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Immer weniger Studienanfänger Stehen manche Unis bald leer?

Noch ist es angesichts voller Hörsäle nicht zu erkennen, aber viele Hochschulen werden bald nicht mehr zu viele, sondern zu wenige Studierende haben. Das ist ein echtes Problem, denn weniger Studierende heißt: weniger Geld.

Von: Fabian Mader

Stand: 16.11.2016

Es gibt schon Regionen, die haben Erfahrung damit, wenn einem plötzlich die Erstsemester wegbrechen. Nach der Wende, im Osten Deutschlands, wollten viele junge Menschen weg – und kaum jemand aus dem Westen wollte an einer ehemaligen DDR-Uni studieren. So manche Hochschule griff damals zu ziemlich radikalen Werbe-Methoden.

"Es gibt Hochschulen, die haben Busse in fremde Regionen geschickt. Dort hat man dann in den Innenstädten oder vor Schulen gehalten und hat Flyer verteilt, um für die eigene Hochschule zu werben."

Dr. Christian Berthold, Geschäftsführer von CHE Consult

Der Osten hat nun sein Tal hinter sich, ab jetzt geht es leicht aufwärts. Nun trifft es dagegen den Westen besonders hart. In zwanzig Jahren wird es in vielen Landkreisen bis zu 56% weniger Menschen zwischen 16 und 19 Jahren geben, also deutlich weniger Studienbewerber.

 

CHE Consult bei der Beratung

CHE Consult, die Universitäten und Hochschulen berät, hat diese Entwicklung mit den aktuellen Einzugsgebieten von Hochschulen gegengerechnet. Das Ergebnis ist vor allem für ländliche Regionen bedrohlich. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlands beispielsweise muss mit einem Minus von 15% rechnen – bei 6000 Studierenden wären das langfristig 900 weniger. Für Rektor Wolrad Rommel würde das bedeuten, dass dann kleinere Studiengänge geschlossen werden müssten. Er glaubt allerdings, dass es nicht so weit kommt – und hofft die Lücke mit mehr internationalen Studierenden zu schließen.

Maschinenhalle an der HAW Hof

Auch der Norden Bayerns gehört zu den Verlierern der demografischen Entwicklung. Die HAW Hof muss in 20 Jahren – der Prognose zufolge - mit 12 Prozent weniger Studienbewerbern rechnen. Für Präsident Prof. Jürgen Lehmann wäre das nicht einfach zu verkraften. Denn langfristig könnte die Zahl der Studierenden von rund 3500 auf knapp über 3000 schrumpfen – eine gefährliche Grenze. 

"Es geht eigentlich immer ums Geld. Der Wissenschaftsrat hat einmal berechnet, dass eine Hochschule die deutlich unter 3000 Studenten sinkt, tatsächlich von der Infrastruktur, vom Personalkörper her, in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnte."

Prof. Dr. Jürgen Lehmann, Präsident HAW Hof.

Studenten im Labor für Trinkwassermanagement an der HAW Hof

Lehmann glaubt nicht, dass Hof in diese Schieflage kommen wird – denn seit Jahren setzt sich die Hochschule mit dem demografischen Wandel in der Region auseinander. Ein neues Institut soll beispielsweise nationale und internationale Studierende anlocken. Das Thema: Trinkwassermanagement.

"Wasser ist ja überall ein Mega-Thema. Es gibt jetzt schon größere Konflikte, weil das Trinkwasser knapp wird oder verunreinigt ist - in Indien oder Pakistan - und das wird sich verstärken. Wir müssen versuchen, Lösungen anzubieten, die Menge an Trinkwasser, die es gibt, so zu bewirtschaften, dass sie das ganze Jahr hinreicht."

Prof. Dr. Jürgen Lehmann, Präsident HAW Hof.

Studenten in einem Labor in Amberg.Weiden

Mit solchen Projekten sieht er seine Hochschule gut aufgestellt. Auch im nahe gelegenen Amberg arbeitet man bereits an Strategien, um auf dem enger werdenden Markt zu bestehen. Die Hochschule sucht die Nähe zu den Unternehmen aus der Region – will jetzt sogar einen eigenen Studiengang „Industrie 4.0“ einführen – auch mit Blick auf Arbeitnehmer, die sich beispielsweise über ein duales Studium weiterbilden wollen.

Aber bei weitem nicht alle Hochschulen nehmen die Aufgabe demografischer Wandel so ernst. Die ZEIT und das Campus Magazin haben 100 Hochschulen angeschrieben, die der Prognose von CHE Consult zufolge dem demografischen Wandel besonders stark ausgesetzt sind. Viele geben sich entspannt – einige halten ihn für eine wohltuende Schrumpfkur, andere verweisen auf das eigene Studienangebot, das sicher auch in Zukunft viele Studierende anziehen wird.

Dr. Christian Berthold glaubt, dass sich die Größe der Herausforderung noch nicht bei allen Vertretern von Hochschulen herumgesprochen hat.

"Die Wahrnehmung, was das eigentlich bedeutet, ist in den Hochschulen sehr unterschiedlich. Wenn sie mit einer Professorin oder einem Professor sprechen, werden die vielleicht sagen: Ist nicht so schlimm, wenn ich weniger Studierende im Seminar habe, dann kann ich besseren Unterricht machen. Aber viele Hochschulleitungen sehen das anders. Die machen sich durchaus Gedanken darüber, wie sie ihre Finanzierungsgrundlage stabil halten können."

  Dr. Christian Berthold, Geschäftsführer von CHE Consult

Wissenswert: Eine Kooperation von DIE ZEIT und ARD-alpha

Die Recherche zu diesem Thema fand im Zusammenhang mit dem Recherchepool „"Die Bildungsrecherche" statt, einer Kooperation von ARD-alpha und DIE ZEIT. Getragen wird die Kooperation vom Ressort CHANCEN der ZEIT und dem Campus MAGAZIN von ARD-alpha. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, ein multimediales Angebot für Zielgruppen an den Hochschulen anzubieten.


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