ARD-alpha - Campus


17

Folgen der Corona Pandemie Vorerst keine Prüfung für angehende Mediziner?

Eigentlich sollte das 2. Staatsexamen in Medizin zwischen dem 15. und 17. April 2020 geschrieben werden. Doch nun ist der Termin fraglich. Die Studierenden sollen gleich ins Praktische Jahr in die Krankenhäuser. Manche sprechen von „Psychoterror“. Campus Magazin mit einem aktuellen Lagebericht:

Von: Anette Orth

Stand: 31.03.2020

Symbolbild: Medizinstudenten üben im "Skills Lab" der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in einem nachgebildeten OP-Raum das hygienisch korrekte Anlegen eines OP-Kittels (gestellte Szene). | Bild: picture-alliance/dpa

Deutschlandweit wären etwa 4600 Medizin Studierende betroffen - wofür sie jahrelang studiert haben und sich seit Monaten intensiv vorbereiten, könnte nun verschoben werden: der Termin des 2. Staatsexamens. Das Bundesgesundheitsministerium hat dazu einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung in einer epidemiologischen Notlage möglich macht. Jetzt soll jedes Bundesland selbst entscheiden, ob die Prüfungen im April stattfinden oder erst im kommenden Jahr und zwar mit dem sogenannten "Hammerexamen". 

Als erstes Bundesland stellt Sachsen-Anhalt den Studierenden frei, für welche der beiden Möglichkeiten sie sich entscheiden.

"Hammerexamen"

Das sogenannte Hammerexamen wurde 2014 eigentlich abgeschafft. Bis zu diesem Zeitpunkt fanden das 2. und 3. Staatsexamen nach dem Praktischen Jahr statt. Seit 2014 wurden die Prüfungen aufgeteilt: eins vor dem PJ, eins danach. Mit dem Bestehen beider Prüfungen erwirbt man die Approbation zur Ausübung der ärztlichen Tätigkeit. In den schriftlichen und mündlichen Prüfungen wird der gesamte Lernstoff des Studiums abgefragt. 

Geht es nach dem Bundesgesundheitsministerium sollen die Studierenden ab April sofort ins Praktische Jahr, um in den Krankenhäusern im Kampf gegen die Corona-Krise zu helfen. Danach blieben ihnen etwa sechs Wochen Zeit, sich erneut auf die nun verschobene Prüfung und das 3. Staatsexamen vorzubereiten: viel zu kurz, sagen viele Studierende. Und sie sind sich sicher, dass sie während des PJ keine Zeit haben werden, den Lernstoff abrufbar zu halten. 

"Im Moment versuche ich immer noch, irgendwie an meinem Lernplan festzuhalten, auch wenn es schon seit einiger Zeit realistisch ist, dass das Examen nicht stattfindet. Es ist aber auch irgendwie eine Art der Beschäftigung und der mentalen Kompensation der Situation. Und es bringt zumindest einen halbwegs geregelten Tagesablauf mit sich."

Theresa, 11. Semester, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Sorgen bereiteten bisher auch die 30 Tage, die man normalerweise im PJ fehlen darf: als Urlaubs- oder Krankentage. Infiziert sich eine Studentin oder ein Student oder muss in Quarantäne wird diese "Fehlzeit" auf das PJ aufgerechnet – und es bleibt noch weniger Lernzeit übrig. Mit der Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums vom 30. März werden nun COVID-19-bedingte Fehlzeiten im PJ nicht mehr angerechnet. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V. bewertet diese Entscheidung positiv.

Die bvmd kritisiert jedoch den Flickenteppich, der nun durch die Entscheidungskompetenz der Länder entsteht. Dies führe dazu, dass PJ-ler in den unterschiedlichen Bundesländern zu verschiedenen Zeitpunkten starten werden und es erschwere "die innerdeutsche Mobilität im Praktischen Jahr, mit der viele Studierende fest gerechnet und ihr PJ dementsprechend schon geplant haben."

Noch eine Einschränkung kommt dazu: das PJ wird je zu einem Drittel in der Inneren Medizin, der Chirurgie und bisher in einem weiteren, frei wählbaren Bereich absolviert. Nun sollen die Studierenden im 3. Wahltertial nach Bedarf eingeteilt werden. In einem Bereich, der sie eventuell gar nicht interessiert. Viele haben bereits eine fest zugesagte „Wunschstelle“ in einer bestimmten Stadt. WG-Zimmer oder eine eigene kleine Wohnung sind gemietet, Umzüge geplant. Das wäre dann hinfällig. 

"Ehrlich gesagt fühle ich mich nicht besonders gut. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle und die Ungewissheit, die seit einigen Wochen herrscht, stellt eine massive psychische Belastung dar."

Theresa, 11. Semester, Ludwig-Maximilians-Universität, München 

Medizinstudierende wollen der Gesellschaft helfen – gerade in Krisenzeiten. Auch und gerade deshalb haben sie sich für dieses Studium entschieden. Doch die momentanen Pläne des Bundesgesundheitsministeriums belasten gerade die Studierenden, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. Sie werden möglicherweise um eine längere Zeit bei ihren eigenen Plänen zurückgeworfen. 

Die Studierenden warten nun auf die Entscheidung ihrer jeweiligen Landesregierung. Und vielleicht denkt sich die eine oder der andere bald: Hätte ich nur in einem anderen Bundesland studiert.

Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dankt in einer Pressemitteilung vom 31. März 2020 den Medizinstudierenden, dass „sie in dieser schwierigen Lage in der medizinischen Versorgung mit anpacken. Deshalb sorgen wir dafür, dass sie dadurch keine Nachteile für ihren Studienfortschritt hinnehmen müssen.“

Wesentliche Regelungen der Verordnung vom 31. März sind:

● Das zweite Staatsexamen, das im April ansteht, wird im Grundsatz bundesweit verschoben; die Fortsetzung des Studiums wird gewährleistet.

● Die Länder haben nach Lage vor Ort die Möglichkeit, hiervon abzuweichen, wenn sie die ordnungsgemäße Durchführung der Prüfung unter den Bedingungen der epidemischen Lage sicherstellen können.

● Die Studierenden, für die das Examen verschoben wurde, gehen schon im April in ihre praktische Ausbildung (Praktisches Jahr - PJ). Für sie wird das PJ von 48 auf 45 Wochen verkürzt. Dies verlängert für sie die Zeit, sich auf das zweite Staatsexamen dann im  April 2021 vorzubereiten.

Verordnung zur Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzte bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite Format: PDF Größe: 113,33 KB

"Wir freuen uns, dass Teile unserer Forderungen beim Gesundheitsministerium Gehör gefunden haben.  Auch einige Punkte der Petition, die mittlerweile über 100.000 Unterschriften gesammelt hat, sind aufgegriffen worden. Letztendlich sind wir aber mit der Lösung, dass nun jedes Bundesland selbst entscheidet, wann das 2. Staatsexamen geschrieben wird, nicht zufrieden."

Tim Schwarz vom bmvd


17