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Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung in Trier Wie erforscht man eigentlich Intelligenz?

Sie haben soziale und emotionale Schwächen, diese Hochbegabten. So zumindest die weit verbreitete Meinung. Zu Unrecht, sagt Franzis Preckel. Die Professorin leitet in Trier den einzigen Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung- und Förderung.

Von: Stefanie Grolig

Stand: 05.07.2018

Auf eine Tafel ist ein Gehirn gezeichnet | Bild: colourbox.com

Was genau ist Hochbegabung?

Hochbegabung meint das geistige Potenzial zu herausragenden Leistungen und Kenntnissen. Dies widerspricht dem oft erlebten Bild des Genies, das quasi gesegnet geboren wird und niemals einen Finger rühren muss. Aktuell sagt die Wissenschaft: Ein Mensch, der dieses geistige Potenzial besitzt, sollte besonders in Kindheit und Jugend gefördert werden. In Studien zeigte sich bereits, dass Hochbegabte, die sich unterfordert fühlen, schwerwiegende psychologische Krankheiten wie z.B. Depressionen entwickeln können.

Als Anzeichen von Hochbegabung wird oft ein Intelligenzquotient von mehr als 130 Punkten angesehen. Unter Experten wird dies jedoch stark diskutiert. Denn die Messung von Intelligenz ist bis heute eines der zentralsten Forschungsgebiete. Kreativität, die eigene Lernmotivation und Schulleistung werden durch die IQ-Messung nicht erfasst und gelten auch als Teile der Entwicklung des geistigen Potenzials. Neben der Erfassung von Intelligenz wird vor allem im Bereich der Pädagogik geforscht. Die Begabung vieler Kinder bleibt von Eltern und Lehrern unerkannt. Bei Mädchen und in Randgruppen wie bei Kindern mit Migrationshintergrund ist die Zahl besonders hoch.

Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sind besonders schwer als hochbegabt zu erkennen. Denn bestehende Tests und Beratungsangebote sind oft nur auf deutsche MuttersprachlerInnen ausgelegt. Die Forschung arbeitet aber bereits an der Entwicklung von Tests, die nicht allein auf Sprachverständnis basieren, sondern Grafiken und anderen Darstellungsformen einbeziehen.

Auch Sabine Pusch versucht sich an einem IQ-Test im Internet.

Bisherige Studien zeigten, dass Mädchen anstatt die Hälfte der diagnostizierten Kinder, nur ein Viertel der hochbegabten Kinder in Deutschland ausmachen. Dabei wurde bereits wissenschaftlich belegt, dass es zwischen den Geschlechtern keine Unterschiede im Vorkommen der Intelligenz gibt. Dennoch tragen gesellschaftliche Rollenbilder bis heute dazu bei, dass Mädchen und junge Frauen oft denken: Intelligenz oder auch eine herausragende Arbeit in Schule und Beruf passt nicht zu dem Idealbild einer Frau. Ein einfaches Beispiel hierfür ist der Unterschied zwischen „Fleiß“ und „Begabung“. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat auf diesen als einen der Einflussfaktoren auf die Leistungsentwicklung von Mädchen hingewiesen. Demnach wird Mädchen oftmals von LehrerInnen und Eltern mitgeteilt, dass sie ihre guten Schulleistungen ihrer Anstrengung verdanken. Bei Jungen wird hingegen wesentlich öfter von Begabung gesprochen. Diese Attribute seien angeblich auf sozialgeschichtlich geprägte Rollenbilder zurückzuführen.

Was erforschen WissenschaftlerInnen im Bereich Hochbegabung und Intelligenz?

Professorin Franzis Preckel forscht mit ihrem Team an der Universität Trier vor allem zu Einflussfaktoren auf die Leistungsentwicklung Hochbegabter. Neben der Messung beschäftigen sie sich damit, wie Persönlichkeits- und Umweltmerkmale die Leistungsentwicklung Hochbegabter beeinflussen können. Wie Familien und Schulen die Kinder und Jugendlichen fördern, ist ein weiterer Forschungsschwerpunkt.

Professorin Franzis Preckel leitet den Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung an der Uni Trier.

Die Neurowissenschaften, welche den Aufbau und die Funktionen von Nervensystemen untersuchen, haben auf diesem Gebiet schon einiges herausgefunden. Möglichst früh mit der Förderung der Kinder zu beginnen, scheint die effektivste Maßnahme zu sein, um das Potenzial der Hochbegabung in der Zukunft entfalten zu können. Wenn etwa Kinder mit musikalischer Begabung im Alter von sieben bis neun Jahren besonders viel üben, kann sich das Gehirn durch dieses Training noch am stärksten entwickeln und das musikalische Talent somit wachsen.

Das Üben funktioniert im Gehirn nämlich so, dass ganz viele Verbindungen zwischen den Nerven aufgebaut werden. Diese Verbindungen bezeichnet man in der Neurowissenschaft als Synapsen. Für das gesamte Leben bleiben einem Menschen jedoch vor allem die Verbindungen erhalten, die schon vor Eintritt in die Pubertät dauerhaft genutzt und wiederholt worden sind. Dieses Prinzip macht deshalb deutlich, dass sich frühes Lernen nicht nur für Hochbegabte, sondern für alle Kinder lohnt. Spielerischer Englischunterricht ist also auch schon im Kindergarten angebracht.

In Trier sitzt der deutschlandweit einzige Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung

2007 wurde auf dem Campus Trier der Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung im Fach Psychologie gegründet.

Seit dem Jahr 2000 gibt es ein von der Landesregierung in Rheinland-Pfalz initiiertes Pilotprojekt. Damals wurden in Trier, Koblenz, Mainz und Kaiserslautern Begabtenklassen an Gymnasien eingerichtet, in denen die hochbegabten Jugendlichen besonders gefördert werden sollten. Das Kultusministerium wünschte sich eine wissenschaftliche Begleitung des Projektes – und so wurde der deutschlandweit einzige Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und –förderung im Bereich Psychologie gegründet.

Beim sogenannten AVG-Projekt hatten die Forscher das Ziel, den hochbegabten Schüler und Schülerinnen ein angemessenes Lernumfeld zu geben. Die Philosophie hinter dem Projekt wird als „Großer Fisch im kleinen Teich“ bezeichnet. Man nahm hierbei an, dass sich hochbegabte Schüler und Schülerinnen in normalen Gymnasialklassen eher ausruhen oder nicht trauen würden ihr Können zu zeigen. Mit der Versetzung in eine Lerngruppe, in der sich alle ähneln, erhoffte man sich eine gezielt fördernde Lernumgebung für die am Projekt Teilnehmenden. Da das AVG-Projekt als Langzeitstudie angelegt ist, muss man erst noch auf aussagekräftige Ergebnisse warten.

An der Universität Trier werden außerdem Persönlichkeits- und Umweltmerkmale erforscht. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben bereits herausgefunden, dass Gene und Einflüsse aus dem Umfeld jeweils die Hälfte zur Entwicklung des Leistungspotenzials von Hochbegabten beitragen. Das Umfeld, wie Eltern, Schule, Hobbies, Interessen sei demnach besonders in den jungen Jahren wichtig, da hier das Gehirn noch formbarer ist. Das bedeutet, dass man bis zum Erwachsensein einfach viel leichter, eben mit weniger Zeit und Anstrengung, lernt. In der zweiten Lebenshälfte wirken die Gene dann stärker. Demnach kann man hier dann auch durch Förderungen weniger erzielen, als zu Beginn des Lebens.

Studieren kann man in Trier Psychologie im Bachelor und Master. Neben der Weiterbildung im Bereich Psychotherapie können die Interessierten auch einen forschungslastigen Master wählen. Wer sich dafür entscheidet, kann sich auch auf „Kompetenzentwicklung im Lebenslauf“ spezialisieren.  Mit diesem Abschluss sind die Studierenden dann neue Experten auf dem Gebiet der Leistungsentwicklung aller Menschen.

Hochbegabtenforschung kommt allen Schulgängern zu Gute

Hochbegabtenforschung ist ein stark wachsendes Feld, sagt Franzis Preckel. Was die Professorin antreibt, ist der Mehrwert der Forschung. Die Erkenntnisse aus ihrem Spezialgebiet tragen nämlich auch zu mehr Wissen im Gebiet der allgemeinen Schulentwicklung von Kindern und Jugendlichen bei.

Lebenslauf Professorin Franzis Preckel

  • Im März 2004 wurde Prof. Dr. Franzis Preckel zur Akademischen Rätin am Department Psychologie der LMU München ernannt. Während ihrer Zeit an der LMU war Franzis Preckel Leiterin der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der LMU München.
  • Seit April 2006 leitet Prof. Dr. Franzis Preckel den Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und -förderung im Fach Psychologie an der Universität Trier. Zusätzlich ist sie seit November 2015 Visiting Professor an der Universität Luxemburg.
  • Forschungsschwerpunkte: Intelligenz, Hochbegabung, Einflussfaktoren der Leistungsentwicklung, psychologische Diagnostik, wissenschaftliche Begleitung von Maßnahmen der Begabtenförderung

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