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Campus Doku Klasse Klasse! Mehr Bildungschancen mit individueller Förderung?

Schülerzentrierter Unterricht, begeisterte und selbstbewusste Kinder, die Spaß am Lernen haben. Das kann Schule sein – mit individueller Förderung. Wie kann die aussehen?

Von: Michael Lukoschek

Stand: 26.05.2018

Das schulische Angebot kann damit stärker als bisher an ihre individuelle Entwicklung angepasst werden. Die Grundschule durchlaufen Schüler dann künftig nach ihrem eigenen Lerntempo - jedes Kind kann ganz "individuell" nach einem, zwei oder nach drei Jahren flüssig lesen, schreiben und die Grundrechenarten erlernen. Die Grundschulzeit in Bayern dauert zwischen somit drei und fünf Jahren, anstatt wie bislang einheitlich vier Jahre. Ein Kind kann nun früher - aber auch später - auf eine weiterführende Schule kommen.

Individuelle Förderung findet künftig auch an der Mittelschule mit speziellem Förderunterricht oder durch Intensivierungsstunden am Gymnasium statt. Der Übergang aufs Gymnasium soll dadurch erleichtert werden: Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss können Einführungs- und Vorklassen besuchen, um danach in die Oberstufe des Gymnasiums bzw. auf die Fach- und Berufsoberschule überzuwechseln. Auch Jugendlichen mit Migrationshintergrund soll die individuelle Förderung mehr Möglichkeiten bieten ihren Lernerfolg zu verbessern: mit zusätzlichen Deutschstunden und einem „Berufsintegrationsjahr“ an der Berufsschule.

Führt individuelle Förderung zu mehr Bildungschancen?

Campus DOKU untersucht anhand konkreter Beispiele, welche nachhaltigen Ziele durch die individuelle Förderung an Schulen in Bayern erreicht werden können: Ergeben sich durch die längere Lernzeit in der Grundschule, z.B. für "Spätentwickler", neue Chancen? Können sich Schüler nach ihren speziellen Fähigkeiten und Interessen wirklich besser entwickeln? Verbessern die neuen Bildungschancen auch die Berufschancen und kann damit langfristig dem drohenden Akademiker- und Fachkräftemangel vorgebeugt werden?

Handlungsbedarf besteht jedenfalls: In Bayern beenden über 3 Prozent eines Jahrganges ihre schulische Laufbahn ohne Abschluss. Der soziale Status des Elternhauses bestimmt immer noch die Schullaufbahn des Kindes. Schüler mit Migrationshintergrund erreichen niedrigere Abschlüsse. Das neue pädagogische Konzept "Individuelle Förderung" soll nun Abhilfe schaffen. Es hat seine Wurzeln in der Reformpädagogik. Die Montessori Pädagogik arbeitet schon viele Jahre mit der Idee individueller Förderung. Das Bayerische Kultusministerium hat nun die Individuelle Förderung zum Leitprinzip des bayerischen Bildungswesens erhoben. Der Unterricht soll sich nicht mehr allein am Lehrplan orientieren, sondern stärker an dem einzelnen Schüler und seiner Lernbegabung. Aber was ist individuelle Förderung überhaupt?

Was bietet individuelle Förderung den Schülern?

Ausgehend von einem Bildungsbegriff, der nicht nur kognitive Bildung meint, gibt es eine Vielzahl von Konzepten mit unterschiedlichen Zielvorgaben: Förderung individueller Begabung, Aufholen von Defiziten, Wertschätzung handwerklicher und musischer Fähigkeiten, Stärkung der Gesamtpersönlichkeit, Vermittlung von Werten. Und es setzt schon ganz früh in der Bildungslaufbahn der Kinder ein.

Lernen mit einem Matheteppich

Campus DOKU besucht Grundschulen in Bayern, in denen die unterschiedlichen Formen individueller Förderung schon angewandt werden. So bieten Sprachlernklassen schon vor Schulbeginn Kindern mit Migrationshintergrund neue Bildungschancen. Auch der Frontalunterricht ist aufgelöst: Kinder arbeiten im Team, aber in ihrer individuellen Geschwindigkeit an Projekten.

Bildungsforscher beteiligen sich an den Reformbemühungen der Schulen mit wissenschaftlichen Studien. Campus DOKU befragt sie nach den Ergebnissen ihrer Evaluationen. Und den bisherigen Erfolgen der individuellen Förderung: Die Jahrgänge sind gemischt - ältere und jüngere Kinder entwickeln sich gemeinsam weiter. Das Bewegungsbedürfnis der Kinder ist in das Lernen integriert. Im rhythmisierten Ganztagesunterricht sind Lerninhalte und Freizeitaktivitäten gemischt. Das Ziel: Stärkung der Einzelpersönlichkeit und des Gemeinsinns. Kinder erfahren mehr Selbstbewusstsein, weil ihre Meinungen und Anregungen zählen. Sie sind an den Entscheidungen der Schulen mitbeteiligt. Sie erlernen eine Gesprächs- und Diskussionskultur, in der die Ansichten der Mitschüler einen Wert haben. So kann es ihnen besser gelingen, Konflikte untereinander im Gespräch zu lösen.

Mehr Bildungschancen, schülerzentrierter Unterricht, begeisterte und selbstbewusste Kinder, die Spaß am Lernen haben. Das kann Schule sein – mit individueller Förderung: wenn das einzelne Kind zählt!

Weitere Informationen über Schulen, die individuelle Förderung umsetzen:

Buchtipps

  • Solzbacher, Müller-Using, Doll (Hrsg.)(2012): Ressourcen stärken! Individuelle Förderung als Herausforderung für die Grundschule. München: Carl Link Verlag
  • B. Behrensen, M. Sauerhering, C. Solzbacher, W. Warnecke (Hrsg.) (2011): Das einzelne Kind im Blick. Individuelle Förderung in der Kita. Freiburg: Herder Verlag
  • Kremer H.-Hugo/ Zoyke, Andrea (Hrsg.) (2010): Individuelle Förderung in der beruflichen Bildung: Grundlegung und Annäherung im Kontext von Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Paderborn: Eusl Verlag
  • Höhmann, Katrin/ Kopp, Rainer/ Schäfers, Heidemarie/ Demmer, Marianne (Hrsg.) (2009): Lernen über Grenzen. Auf dem Weg zu einer Lernkultur, die vom Individuum ausgeht. Opladen und Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich
  • Paradies, Liane/ Sorrentino, Wencke/ Greving, Johannes (2009): 99 Tipps: Individuelles Fördern. Berlin: Cornelsen Scriptor
  • Kunze, Ingrid/ Solzbacher, Claudia (Hrsg.) (2008): Individuelle Förderung in der Sekundarstufe I und II. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren
  • Boller, Sebastian/ Rosowski, Elke/ Stroth, Thea (Hrsg.) (2007): Heterogenität in Schule und Unterricht. Handlungsansätze zum pädagogischen Umgang mit Vielfalt. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S. 32-41

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