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Vom Hörsaal auf die Matte Unterwegs mit der Sport-Stipendiatin 2017

Spitzenleistung im Sport bringen, studieren und jobben – eine Herausforderung für alle, die Leistungssport parallel zum Studium betreiben. Wie sie: Theresa Stoll, Vizejudoeuropameisterin, sie ist "Sport-Stipendiatin des Jahres 2017". Was bedeutet das für ihre Karriere als Spitzensportlerin und Medizinstudentin? Wie geht sie mit der Doppelbelastung von Sport und Uni um?

Von: Martin Hardung

Stand: 15.01.2018

Theresa Stoll, international erfolgreiche Judo-Sportlerin

22 Jahre alt, 52 Kilo. Sie hat sich schon öfter über eine gute Platzierung in ihrem Sport gefreut: Zuletzt der DM-Titel 2016, der Grand-Prix-Sieg und der Titel "Vizejudoeuropameisterin 2017". Doch ihre Wahl zur Sport-Stipendiatin des Jahres 2017 war mehr als eine Wertschätzung ihrer sportlichen Leistungen, sondern im wörtlichen Sinne existentiell.

Studieren und Leistungssport – viel mehr geht nicht

Wer wie Theresa mehrere Monate im Jahr in Trainingslagern und internationalen Wettkämpfen unterwegs ist und parallel dazu ein lernintensives Studium wie Medizin durchzieht, der kann beim besten Willen nicht auch noch jobben, ohne die Karriere(n) zu gefährden. Auf dieser Erkenntnis basiert die Sportförderung für studierende Athleten. Sie will Sportler an der Stelle unterstützen und Nachteile ein Stück weit ausgleichen, wo diese an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen, Spitzensport und Studium parallel zu meistern. Fast ein Drittel aller deutschen Leistungssportler studieren, ein Viertel arbeitet. Anders als etwa in den USA, wo der Sport und seine Förderung mit den Universitäten selbst eng verzahnt sind, bedeutet Spitzensport und Studium hierzulande für viele auch die Herausforderung, Finanzierungshilfen zu finden, die sicherstellen, dass nicht ein Bereich zulasten des anderen scheitert.

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe,1967 gegründet, hat als größte private Stiftung im Sportbereich, schon Generationen von Sportlern finanziell unterstützt und verschiedene Förderprogramme geschaffen. So fördert sie derzeit rund 4000 Sportler. Dabei geht es ihr um mehr als nur finanzielle Förderung, sondern auch um langfristige Begleitung und Beratung von Sportlern, auch für ihren beruflichen Einstieg nach dem Ende ihrer Karriere.

Konzept zur Karriere - sportlich & beruflich

Zusammen mit der Deutschen Bank veranstaltet die Deutshe Sporthilfe jedes Jahr auch eine Online-Wahl, an der erfolgreiche Sportler teilnehmen können, wenn sie dafür nominiert werden. 2017 waren das neben Theresa Stoll aus München noch vier weitere SportlerInnen aus verschiedenen Disziplinen. Theresa bekam die meisten Stimmen und damit den Titel "Sport-Stipendiat des Jahres". Als Preisträgerin erhält sie für 18 Monate von Deutscher Bank und Deutscher Sporthilfe den doppelten Stipendiumsbetrag von 800 Euro pro Monat. Für Theresa eine einschneidende Erfahrung. Neben der Anerkennung ihrer sportlichen Leistung wirkt das Sport-Stipendium für sie wie ein zusätzlicher Motivationsschub. Es macht den Kopf frei von finanziellen Belangen und erleichtert es ihr, sich voll auf ihr sportliches Ziel, die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo, zu fokussieren.

Theresa hat derzeit einen Lauf und zwar in beiden Bereichen, Sport und Studium. Mit dem Bestehen ihres Physikums hat sie die wohl größte Hürde im Medizinstudium genommen und sie befindet sich noch immer in der Regelstudienzeit. Wie sie das geschafft hat, hat nicht nur den Vertretern von Deutscher Bank und - Sporthilfe Respekt abgenötigt, sondern auch zu ihrer Wahl zur Sport-Stipendiatin beigetragen. Denn aus Sicht der Stifter, die das Stipendium vergeben, sollen Sportler Vorbildfunktion haben und andere mit ihren Leistungen inspirieren und motivieren.

Ja, und wie schafft sie den Spagat zwischen Leistungsspot auf hohem Niveau und forderndem Medizinstudium?  Ihren Alltag mit zwei Mal Training am Tag, bis zu 15 Trainingslagern und Wettkämpfen im In- und Ausland pro Jahr und „dazwischen“  Uni, Prüfungen, Lernen? Muss man dafür eine Kampfmaschine sein mit Superhirn oder gibt es dafür ein Geheimrezept? Rezept ja, geheim nein. Das Rezept beinhaltet: zur richtigen Zeit tun, was notwendig ist und sich gut organisieren. Das ist keine Geheim-Erkenntnis sondern das, was sich viele zu Neujahr vornehmen, um dann in der Umsetzung eben doch zu schwächeln. Theresa tut es einfach. Einfach? Nein, sicher nicht. Sie muss pauken, wenn andere feiern gehen und nach dem Morgentraining kommt sie nicht selten ausgepowert in die Vorlesung. Es erfordert also eine Menge Selbstdisziplin und eine permanente Motivation. Auch Theresas Einstellung zum Studium ist: sportlich. Herausforderungen annehmen, weitergehen, wenn es mühsam wird, Augen auf und durch auf der Suche nach Erfolg.

Die Uni muss mitziehen

Entscheidend dafür, wie sich Sport und Studium vereinbaren lassen, ist auch die Frage, in wie weit Unis und Hochschulen bereit und in der Lage sind, der besonderen Situation studierender Spitzensportler Rechnung zu tragen. Das ist stark abhängig von der jeweiligen Uni und deren Umgang mit Leistungssportlern. Manche Universitäten haben in ihren Präambeln klar definierte Regeln, wie auch die Universität München, an der Theresa ihr Medizinstudium begonnen hat, andere haben das weniger auf dem Schirm. Wieder andere, neben der LMU München etwa auch die Humboldt-Universität in Berlin, die Unis in Bonn, Konstanz oder Leipzig, verstehen auch sie sich explizit als "Partner des Sports". Der Allgemeine Deutsche Hochschulverband adh schuf (1999) das Projekt "Partnerhochschulen des Spitzensports", um den studentischen Kader-AthletInnen den "Spagat zwischen Studium und Spitzensport" zu erleichtern. Derzeit gibt es über 100 adh-Mitgliedshochschulen für rund 1.200 studierende Spitzensportler. Die Kooperationspartner, zu denen auch Olympiastützpunkte, Studentenwerke und Fachverbände gehören, möchten es den Studierenden ermöglichen, trotz der hohen Belastung, ihr Studium erfolgreich zu absolvieren. Das Bewusstsein für die Probleme studierender Spitzensportler ist bei den am Verbund beteiligten Hochschulen also grundsätzlich vorhanden. Die Hochschulrektorenkonferenz hat zusammen mit Kultus- und Sportministerkonferenz und dem Deutschen Olympischen Sportbund sogar dazu eine gemeinsame Erklärung zum Thema verfasst.

Denn es geht um wichtige Fragen, wie Studium und Spitzensport vereinbar sein können: Was mache ich, wenn ich bei Pflichtveranstaltungen fehlen muss, weil ich auf Wettkampf bin? Kann ich einen anderen Prüfungstermin bekommen, wenn ich nicht da sein kann? Und was ist, wenn ich am Ende wegen des Sports die Regelstudienzeit überschreiten muss und was, wenn meine Noten aufgrund des Sports im Examen schlechter ausfallen?  Diese Fragen stellen sich für alle studierenden Spitzensportler. Und jeder muss seine individuellen Antworten darauf finden. Klären müssen sie diese, wie Theresa, mit den zuständigen Stellen an der Uni und letztlich vor allem auch mit den Profs. Absolute Gerechtigkeit ist da nicht zu erwarten, denn Professoren entscheiden unterschiedlich und es kommt stark aufs Studienfach an.

Kompromisse finden und motiviert bleiben

Auch die jeweiligen Trainer sind mit eingebunden in die Semesterplanung. "Es geht darum, Kompromisse zu finden“, meint Theresa. "Mir wurde eingeräumt, etwas häufiger zu fehlen, aber Pflichtveranstaltungen sind Pflichtveranstaltungen". Doch „bis jetzt hat es ganz gut geklappt“. So gut, dass sie in ihrem 5. Semester Medizin noch immer in der Regelstudienzeit ist. „Entscheiden möchte ich mich nicht zwischen Sport und Studium, sagt Theresa. "Aber das muss ich im Moment ja auch nicht".  Eine Entscheidung steht vielleicht an, wenn die Olympischen Spiele näher rücken. Dann dürfte der Judo-Sport eine Zeit lang Vorrang haben, wie die Uni vor ihrem Physikum: "Dann werde ich mir schon überlegen, ob ich für den Sport mal ein Semester Pause mache".

Wie motiviert sie sich und wie ist ihr persönliches Umfeld beschaffen, kommen soziale Kontakte, Freunde und Familie nicht zu kurz bei so einem Programm? Theresas Ansatz ist, alles zu integrieren in ihr Sportlerleben. Ihre Zwillingsschwester, selbst sehr erfolgreich im Judo, ist die ideale Trainingspartnerin. Und Freunde findet sie vor allem im Sport.  Bei allen Erfolgen, die Theresa mit ihren 22 Jahren hat, scheint sie nicht in Gefahr, abzuheben. Sie ist auf der Matte, also auf dem Boden, geblieben. Neben dem Stipendium vermutlich auch ein Faktor, der auch in Zukunft zu ihrem Doppel-Erfolg in Sport und Studium beitragen kann.

Weitere Infos zur Sportförderung

Überblick der Kandidaten zum Sport-Stipendiat des Jahres 2017

Partnerhochschulen des Spitzensports (Auswahl)


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