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Ghostwriting Abschlussarbeit made in Ukraine

Hausarbeiten schreiben oder gleich eine ganze Abschlussarbeit ist anstrengend, zeitaufwändig, es nervt manchmal auch einfach nur. Wie einfach wäre es da, seine Arbeit von einem Ghostwriter schreiben zu lassen – könnte man denken. Ist zwar illegal und auch nicht ganz billig, aber dafür hat man zumindest keinen Stress. Ghostwriting selbst nimmt immer absurdere Formen an. Mittlerweile sitzen selbst in der Ukraine junge Leute, die für uns in Deutschland Arbeiten schreiben – zu einem Billiglohn.

Von: Wiebke Neelsen, Sophia Münder

Stand: 06.11.2018

Auf den Spuren ukrainischer Ghostwriter

Die Autorinnen Sophia Münder und Wiebke Neelsen vor dem Journalistik-Institut der Uni in Kiew.

Es begann mit einer simplen Facebook-Benachrichtigung: Mein ehemaliger Mitschüler Evgeny lud mich ein, seine Seite zu liken. Es war nicht irgendeine Seite eines Vereins oder einer Initiative, sondern die Seite seiner gerade gegründeten Ghostwriting-Agentur. „Ihre Arbeit – unsere Aufgabe“ stand da. Das hat mich neugierig gemacht: Wer gründet denn ein Ghostwriting-Unternehmen? Und warum? Das macht doch niemand, das ist doch moralisch verwerflich, immerhin ist es illegal, eine gekaufte Arbeit an der Uni einzureichen. Und wer so eine Arbeit schreibt oder auch nur vermittelt, betreibt doch Beihilfe zu einer Straftat, oder? Meine Kollegin und ich wollten es genauer wissen und meinen ehemaligen Mitschüler dazu befragen. 

Für den investigativen YouTube-Kanal Strg_F, der zu funk gehört, fahren wir in die Ukraine.

Pure Geldnot als Antrieb

Leider ist mein ehemaliger Mitschüler sehr kamerascheu, aber sein ehemaliger Kommilitone und heutiger Geschäftspartner Stefan empfängt uns in seinem Wohnort Sondershausen in Thüringen. Pure Geldnot in seinem eigenen Studium habe den 29-Jährigen dazu gebracht, eine Ghostwriting-Agentur zu gründen – denn sein Kommilitone Evgeny hat gute Kontakte in sein Heimatland Ukraine, zu klugen, eloquenten Akademikerinnen, die nur zu gerne wissenschaftliche Arbeiten schreiben, um ihr kärgliches Einkommen etwas aufzubessern. Die beiden beschließen, daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln und eine eigene Ghostwriting-Agentur zu gründen. 

Auch Stefan hat einen ukrainischen Migrationshintergrund: Seine Mutter ist Ukrainerin. Er kennt sich ein wenig mit den Gepflogenheiten aus. Das Lohnniveau dort ist niedrig, eine durchschnittliche Rente beträgt umgerechnet 60 Euro, das Monatseinkommen weniger als 200 Euro brutto. So können Stefan und Evgeny ihren Schreiberlingen weniger Geld pro Seite zahlen, als sie es bei deutschen Ghostwritern müssten – denn die Ukrainer arbeiten auch für fünf bis sechs Euro pro Seite: 

"Für die Ukrainer ist es echt gutes Geld. Was die kriegen, kriegt meine Oma in der Ukraine Rente."

 (Stefan, Inhaber einer Ghostwriting-Agentur)

Große Nachfrage nach Ghostwriting

Ihre Ghostwriterinnen sind zum einen Bekannte von Evgenys ebenfalls ukrainischstämmiger Ehefrau, zum anderen haben sie auch einige über ukrainische Job-Portale für Freelancer gefunden. Für die Kommunikation mit den Ghostwriterinnen ist Evgeny zuständig, Stefan organisiert den Mailverkehr mit den deutschen Kunden. Auf eBay-Kleinanzeigen stellt er seine Angebote („Biete Uni-Arbeit“) rein.

Ihr Geschäft hat von Anfang an geboomt, die Nachfrage nach Ghostwriting-Arbeiten scheint groß zu sein: „Ich habe eine Anzeige rein gestellt und am selben Tag einen Auftrag gehabt. Am nächsten Tag hatte ich Geld auf dem Konto“, erinnert sich Stefan. Teilweise kommt er mit dem Beantworten der zahlreichen Mails gar nicht hinterher. Manche dieser Kundenanfragen zeugten auch von einer großen Unwissenheit und Ignoranz: 

"Die stellen vorher Fragen, wo man sich denkt: Wenn du das nicht weißt, solltest du nicht studieren. Da kommt nur: ‚Brauche Arbeit, 30 Seiten‘. Und du musst dann zurück fragen: Fragestellung bitte? Dann kommt: ‚Was ist das? ‘"

(Stefan)

900 Euro aufwärts für eine Bachelor-Arbeit

Genaueres über ihre Kunden wissen sie nicht, vermutlich sind sie aus reichem Hause oder arbeiten nebenbei, um sich eine gekaufte Arbeit zu finanzieren. Denn die kostet bei Stefan und Evgeny 30 Euro pro Seite – für eine 30-seitige Bachelor-Arbeit können da locker 900 Euro zusammenkommen. Andere Agenturen sind wesentlich teurer, nehmen bis zu 90 Euro pro Seite.

Denn auch andere Agenturen arbeiten mit ukrainischen Schreiberlingen. Stefan berichtet von einer Agentur namens „Deutsche Forschungsgruppe“, die ebenfalls mit Ukrainern arbeitet, vermutlich, um die Lohnkosten der Schreiber zu drücken. Besonders perfide: Der Name der Agentur erinnert an die seriöse staatliche „Deutsche Forschungsgemeinschaft“, die Forschungsvorhaben finanziert. Ist das beabsichtigt? Auf unsere Anfrage reagiert die Agentur nicht.

Werbeanzeigen auf dem Uni-Campus für Ghostwriting

Aushang für Arbeiten in "höchster Mathematik"

Die Ukraine und Ghostwriting – das scheint kein neues Phänomen zu sein. Wir recherchieren weiter und erfahren, dass auch innerhalb der Ukraine Ghostwriting ein großes Problem ist: „Da der Lehrerberuf sehr schlecht entlohnt wird, grassiert an den ukrainischen Schulen und Hochschulen eine starke Korruption (Titelhandel, Ghostwriting, der Kauf von Diplomen und Zeugnissen u.a.)“, so steht es auf dem Länder-Informations-Portal der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Über das Online-Portal „Dekoder – Russland entschlüsseln“ kommen wir in Kontakt zu Eduard Klein. Er hat seine Doktorarbeit über Antikorruptionsmaßnahmen im russischen und ukrainischen Hochschulsektor geschrieben und berichtet, dass Werbeanzeigen auf den Uni-Geländen – per Graffiti auf den Fußboden gesprayt oder als Aufkleber an Laternenpfähle angebracht – keine Seltenheit seien. Auch wir sehen später auf dem Campus des Polytechnischen Instituts in Kiew Schilder mit „Schreibe Arbeit in höchster Mathematik“ oder „Zeichne Geometrie“.

Uni-Dozenten als Ghostwriter

Dass diese Art der Schummelei an Unis System hat, bestätigt uns eine Mitarbeiterin des Goethe Instituts Kiew, die wir per Skype interviewen können – Ilona Demchenko. Auch sie hat in der Vergangenheit als Ghostwriterin für westliche Studenten gearbeitet, die meisten aus Großbritannien. Für Akademiker sei Ghostwriting kein schlechter Weg, um Geld zu verdienen, sogar für Dozenten an Unis: „Weil die Dozenten nicht übermäßig viel Geld verdienen, insbesondere, wenn sie nicht an einer der Top 10-Universitäten angestellt sind. Und mit Ghostwritingkönnen sie etwas machen, das mit ihrem Alltags-Job zu tun hat." 

Taras Tymochko vom American Councils for International Education in Kiew versucht, genau gegen solche Betrügereien im Bildungswesen anzukämpfen. Er geht in Unis, versucht, den Studenten akademische Werte näherzubringen und ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten zu verbessern, damit sie nicht auf Plagiate und Ghostwriting angewiesen sind: „Wir helfen Studenten, ordentlich zu schreiben“. Dazu gehört auch, dass er in Kontakt mit den Unis steht, den Dozenten vermittelt, wie sich Plagiate erkennen lassen: „Wir verbessern sozusagen die Qualifikation der Dozenten“. Das alles bringt aber nichts, wenn selbst Dozenten Ghostwriting betreiben – aus purem Geldmangel. Von solchen Fällen hat auch Taras gehört: 

"Sie sagen zu ihren Studenten: Plagiiert nicht, macht kein Ghostwriting und dann kommen sie nach Hause, schalten ihren Computer an und machen genau das Gegenteil. Nicht weil sie unethisch sind, sondern weil sie nicht genug Geld verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten."

(Taras Tymochko, American Councils for International Education in Kiew)

Dass sich Uni-Dozenten als Ghostwriter verdingen, berichtet uns auch Stefan, denn es hat sich bei ihm schon mal eine wissenschaftliche Mitarbeiterin gemeldet und von sich aus ihre Zusammenarbeit angeboten: „Die hat die gut benoteten Hausarbeiten, die Studenten bei ihr abgegeben haben, an uns weitergegeben. Das war kein Aufwand und viel Geld. Die hat sie sogar auf Deutsch übersetzt“, erinnert sich Stefan. Allerdings sei sie plötzlich abgetaucht, hätte sich nicht mehr gemeldet. So ergeht es ihm auch manchmal mit anderen Ghostwritern. 

Der schwierige Weg nach Kiew

Auch die Suche nach einer Ghostwriterin, die bereit ist, mit uns vor der Kamera zu sprechen, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Stefan empfiehlt uns zunächst Inna, die beste Freundin von Evgenys Ehefrau: „Die ist echt klug, die würde hier richtig Geld verdienen, und die kann Deutsch, unglaublich, echt perfekt“.

Der brühmte Maidan-Platz in Kiew.

Aber Inna erweist sich als „Ghost“. Fünf Monate lang versuchen wir, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Zunächst über Evgeny – dann bekommen wir endlich ihre Mailadresse, sie habe Interesse. Wir schreiben ihr in Abständen insgesamt viermal – ohne Reaktion. Es stellt sich heraus, dass ihr Mail-Postfach eine Art Defekt hatte, unsere Mails nicht angekommen sind, ohne, dass wir eine automatische Benachrichtigung bekommen haben. Wir schreiben ihr nochmal – und warten wieder vergeblich. Fast glauben wir schon, diese Recherche und diesen Film ad acta legen zu müssen, weil wir niemanden von den ukrainischen Schreiberlingen finden, der mit uns spricht. 

Doch dann schlägt uns Evgeny nach mehrmaliger Nachfrage noch Olga vor – er hatte sie über ein ukrainisches Job-Portal gefunden. Persönlich getroffen haben weder er noch Stefan sie, Olga war auch noch nie in Deutschland. Wir bekommen ihre Nummer, telefonieren mit ihr und schreiben mit ihr über die Chat-App Viber, eine Art ukrainisches WhatsApp. Denn ihr gesprochenes Englisch ist eher schlecht. Wir können es kaum glauben, als wir endlich eine Interview-Zusage bekommen. Sie ist sogar bereit, sich offen vor der Kamera filmen zu lassen und mit uns über ihren ungewöhnlichen Job zu sprechen.

Ghostwriting als lukrativer Nebenerwerb

Ghostwriterin Olga im Interview.

Und so besuchen wir Olga in ihrem roten Hochhaus, es hat ganze 22 Etagen, in Brovary, einem Vorort von Kiew. Sie lebt dort mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn. Die 29-Jährige zeigt uns ihr Wohnzimmer, in dem sie die Arbeiten für deutsche Studenten schreibt. Obwohl sie selbst internationale Wirtschaft studiert habe, könne sie sich in alle möglichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen einlesen, ob über die Entwicklung der Elektromobilität, den Einfluss von Attraktivität in der Kompromissfindung oder Arbeitskräfte in der Globalisierung; akademische Arbeit macht ihr Spaß: „Um ehrlich zu sein, ich war sehr gut im Studium und habe schon damals angefangen, anderen Studenten bei ihren Aufgaben zu helfen“. Ghostwriting ist aber nur ein Nebenerwerb für sie, monatlich verdient sie umgerechnet etwa 100 Euro damit. Das macht etwa ein Drittel ihres Haushaltseinkommens aus. 

Etwas Interessantes machen wie in der Uni

Sie habe sich diesen Job bewusst ausgesucht, als sie in einem ukrainischen Online-Portal für Freelancerauf die Anzeige von Evgeny und Stefan gestoßen ist. Denn ihre Tätigkeit als Controllerin in einer Exportfirma war monoton: „Ich wollte nicht meine Intelligenz verlieren und etwas Interessantes wie in der Uni machen“. Pro Seite bekommt sie fünf bis neun Euro, je nachdem, ob sie auf Englisch oder Russisch schreibt. Ihre Arbeiten werden dann noch übersetzt – ebenfalls in der Ukraine. Aber nur von Ghostwriting leben, sei keine Option, denn Ghostwriting ist Saisonarbeit, sagt Olga – im September und Oktober kämen viele Aufträge rein, ebenso zum Winterende: “Dann machen wir Arbeiten, die zum Ende des Frühlings eingereicht werden müssen“.

Das Leben wird Korrekturen vornehmen

Manchmal denke sie darüber nach, dass es ein Leichtes für sie wäre, in Deutschland zu studieren und einen Abschluss zu bekommen – wenn sie nur genug Geld hätte, dort, im westlichen Ausland, zu studieren. Aber so sei es eben, die Nachfrage schaffe ein Angebot wie ihres und auch akademische Arbeit wird mittlerweile aus westlichen Industrieländern „outgesourct“. „Globalizatia“, sagt sie auf Ukrainisch und lacht. 

Eifersüchtig ist sie jedoch nicht, dass jemand anderes mit ihrer Arbeit, in die sie so viel Aufwand gesteckt hat, einen Abschluss bekommt. Denn das Leben, sagt sie, werde diese Person eines Besseren belehren – jeder bekommt, was er verdient: 

"Wenn er oder sie das Thema nicht verstanden hat, wird das Leben später Korrekturen vornehmen, also diese Person wird keinen Job finden, wird keinen Erfolg haben. Das kann ich für die Person nicht übernehmen."

(Olga, Ghostwriterin)

Irritiert sei sie allerdings manchmal, wenn die Agentur ihr Nachfragen des Kunden weiterleitet, die zeigen, dass der Student ihre Arbeit offensichtlich nicht gelesen hat. 

Schuldgefühle habe sie keine: Das Bildungssystem müsse gründlich überarbeitet werden, damit alle Studenten die Flut an Aufgaben bewältigen können – und neue Formen der Bewertung müssten her: 

"Wenn so ein System erwächst, dass ich für jemand anderen die Arbeit schreiben kann, dann ist es nicht das Problem des einzelnen Studenten. Es ist das Problem des Systems."

 (Oga, Ghostwriterin)

Es solle stattdessen lieber Aufgaben geben, die man nicht ersetzen oder faken kann, vielleicht mehr mündliche Prüfungen oder auch externe Evaluationen, sie ist sich noch nicht ganz sicher. Aber sie könnte uns darüber eine Arbeit schreiben, sagt sie - und lacht.


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