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Campus Reportage Eine Chance für alle - das gegliederte Schulsystem

Das gegliederte Schulsystem wird häufig kritisiert, die Förderung schwacher Kinder, besonders auch solcher Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sei zu gering. Wie aber stellt sich das bayerische Schulsystem heute dar, welche Wege gibt es zur Hochschulreife? Was bedeutet das Schlagwort „Durchlässigkeit“ tatsächlich?

Von: Monika Haas

Stand: 17.04.2018

Nach vier gemeinsamen Grundschuljahren trennen sich in Bayern die Bildungswege der Neun- bis Zehnjährigen: Seit 2009 erhält jedes Kind ein Übertrittszeugnis, mit dem die Empfehlung auf eine der drei weiterführenden Schularten verbunden ist: Gymnasium, Real- und Hauptschule bieten verschiedene Schwerpunkte und Lernumgebungen an, die sich an den Fähigkeiten und Interessen der Schülerinnen und Schüler orientieren. Für Eltern ist der Übertritt eine spannungsgeladene Zeit, möchte doch jeder das Beste für sein Kind. Hoffnungen, Erwartungen und Ängste sind groß: Leider setzen nicht wenige Eltern damit ihre Kinder schon früh und unnötig unter Leistungsdruck:

Das Gymnasium - als die Schulart mit den besten Chancen für das spätere Berufsleben - gilt heute als erklärtes Ziel. Oft aber auch unabhängig davon, wie es tatsächlich um Begabung, Konzentration oder Leistungswille des Kindes bestellt ist. Wenn sich der Lernerfolg nicht von selbst einstellen will, wird notfalls mit Nachhilfe schon in der Grundschule gestartet. Ein Irrweg. Eine erfolgreiche Karriere ist jedoch keineswegs auf das Gymnasium beschränkt. Um dem eigenen Kind die besten Chancen zu geben, sollte man es annehmen, wie es ist.

Chancengleichheit in der Bildung?

Viel hat sich in den letzen Jahren am Profil der Schularten verändert. Doch welche Chancen bietet das gegliederte Schulsystem? Professor Dr. Dr. Werner Wiater, emeritierter Ordinarius für Schulpädagogik, gibt einen Überblick über die Anforderungsprofile, die Wechselmöglichkeiten und Herausforderungen im Schulsystem.

Das Beispiel der Grundschule an der Hanselmannstrasse zeigt, wie auch Kinder mit Migrationshintergrund bis zum Übertritt erfolgreich im Deutschen gefördert werden und wo sich Eltern der 4. Jahrgangstufe informieren können und sollten. Rektorin Ulrike Wanner erklärt ihre Überlegungen zur Empfehlung der weiterführenden Schule. Der Start ins Gymnasium verlangt nicht nur im niederbayerischen Pfarrkirchen vollen Einsatz der Kinder: Doch die Neulinge strengen sich an und kommen dann mit Eifer auch gut zurecht - nicht zuletzt dank des angeschlossenen staatlichen Internats, das die entsprechende Lernumgebung schafft. Direktor OSTD Peter Brendel verzeichnet einen regelrechten Ansturm auf das Gymnasium, den er begrüßt, sofern die Voraussetzungen für die Schulart gegeben sind. Das Gymnasium Pfarrkirchen bietet für Realschulabsolventen auch die Möglichkeit nach einer Übertrittsklasse noch das Abitur zu machen, eine Chance, die regelmäßig und erfolgreich genutzt wird.

Alternative M-Zug oder Ganztagsschule

Nicht alle Kinder, die es zunächst aufs Gymnasium "geschafft" haben, können mit dem Tempo und Anforderungsprofil auf Dauer mithalten. Bevor schlechte Noten und Wiederholen das Selbstwertgefühl zerstören, kann ein Schulartwechsel angeraten sein. Weil die Schulfächer stark unterscheiden, ist oft ein Wechsel auf die Realschule unsinnig, es bleibt: Die Hauptschule - aus Sicht vieler Eltern die unattraktivste Schulform: Ein Vorurteil, denn Hauptschulen engagieren sich sehr für ihre Schüler - mit Erfolg. Auch auf der Werner-von-Siemens-Hauptschule in Augsburg lernen ehemalige Gymnasiasten, zum Beispiel im sogenannten M-Zug, der nach dem Qualifizierten Anschluss die Mittlere Reife anbietet. Unbestritten ist für eine Berufsausbildung ein möglichst guter Schulabschluss nötig: Weil einige Kinder, zum Beispiel aus Familien mit Migrationshintergrund daheim nicht ausreichend gefördert werden können, bietet die Werner-von-Siemens-Hauptschule ein Mentorenprogramm für benachteiligte Kinder an, in denen sie von Menschen aus der Wirtschaft begleitet werden. Diese Unterstützung zahlt sich aus, ebenso eine Vielzahl von Praktika, die während der Schulzeit schon dabei helfen, eigene Berufswünsche zu finden und Kontakte für einen Ausbildungsplatz zu knüpfen. Beliebt sind die bayerischen Realschulen wegen ihre praxisnahen Unterrichts - und moderner Initiativen: Ein besonders zukunftsweisendes Programm bietet schon heute die städtische Münchner Realschule an der Blutenburg, mit ihrem rhythmisierten Ganztagesprogramm. Neben einem Ganztageszug können alle Schülerinnen und Schüler der Regelklassen von dem Angebot profitieren: Gemeinsames Mittagessen im Klassenverband, danach Intensivierungsstunden ergänzt von Sport und Wahlfächern: So lernt man gern und gut.

Chancen für hörgeschädigte Schüler/innen

Mitten im Lernen sind die hörbehinderten Schülerinnen und Schüler, die am Münchner Giselagymnasium gemeinsam mit hörenden Klassenkameraden eine Vorbereitungsklasse besuchen: Sie möchten nach dem Realschulabschluss an der hörbehinderten Realschule jetzt das Abitur machen, später studieren. Ein Vorbild haben sie in der Schule selbst: ihr Chemie- und Biologielehrer. Er ist überzeugt, dass das deutschlandweit einmalige Angebot eine wichtige Einrichtung ist: Der Erfolg der Absolventen gibt ihm recht, sie können sich an der Universität trotz Einschränkung zurecht finden, haben die Chancen, wie alle anderen auch ein Studium ihrer Wahl zu ergreifen.

Chancengleichheit an Hochschulen und Universitäten

Eine gelungener Bildungs- und Karriereweg führt nicht notwendigerweise zum Studium - aber in Bayern ist heute die Hochschule nicht mehr für gymnasiale Abiturienten reserviert: Auch mitten im Berufsleben kann man sich für das Weiterlernen entscheiden. An der Fachhochschule Freising treffen sich Studierende mit den verschiedensten Bildungswegen: Im Fachbereich Agrarmanagement werden aus jungen Landwirten zukunftsorientierte Unternehmer. Ökologie und Ökonomie zu verbinden, Erwachsenen und Schulklassen Biologie und Landwirtschaft unterhaltsam und spannend nahe zu bringen, damit können ehemalige Studierende, wie Markus Sauerhammer überzeugen. Er hat eine spannende Bildungsbiographie: Über seine Berufsausbildung zum Landwirt hat er den Qualifizierten Hauptschulabschluss und die Mittlere Reife gemacht, gearbeitet und dann an der Landwirtschaftsschule und Höhere Landbauschule weitergelernt. Heute begeistert ihn die Idee, selbst Wissen weiter zu geben.

Damit der Bildungsweg des eigenen Kindes klappt ist daher das Wichtigste für Eltern: In Kontakt mit den Lehrkräften bleiben und bei Fragen die Informationsangebote an den Schulen, Elternverbände oder der Elternberatungsstellen des Kultusministeriums nutzen. Schnelle Orientierung gibt auch das interaktive Internetangebot des Kultusministeriums. Kein Anschluss ohne Anschluss - so lautet das Prinzip des staatlichen Schulsystems, das zum Ziel hat: Jedem die individuell beste Ausbildung zu ermöglichen.


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