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Digitaler Unterricht Aus Erfahrung in Flüchtlingslagern lernen

Das Programm "Jesuit Worldwide Learning" unterrichtet seit Jahren Flüchtlinge weltweit in Onlinekursen. Wegen Corona bietet der Orden gemeinsam mit einem E-Learning-Team der Agentur Seitwerk und der katholischen Uni Eichstätt nun vierwöchige "Crash Kurse" für Lehrer an. Mehr als 500 haben sich angemeldet. Der Inhalt: Digitale Lehr- und Lernmethoden.

Stand: 20.05.2020

Annette Büsch, Lehrerin an der FOS der Erzbischöflichen St.-Irmengard-Realschule

Videokonferenz statt Klassenzimmer: Annette Büsch gibt ihrer 11. Klasse der FOS der Erzbischöflichen St.-Irmengard-Schule wegen Corona Unterricht via Skype. Dafür teilte die 52-Jährige mit ihren Schülern den Bildschirm, navigierte durch Rechentabellen in Betriebswirtschaft und fasste den Stoff darüber hinaus in Videos zusammen. Das Wissen dafür holte sich die Pädagogin in einem Online-Crashkurs für Lehrkräfte an katholischen Schulen.

Der Lehrerkurs basiert auf Erfahrungen in Flüchtlingslagern

Jesuitenpater Peter Balleis bei Flüchtlingen im Unterricht noch vor Corona

Die Lehrer-Fortbildung ist ein Gemeinschaftsprojekt der Uni Eichstätt mit dem katholischen Jesuitenorden und der Multimediaagentur Seitwerk. Vorbild sind die Online-Studiengänge des katholischen Bildungsprogramms „Jesuit Worldwide Learning“ – damit studieren weltweit Flüchtlinge in den Lagern gemeinsam über das Internet und machen am Ende einen echten Bachelor-Abschluss. Aber auch Lehrerfortbildungen gibt es, erklärt der Chef von „Jesuit Worldwide Learning“, der deutsche Jesuitenpater Peter Balleis:

"Wir haben da Erfahrungen gesammelt, was gut und was nicht gut funktioniert. Und als dann die Krise ausbrach hier und die Schulen geschlossen wurden, haben wir gesagt: ja, eigentlich könnten wir da Lehrern und Lehrerinnen helfen, die jetzt plötzlich über Nacht digitalen Unterricht interessant gestalte müssen."

Jesuitenpater Peter Balleis, Chef von „Jesuit Worldwide Learning“

„Manche Lehrer kommen aus einer anderen Welt“

Das Angebot kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Mehr als 500 Teilnehmer haben sich angemeldet, drei Kurse laufen schon, weitere sind in Vorbereitung. Der Durst nach digitalem Wissen ist groß bei den Lehrern, sagt Anna Mayr, die Entwicklerin des Seminars von der Agentur Seitwerk:

"Wir sehen schon, dass manche Lehrer halt oft einfach aus einer anderen Welt kommen, uns sehr lange schon in ihrem Beruf sind, wo sie diese Fähigkeiten nicht gebraucht haben. Bis jetzt. Und jetzt sind sie da gefordert, etwa Neues umzusetzen."

Anna Mayr, Entwicklerin des Seminars von der Agentur Seitwerk

Flüchtlinge hören Jesuitenpater Peter Balleis von „Jesuit Worldwide Learning“ zu.

Die Idee kam dem Jesuitenpater und den Digitalexperten der Multimediaagentur Seitwerk aus Uffing am Staffelsee am Tag der Corona-Schulschließungen in Bayern Mitte März. Der Flüchtlingskurs wurde vom Englischen ins Deutsche übersetzt und so eingeteilt, dass Lehrkräfte den Inhalt online innerhalb von vier Wochen erlernen können.

Erste Schritte mit digitalen Methoden –begleitet von Weiterbildungsexperten der Uni Eichstätt

Ausschnitt des Seminars von der Agentur Seitwerk entwickelt

Wie macht man mit Schülern digitale Mindmaps, wie moderiert man Klassenchats, wie kann man anhand eines Quiz Lernstoffe abfragen? Bevor die Lehrer neue Online-Tools in der Praxis einsetzen, müssen sie diese kennenlernen. Durch die Spitzfindigkeiten der Software-Programme helfen ihnen dabei Studierende aus Eichstätt. In Videokonferenzen berichten die Kursteilnehmer dem Uni-Team von Leiter Albert Kräh über ihre Erfahrungen und Probleme. Das Niveau sei unterschiedlich, sagt Kräh:

"Man merkt einen Unterschied zwischen jungen Lehreinnen und Lehrern um die 30 Jahre und Kollegen um die 60 Jahre: für die älteren Lehrkräfte sind viele Abläufe noch ungewöhnlich, die jüngeren kennen sich mit Videos und Chats besser aus. Aber alle sind engagiert bei der Sache, sie wollen die neuen Online-Tools beherrschen."

Albert Kräh, Leiter Abteilung Weiterbildung der Uni Eichstätt

Corona-Effekt auf längere Zeit?

Noch ein Ausschnitt des Seminars von der Agentur Seitenwerk entwickelt

Nach Einschätzung des Bildungsexperten dürfte sich die Digitalisierung durch Corona verstärken und auch in der Zeit danach spürbar sein, so Kräh: "Die Lehrer probieren die Tools jetzt aus und merken, wie nützlich sie sein können. Da dürfte auch die eine oder andere Schule überlegen, wie man die digitalen Möglichkeiten längerfristig implantieren kann." Auf diesem Weg gibt es aber immer noch viele Hürden, so Kräh: mancherorts klappe das WLAN an der Schule noch nicht so recht. Und: manche Einrichtungen besäßen noch keine ausreichenden Programm-Lizenzen, um eine große Bandbreite an digitalen Lernwerkzeugen anzubieten.

"Ich glaube, es geht eher darum, zu erkennen, dass man die digitalen Mittel in den normalen Unterricht mitintegrieren könnte, dass man das mit aufnehmen könnte, dass man aus beiden Lernwelten, aus der normalen und der digitalen Lernwelt das Beste eigentlich zusammenbringen kann, um den Unterricht interessanter zu gestalten und ansprechender für alle Schüler und sie so auch besser auf die Zukunft vorzubereiten, in die sie gehen."

Anna Mayr, Entwicklerin des Seminars von der Agentur Seitwerk

Lehrer im Meeting des Programms "Jesuit Worldwide Learning"

Das Fazit der Kursteilnehmer ist durchwegs positiv und auch die Schüler von Annette Büsch aus Garmisch können dem digitalen Unterricht ihrer Lehrerin etwas abgewinnen. Und so dürfte die Corona-Krise an so mancher Schule auch eine nachhaltigen Digitalisierungs-Effekt auslösen.

 

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"Men and Women for others"  - Gemeinsamer Wiederaufbau im Irak | Bild: Jesuit Worldwide Learning (via YouTube)

"Men and Women for others" - Gemeinsamer Wiederaufbau im Irak


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