha - Campus


9

Studium und Spitzensport Der Traum vom Erfolg

Zwei Studenten zwischen Hörsaal und sportlichem Leistungsdruck. Sie verbringen jede freie Minute auf Skiern, opfern dem Sport auch Zeit, die eigentlich fürs Studium gedacht ist. Campus Magazin hat sie über drei Jahre begleitet: Wie ist ihr Weg zwischen Karriere und Sport verlaufen?

Von: Beate Brehm

Stand: 03.01.2018

Universiade Januar 2015. Im tschechischen Strebske Pleso fährt ein Autokonvoi aus Deutschland vor, vollgepackt mit Skiern, Skistöcken und hochmotivierten Studenten. Mit dabei: Johannes Wasel, Nordischer Kombinierer, 2011 deutscher Meister, einer der besten Deutschlands. Und Andi Weishäupl, Langläufer. Er ist gerade so noch über die Liste nachqualifiziert worden. Alle sind voller Erwartungen und Hoffnung auf Medaillen bei der Winter-Universiade, den studentischen Weltspielen.

Die Universiade ist der Höhepunkt des Hochschulsports

Alle zwei Jahre treten Studenten  aus aller Welt an wechselnden Orten im Sommer oder Winter gegeneinander an. Für Andi und Johannes war es ein harter Weg hierher: Beide absolvieren nebenbei noch ein Studium. Johannes studiert wegen seines Sports - eine Kombination von Skispringen und Langlauf - nur im Sommer, an der Hochschule Furtwangen hat er im Rahmen eines Förderprogramms für Athleten die Möglichkeit dazu. Auch seine Eltern unterstützen ihn auf diesem Weg, sie wohnen nicht weit entfernt im nördlichen Schwarzwald. Doch wegen der vielen Trainigseinheiten und Wettkämpfe wird er für seinen Maschinenbau-Bachelor elf Semester brauchen. Auch Andi muss Sport und Studium gut unter einen Hut bringen: Wenige Tage vor der Universiade hatte er noch Handball-Prüfungen. Er studiert Sport und Deutsch auf Lehramt an der Uni Passau und kann sich ein Leben ohne Sport nicht vorstellen, immerhin steht er seit er drei ist auf Skiern.

Beide wissen: Auf die Sport-Karte zu setzen, ist riskant. Auch wenn es ihr großer Traum ist. Andi will deshalb auf jeden Fall ins Referendariat gehen: „Ich habe meinen Schwerpunkt ganz klar aufs Studium gelegt. Als Langläufer davon zu leben, ist ganz schön hart“, sagte er uns vor drei Jahren. Und heute?

Sport oder Karriere?

Andi begrüßt uns nach drei Jahren wieder in Passau. Er hat gerade sein erstes Staatsexamen gemacht, aber das Referendariat wird er erst einmal nicht antreten. „Wenn ich jetzt ins Berufsleben einsteigen würde, würde es irgendwann schwierig werden, Sport noch auf diesem Niveau zu betreiben.“ Dieses Niveau – das ist für Andi nicht mehr der Kader, sondern ein Marathon-Team. Er erhält Sponsoring, und verdient sogar etwas daran. Neben den gesponserten Marathon-Rennen will er auch seine Promotion an der Uni Passau machen, Schonfrist bis zum Berufseinstieg sozusagen. Und sich ein zweites Standbein aufbauen, denn „die Situation für Deutschlehrer ist gerade nicht gut.“ Seine Zulassungsarbeit hat Andi über die Vereinbarkeit von Leistungssport und Studium geschrieben, gerne würde er jetzt auch in dem Themenfeld promovieren. Was sein ehemaliger Team-Kollege Johannes jetzt macht, weiß Andi nicht. Seit der Universiade hat er nichts mehr von ihm gehört.

"Wenn man sieht, dass es für ganz oben nicht reicht, der Zug nach Olympia vielleicht abgefahren ist, dann sollte man eher das machen, was einem Spaß macht."

Andi Weishäupl, 2017

Hamburg, zehn Grad, Nieselregen. Hier treffen wir Johannes wieder. Weit weg von den Bergen, die seine Heimat sind, auch weit weg vom Leistungssport. Unmittelbar nach der Universiade 2015 hat er eine Entscheidung getroffen: Er hat den Leitungssport quasi von heute auf morgen aufgegeben. Eine Lebensentscheidung, die ihm nicht leicht gefallen ist. „Sie ist über Monate gereift, und ich habe damals viel Zeit für mich gebraucht“, sagt er heute. „Ich habe schon immer gesagt, wenn ich den Sport mache, will ich ganz nach oben kommen, und wenn ich das nicht schaffe, konzentriere ich mich auf die berufliche Ausbildung.“ Jetzt schaut er positiv in die Zukunft - ohne Leistungssport. Er steckt viel Energie in seinen Fahrzeugbau-Master an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und freut sich, einfach mal ein normaler Student sein zu können.

"Ich fand es ein Stück weit befreiend erst mal raus aus allem zu sein. Hamburg ist eine tolle Stadt. ich hab mich hier einfach wohl gefühlt!"

Johannes Wasel, 2017

Förderung im Spitzensport

Spitzensport und Studium zu vereinbaren, ist ein Drahtseilakt: Anders als in den USA, wo der Hochschulsport eine große Bedeutung hat und zahlreiche Athleten mithilfe von Stipendien und speziell auf sie abgestimmter Studienpläne Sport und Uni zugleich stemmen. In Deutschland gab es lange nur die Alternative: Sportförderung für Spitzensportler bei der Polizei oder als Soldat bei der Bundeswehr. Wer das nicht wollte, musste sich durchbeißen - oder sich für eines entscheiden.

"Der übliche Weg in der Nordischen Kombination ist es, nach dem Abi zur Bundeswehr zu gehen. Dort verdient man als Sportsoldat ganz gut, einfach dafür, dass man Sport macht. Ich hatte mich aber dagegen entschieden, weil ich unbedingt studieren wollte. Ich wurde dann von der deutschen Sporthilfe unterstützt, das waren 300 Euro im Monat, dadurch hatte ich schon mal die Miete drin. Außerdem bekamen wir am Olympiastützpunkt Unterstützung in Form von günstigen Sportler-Wohnungen. Und der Deutsche Skiverband hat für uns Kader-Studenten die Ausrüstung gesponsert. Wenn ich das auch noch hätte zahlen müssen, wäre das richtig ins Geld gegangen. Wichtig war, dass ich an der Hochschule Furtwangen so studieren konnte, dass ich quasi nur im Sommer an der Uni war. Anders hätten Sport und Studium zusammen nicht funktioniert."

 Johannes

Sportstipendien für studierende Spitzensportler

Mittlerweile gibt es einige Stipendien speziell für Spitzensportler und auch immer mehr Universitäten, die Programme für Spitzensportler anbieten. Auch die Olympiastützpunkte bieten Hilfe bei Studienorganisation und der Suche nach Stipendien an. Bundeskader-Athleten können Unterstützung durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe erhalten. Viele Sportler beklagen aber immer noch den „Flickenteppich“, der es für sie fast unmöglich macht, Spitzensport und Studium finanziell und organisatorisch gut zu stemmen.

"Das Meiste habe ich aus eigener Tasche gezahlt: Startgelder, Fahrtkosten, Übernachtungen. Bei der letzten Universiade in Almaty in Kasachstan zum Beispiel musste ich allein für den Flug über 2000 Euro zahlen. Im Grunde ging das nur mit Unterstützung meiner Eltern, und ein bisschen Sponsoring. Ich war damals ja im Team eines großen Ski-Herstellers, zumindest meine Ausrüstung habe ich also gestellt bekommen. Das Studium mit den Trainings- und Wettkampfzeiten zu vereinbaren, war aber schon eine Herausforderung! Ich habe meine Zulassungsarbeit über die Vereinbarkeit von Studium und Spitzensport geschrieben, und komme zu einem sehr ernüchternden Fazit. Trotz mancher Anstrengungen ist das Meiste mehr Schein als Sein."

Andi

Andis Fazit in seiner Zulassungsarbeit (Abschlussarbeit):

"In den Bereichen Zulassung zum Studium, Finanzierung des Studiums und vor allem der zeitlichen Vereinbarkeit von Studium und Spitzensport liegt die zentrale Schwierigkeit, die es zu lösen gilt. Betrachtet man allerdings den Anteil studierender Spitzensportler und deren Erfolg bei den letzten olympischen Sommerspielen, lässt sich bereits das enorme Potential vermuten.  Es bleibt also festzuhalten, dass es sich bei der Kombination von Spitzensport und Studium zweifelslos um ein verkanntes Potential und nicht um eine unvereinbare Doppelbelastung handelt. Aufgabe in der Zukunft wird es sein, den studentischen Spitzensport vom verkannten Potential hin zum nicht mehr wegzudenkenden Element der deutschen Spitzensportförderung zu entwickeln."

Andreas Weishäupl, Spitzensport und Studium - unvereinbare Doppelbelastung oder verkanntes Potential? Passau, 2017

2017 nahm Andi an der Universiade in Almaty teil. Sein bestes Ergebnis dort: Massenstart 30 Km (Herren):

Platz 28: Andreas Weishäupl

Damit hat Andi besser abgeschnitten als 2015 in Strbske Pleso.

Studierende beim Mountainbike fahren | Bild: BR zum Video mit Informationen Hochschule Ansbach Internationales Management für Spitzensportler

Seit 2006 bietet die Hochschule Ansbach eine Ausbildung an, die genau auf die Bedürfnisse von SpitzensportlerInnen zugeschnitten ist: den in Deutschland einzigartigen Bachelorstudiengang „Internationales Management für Spitzensportler“. [mehr]


9