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Praktisches Jahr Wie läuft die Medizinausbildung in der Coronakrise?

Für Medizinstudierende aus Bayern und Baden-Württemberg hat das Studium in Zeiten von Corona weitreichende Folgen. Wegen der Pandemie wurde das 2. Staatsexamen um ein Jahr verschoben. Die Betroffenen müssen ihr Praktisches Jahr, das um einen Monat vorgezogen wurde, kurzfristig neu organisieren.

Stand: 31.07.2020

Im März hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn entschieden, die Prüfung wegen der Corona-Pandemie zu verschieben. Die Studierenden sollten vorzeitig in ihr "Praktisches Jahr" in der Klinik starten, um bei der Versorgung der Kranken zu helfen. Dafür wurde die Approbationsordnung mit einer so genannten "Abweichverordnung" geändert. Der Beschluss hätte für die Medizinstudierenden in ganz Deutschland gelten müssen. Denn die Examina und der Ablauf des Medizinstudiums sind bundeseinheitlich geregelt. Spahn überließ es aber den Bundesländern zu entscheiden, seiner Empfehlung zu folgen oder die Prüfung durchzuführen. Nur Bayern und Baden-Württemberg entschieden sich dafür, die Prüfung zu verschieben.

"Durch die Entscheidung des Bundesgesundheits- ministeriums, den Ländern die letztgültige Entscheidung zu überlassen, ob sie die Prüfung durchführen wollen oder nicht, hat sich keine bundeseinheitliche Lösung ergeben, sondern ein föderaler Flickenteppich. Und das bringt natürlich besonders für die Studierenden in Bayern und Baden-Württemberg enorme Probleme mit sich, weil wir jetzt enorme Unterschiede zu allen anderen Bundesländern haben."

Louise Hegge, Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.

Das 2. Staatsexamen neun Tage vor Start abgesagt

Die Studierenden in Bayern und Baden-Württemberg haben nun erstmal umsonst gelernt. 100 Tage bereiten sich Medizinstudierende auf das 2. Staatsexamen vor, das üblicherweise im April stattfindet. Neun Tage vorher wurde es abgesagt. Jetzt sollen sie ihr 2. Staatsexamen ein Jahr später, im Frühjahr 2021 schreiben.

"Hammerexamen" 2021

Damit droht ihnen das sog. "Hammerexamen" - denn direkt nach dem 2. Staatsexamen müssen sie das 3. Staatsexamen ablegen. Sie haben aber deutlich weniger Zeit, sich darauf vorzubereiten als üblich. Hinzu kommt: Das PJ wurde in Bayern und Baden-Württemberg um vier Wochen vorgezogen, so dass die Studierenden ihre PJ-Plätze in anderen Bundesländern nicht mehr wahrnehmen konnten. Wir haben eine Medizinstudentin aus Bayern getroffen – wie kommt sie mit den erschwerten Bedingungen klar?

Was ist das Praktische Jahr?

Das Praktische Jahr, auch PJ genannt, ist das letzte Jahr im Medizinstudium. Normalerweise liegt es zwischen dem 2. Staatsexamen und dem 3. Staatsexamen, mit dem das Studium abschließt.  Im Praktischen Jahr lernen die Studierenden ihr Wissen unter Aufsicht von Ärzt*innen anzuwenden. Es besteht aus drei Tertialen à vier Monaten. Davon muss ein Tertial in Chirurgie und eines in Innerer Medizin absolviert werden. Für das 3. Tertial dürfen sich die Studierenden das Fach aussuchen. Das PJ muss nicht an der Heimatuniversität erfolgen. Die Tertiale können an Unikliniken und Lehrkrankenhäusern in ganz Deutschland oder auch im Ausland absolviert werden.

Ines Scheffold studiert im 10. Semester Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg und hätte ihr 2. Staatsexamen (M2) schon in der Tasche, wäre da nicht Corona gewesen und die Entscheidung der Bayerischen Regierung, die Prüfung zu verschieben. Ihr PJ startete nun vier Wochen früher als geplant. Kurzfristig musste sie umorganisieren.

"Weil wir früher ins PJ gegangen sind als die anderen Bundesländer, haben sich die Zeiten verschoben. Dadurch konnten wir unsere PJ-Plätze in anderen Bundesländern nicht mehr antreten. Viele meiner Studienfreundinnen hatten ihre Wohnungen schon gekündigt!"

Ines Scheffold, Medizinstudentin an der Universität Erlangen-Nürnberg

Auch Ines musste ihren PJ-Platz in der Schweiz absagen. Doch das ist für sie nicht das Schlimmste. Nach ihrem vorgezogenen PJ bleiben ihr jetzt genau 45 Tage Zeit - statt der üblichen 100 -, um sich auf das 2. Staatsexamen im Frühjahr 2021 vorzubereiten. Zwar hat sie den kompletten Stoff schon einmal gelernt, aber den könne man unmöglich ein Jahr lang im Kopf behalten. 45 Tage Vorbereitung findet Ines deshalb viel zu wenig. Sie fürchtet, dass sie wegen der erschwerten Bedingungen schlechter abschneiden wird. Durch die Verschiebung der Prüfung um ein Jahr, entstünden ihr keine "gravierenden Nachteile im Studienverlauf", so eine Stellungnahme aus dem bayerischen Gesundheitsministerium.

Online-Petititon der BVMD mit über 100.000 Unterschriften

Die "Bundesvertretung der Studierenden in Deutschland e.V.", kurz BVMD, hält das aber für eine zu große Belastung für die Studierenden. Schon im Vorfeld der Überlegungen, das 2. Staatsexamen wegen Corona zu verschieben, hatte der BVMD eine Online-Petition gestartet – mit mittlerweile über 100.000 Unterschriften. In der Petition wird u.a. gefordert, das 2. Staatsexamen für die Betroffenen ganz wegfallen zulassen.

"Wir haben viele Qualitätssicherungs- instrumente im Laufe des Studiums. Das 2. Staatsexamen ist nicht das Beste. Wir halten den einmaligen Wegfall für vertretbar, weil die Prüflinge unter den derzeitigen Voraussetzungen sehr erschwerte Bedingungen hätten. Als Äquivalent könnte man die kumulierten Leistungen aus dem klinischen Abschnitt anlegen. Außerdem soll das 2. Staatsexamen ja eigentlich dazu dienen, den Studierenden zu bescheinigen, dass sie bereit sind, ins Praktische Jahr zu gehen. Die Studierenden sind jetzt aber schon im Praktischen Jahr. Und man kann davon ausgehen, dass sie sich alle schon diese drei bis vier Monate vorbereitet haben und eigentlich schon alles gelernt hatten. Die Prüfung wurde ja sehr kurzfristig abgesagt."

Louise Hegge, Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.

Hoffnung auf mehr Vorbereitungszeit

Ines Scheffold wäre schon zufrieden, wenn ihr mehr Vorbereitungszeit zum Lernen eingeräumt würde. Etwa, in dem ihr PJ nochmal um ein paar Wochen gekürzt würde. Das ist auch der aktuelle Vorschlag der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml. Die Bedenken der Studierenden im Hinblick auf eine zu kurze Vorbereitungszeit könne sie nachvollziehen, heißt es auf Anfrage:

"Deshalb habe ich mich im Juni an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gewandt, um hier Maßnahmen zu ergreifen und die Abweichungsverordnung zur Approbationsordnung für Ärzte entsprechend zu ändern, um den Studierenden entgegen zu kommen."

Melanie Huml, Bayerische Gesundheitsministerin

Huml schlägt u.a. vor, das vorzeitige Praktische Jahr in Bayern und Baden-Württemberg nochmal zu kürzen:

"Wünschenswert wäre es, den betroffenen Studierenden eine längere Vorbereitungszeit auf die M2-Prüfung im April 2021 einzuräumen, indem das vorzeitige Praktische Jahr um weitere drei Wochen verkürzt wird. Zudem sollten die ausbildenden Kliniken die Befugnis erhalten, den Studierenden weitere Vorbereitungs- und Lernzeiten einzuräumen…"

Melanie Huml, Bayerische Gesundheitsministerin

Der Ball liegt jetzt beim Bundesgesundheitsminister. Nur er kann entscheiden, ob und wie man den Studierenden entgegenkommt. Denn dafür muss die bundesweit geltende Approbationsordnung erneut geändert werden.


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