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Studentisches Projekt Die Retter der Wahlbeteiligung

Wie bringt man Nichtwähler zum Wählen? Indem man zuhört und diskutiert, finden die Mitglieder des studentischen Projekts „Denkende Gesellschaft“. Vor Wahlen gehen sie deshalb regelmäßig auf die Straße und an die Haustür, um ins Gespräch zu kommen. Lohnt sich das? Und wird dabei eine politische Meinung transportiert?

Von: Christian Orth

Stand: 26.10.2018

Pia Köber macht Hausbesuche, um Menschen zum Wählen zu motivieren.

„Wählen bringt nichts. Es wird doch sowieso nur gemacht, was die da oben wollen“ – Sätze, wie diese, hört Pia Köber von der „Denkenden Gesellschaft“ oft. Auch an diesem Samstag wieder, einen Tag vor der bayerischen Landtagswahl, in Augsburg. Die 27-Jährige ist extra aus Stuttgart angereist, um Nichtwähler kurzfristig doch noch vom Wählen zu überzeugen. Sie ist in einem Viertel unterwegs, in dem es besonders viele von ihnen gibt: Augsburg-Oberhausen. Bei der vergangenen Landtagswahl 2013 haben in den beiden Stimmbezirken durchschnittlich nur 37 Prozent der Wahlberechtigten gewählt – im Vergleich zur bayernweiten Wahlbeteiligung von 63,9 Prozent stark unterdurchschnittlich.

Das Projekt

Das studentische Projekt versucht wie vor jeder Wahl einen Spagat zu schaffen: Einerseits die Wahlbeteiligung steigern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, andererseits aber keine politische Richtung vorgeben. Entstanden ist das Projekt vor der Bundestagswahl 2017 vor dem Hintergrund des wachsenden Rechtspopulismus.

Erschreckend: Das "ehrliche" Ergebnis der Landtagswahl 2013.

Die Idee: Je mehr Austausch zwischen den Bürgern einer Gesellschaft stattfindet und je mehr Menschen wählen gehen, desto schwerer haben es Populisten. Inzwischen hat die „Denkende Gesellschaft“ rund 80 Mitglieder. Sie kommen aus ganz Deutschland, es sind hauptsächlich Studierende. Sie alle engagieren sich ehrenamtlich, finanziert werden die Einsätze wie in Augsburg durch Spenden. Vor der bayerischen Landtagswahl hat das Projekt Stadtviertel in Nürnberg, Ingolstadt und Augsburg besucht, in denen besonders viele Nichtwähler leben.

Bringt das was?

Ein Tag mit Pia Köber zeigt: Es ist verdammt schwierig, einen Nichtwähler umzustimmen. Aber viele sind glücklich darüber, dass ihnen einmal jemand zuhört und auf Augenhöhe über Politik spricht. Dass sich der Einsatz lohnt, zeigen Studien. So konnte empirisch belegt werden, dass Gespräche ein sehr effektives Mittel sind, um Menschen an die Wahlurne zu bringen (den ganzen Bericht gibt es hier).

Am Wahlabend: Freude bei allen Helfern über die höhere Wahlbeteiligung als bei der letzten Wahl.

Gleichzeitig belegt aber auch der Wahlabend einen Tag später, dass sich das Engagement von Pia Köber und den anderen 18 Studierenden in Augsburg gelohnt hat. Die Wahlbeteiligung in den beiden Stimmbezirken in Augsburg-Oberhausen ist genauso gestiegen wie die Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl insgesamt. In Augsburg-Oberhausen sind es nun durchschnittlich 45 Prozent, die zur Wahl gegangen sind, in ganz Bayern mehr 72,4 Prozent.

Natürlich lassen sich diese Steigerung nicht allein auf das Engagement der Studierenden zurückführen. Die 892 Gespräche in ganz Bayern haben aber sicherlich nicht geschadet. Den nächsten großen Einsatz bereiten die Studierenden jetzt schon vor: die Europawahl 2019.


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