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Campus Reportage Mein Weg - Studieren mit Handicap

Janis ist ohne Arme und Beine geboren und trotzdem ist er ständig unterwegs. Der Student der Wirtschaftswissenschaften ist nur gelegentlich an seiner Uni in Witten-Herdecke, den Rest seiner Zeit verbringt er als Redner und Mutmacher - bei Unternehmen, Vereinen oder auf Messen.

Von: Martin Hardung

Stand: 19.12.2018

Janis McDavid, Student der Wirtschaftswissenschaft, ist ohne Arme und Beine geboren. Doch das hält ihn nicht davon ab, ein spannendes, abenteuerliches Leben zu führen. Und damit andere zu inspirieren.

Janis bei seiner Buchvorstellung

So verrückt es klingen mag: Auch der Erfolg kann ein Handicap sein. Janis McDavid hat sich während seines Studiums selbständig gemacht und ist dabei so erfolgreich, dass er kaum noch Zeit hat, seine Bachelorarbeit zu schreiben. Als Redner und Mutmacher hat er Unmengen an Auftritte im Jahr.

Janis on the road

Er ist ständig unterwegs, ob mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug. An seine Uni schafft er es nur noch zu Stippvisiten. Janis studiert an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Universität Witten-Herdecke. Das hat immer gut funktioniert, denn Janis ist weitgehend autonom und für gelegentliche Handgriffe, bekommt er Unterstützung durch Kommilitonen. Anders als etwa an der Uni in London, an der er ein Gastsemester absolviert hat, macht man an der Universität Witten-Herdecke „kein großes Bohei“ um seine Behinderung, sondern regelt die Fragen ganz pragmatisch, wenn sie sich stellen. 

Grenzen im Kopf überwinden

Als Rollstuhlfahrer wurde Janis von Klein auf mit den Grenzen seiner Möglichkeiten konfrontiert. Doch er machte bereits früh die Erfahrung, dass viele Grenzen nur im Kopf existieren und sich die meisten überwinden lassen.

Janis stellt sich immer wieder vor neuen Herausforderungen

"Dass ich keine Arme und Beine habe, darf niemals in meinem Leben der Grund dafür sein, etwas nicht zu tun."

Janis McDavid

Dieses Motto hat sich Janis geschaffen, als er noch ein Junge war und seitdem lebt er danach. Seine Versuche, mit Prothesen zu gehen, gab er nach einem Jahr auf. Es hatte nicht wirklich funktioniert und Janis kam zu der Erkenntnis, dass sich sein Umfeld an ihn gewöhnt hatte, so wie er war.

Janis ist viel unterwegs

"Allein mit dieser einen Entscheidung, mich und meine Situation so anzunehmen wie sie ist, hat mein Leben radikal verändert!"

Janis McDavid

Das gehört zu den Kernbotschaften, die Janis heute als Redner an sein Publikum richtet. Was er zu sagen hat, wird mit großem Interesse gehört. Denn wer im Rollstuhl so ungehindert durchs Leben kommt, der besitzt offenbar ein besonderes Potential. Bei seinen Vorträgen berichtet er von seinen eigenen Erfahrungen, wie sich Schwierigkeiten bewältigen lassen.

Leidenschaft Reisen - mit oder ohne Rollstuhl

Gemeinsam auf Bergtour

Janis weitere große Leidenschaft ist das Reisen. Schon als Schüler war er für ein paar Monate an einer Waldorfschule in Namibia. Später reiste er als UNICEF Botschafter nach Sri Lanka (Nepal, Bangladesh, Kenia) und Südafrika, um dort Vorträge für das UNICEF Management, aber auch vor Kindern und Jugendlichen zu halten. Mit Freunden bereiste er Brasilien, vorletztes Jahr Kuba, dieses Jahr war Peru das Ziel. Auch wenn es manchmal unkonventioneller Lösungen bedarf, Janis kommt überall hin, auch ohne Rollstuhl. Wenn nötig, „leiht er sich Arme und Beine“ seiner Begleiter. 

Mit den Erkenntnissen, die er aus seinen eigenen Erfahrungen ableitet, richtet sich der Student manchmal auch an Menschen mit Behinderung, etwa bei Diversity Days oder mit seinem Vortrag auf der Gesundheits-Messe REHACARE. Doch meist sind es Unternehmen, die ihn als Redner buchen. Denn Janis gibt motivierende Impulse. Wie lassen sich Menschen motivieren? Das ist ein Thema, das Janis auch in seinem Studium besonders interessiert und dem er seine Bachelorarbeit widmet. „Wie ticken Unternehmen und wie leitet man Mitarbeiter, das waren so Fragestellungen, die mich schon immer interessiert haben“. 

Großveranstaltung sind für Janis kein Hindernis

Schon in der Schule hatte er einen Geschirrverleih gegründet und war im Schülerrat aktiv. Im Studium brannte Janis dann darauf, endlich Erfahrungen in der Arbeitswelt zu machen. Sein erstes Firmen-Praktikum in einem mittelständischen Unternehmen verlief allerdings ernüchternd. Vorurteile und falsche Vorstellungen darüber, wozu er als Rollstuhlfahrer ohne Arme überhaupt in der Lage sei, machten ihm zu schaffen. Doch Janis zog seine Schlüsse daraus und versteht mittlerweile, mit Menschen so souverän umzugehen, dass sie eigene Unsicherheiten in seiner Gegenwart rasch überwinden. So absolvierte er sein zweites, viermonatiges Praktikum mit wesentlich mehr Spaß erfolgreich bei IBM in Berlin.

Das Leben aktiv gestalten: Herausforderungen annehmen

Sich annehmen, so wie man ist - für Janis ist das die Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und für den Erfolg, egal ob an der Uni, im Job oder im Privatleben. Mit der eigenen Wertschätzung ist es aber noch nicht getan, sagt er. Es gehe darum, sein Leben aktiv zu gestalten.

"Ich kann mich auch auf den Kopf stellen, mir wachsen keine Arme und Beine mehr. Das muss ich erst mal akzeptieren. Es heißt aber im Umkehrschluss nicht, ich muss mich gemütlich aufs Sofa setzen. Nein, ganz im Gegenteil! Wenn wir das akzeptiert haben, fängt die Arbeit erst an. Denn natürlich müssen wir uns weiterentwickeln und das macht auch Spaß!"

 Janis McDavid

Janis wird gerne als Redner eingeladen

Ein Einblick in diese Weiterentwicklung bekommen seine Leser auch durch sein Buch „Dein Bestes Leben“, das Janis McDavid nach seinen Vorträgen für seine Zuhörer signiert. Es hat ihm Türen geöffnet, auch in Kreise der Politik. In Berlin konnte er Abgeordneten sein Buch vorstellen und wurde eingeladen, sich einzubringen in die Diskussion über eine neue Gesetzesvorlage zum Sozialgesetzbuch. Konkret ging es um „Einkommens- und Vermögensfragen von Menschen mit Assistenzbedarf“. 

Janis fand das spannend und hat sich eine Zeit lang voll in die Thematik reingekniet, um Verbesserungen anzuregen. Eine neue, außergewöhnliche Erfahrung für ihn und er will nicht ausschließen, vielleicht später in die Politik zu gehen. Doch jetzt muss er zunächst seine Bachelorarbeit abschließen. Er will sich auch als Redner weiterentwickeln. Beim International Speaker Slam, einem Wettbewerb für Redner in Hamburg, hatte er anders als sonst nicht eine Stunde, sondern nur 5 Minuten Zeit, um seine Botschaft rüberzubringen. Für ihn eine neue Herausforderung, ein ganz neues Format. Aber auch ihr stellt er sich und – gewann.


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