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Politisches Engagement "Make Politik sexy again!“

Politik ist stinklangweilig!? Ein Show-Event anlässlich der Oberbürgermeister Wahl sollte die Freiburger Jugend vom Gegenteil überzeugen. Können Veranstaltungen wie diese dazu beitragen, dass sich junge Leute politisch engagieren?

Von: Anna Kemmer

Stand: 24.07.2018

An diesem Abend wird in Freiburg der OB-Kandidat Manfred Kröber zu hören bekommen, dass seine grüne Fliege "scheiße" aussieht. Der amtierende Oberbürgermeister Dieter Salomon muss sich sagen lassen, dass er nun offenbar schon länger die "graue Praxis" erforsche – Titel seiner Doktorarbeit war einst "Grüne Theorie und graue Wirklichkeit".

Frech sein, manchmal fast unter der Gürtellinie: Das ist das Kalkül dieses Abends im Jugendkulturzentrum ArTik in Freiburg, zu dem neun verschiedene Initiativen eingeladen haben. Darunter der Stadtjugendring, die Fachschaft Politik oder "Kleiner Fünf", eine Initiative, die ursprünglich zur Bundestagswahl 2017 entstanden ist und sich nun weiter gegen Rechtspopulismus und für Demokratie einsetzt.

Interesse an Politik so groß wie schon lange nicht mehr

"Make Politik sexy again" ist das Motto des Abends, der zeigen soll, dass Politik alles andere als langweilig daher kommen muss. Dafür haben sich die Macher einen knallbunten Abend ausgedacht, um die OB-Kandidaten ordentlich "durchzugrillen" – deswegen heißt die Veranstaltung auch "Kandidatengrillen". Die Jungs und Mädels aus dem Orga-Team sind das Gegenteil von dem, was gerne pauschal als „unpolitische Jugend“ abgestempelt wird. Tatsächlich stimmt dieses Klischee gar nicht – der Abend in Freiburg zeigt das auf eindrucksvolle Weise. Die Bereitschaft der Jungen, die Gesellschaft im Kleinen mitzugestalten, ist laut der Shell Jugendstudie 2015 so groß wie schon lange nicht mehr – und sei es auch nur durch die Teilnahme an einer Online-Petition oder einem Warenboykott. Parteipolitik & Co allerdings sind out; die Politikverdrossenheit ist weiterhin groß: 69 Prozent der 15- bis 25-Jährigen stimmen der Aussage zu: "Politiker kümmern sich nicht darum, was Leute wie ich denken."

Der heutige Abend sorgt dafür, dass die Politiker sehr direkt mitbekommen, welche Anliegen und Nöte die Freiburger Jugend beschäftigen. Aber bloß keine 0-8-15-Podiumsdiskussion! Also kommentiert die Ton-Regie langweilige Antworten mit lustigen Sounds, es gibt Blitz-Runden, bei denen die Kandidaten auf kurze Fragen mit Ja- oder Nein-Schildern antworten müssen, die Moderatoren sind schlagfertige Foodblogger und Poetry-Slammer. Und auch das Publikum macht heute mit – und nutzt dafür die App "Debat-O-meter" der Uni Freiburg. Damit bewerten die Zuschauer sekundengenau die Performance der Kandidaten und sehen, wie die Thesen im Publikum ankommen.

Saal platzt aus allen Nähten

Schon vor dem Einlass um 18.30 Uhr stehen die Leute draußen Schlange. Mehr als doppelt so viele junge Freiburger sind gekommen wie der Saal Platz bietet – die Veranstalter müssen rund 200 von ihnen wieder nachhause schicken – was nervt, ihnen aber auch zeigt, dass sie mit ihrem Ansatz richtig liegen. Schon nach der ersten Hälfte sind die Zuschauer begeistert. Eine Studentin sagt, dass politische Veranstaltungen viel öfters so verpackt sein müssten – auch wenn es teilweise schon ganz schön unter die Gürtellinie gegangen sei. Auch der amtierende Oberbürgermeister Dieter Salomon muss an diesem Abend einiges einstecken. In der Pause sagt er trotzdem, dass er das Format super findet.

 "Ich glaube so eine Veranstaltung wie heute macht viele neugierig, dass ja Politik auch was mit ihnen zu tun hat und den Problemen, die sie im Alltag haben." Dieter Salomon, aktueller Oberbürgermeister von Freiburg

Politik hat mit uns zu tun!

Politiker und junge Leute zusammenbringen – und das auf eine krachbunte und provokante Art. Das Kandidatengrillen hat gezeigt, wie spannend Politik eigentlich sein kann. Und vielleicht hat dieser Abend auch den ein oder anderen motiviert, sich selber zu engagieren – denn eines ist vielen jungen Freiburgern heute deutlich geworden: Politik hat ganz unmittelbar was mit ihrem Leben zu tun.


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