ARD-alpha - Campus


7

Campus Cinema // "Zaungespräche" von Lisa Gerig Zerbrochene Träume von der Freiheit

Freiheit ist für sie nur ein Wort: Im Ausschaffungsgefängnis am Flughafen Zürich warten Flüchtlinge auf ihre Abschiebung. Lisa Gerig, Absolventin der Zürcher Hochschule der Künste, hat eine Kurzdoku über sie gedreht - Campus Cinema zeigt den preisgekrönten Film.

Stand: 28.03.2017

Ein Flugzeug fliegt über ein Gefängnis hinweg | Bild: Lisa Gerig

Sie kamen mit der Hoffnung auf Freiheit und fanden das Gegenteil: Im sogenannten Ausschaffungsgefängnis, einem Gefängnis, das direkt am Zürcher Flughafen steht, endet für viele Flüchtlinge der Traum von einem neuen Leben. Manche von ihnen werden direkt vom Transitbereich des Flughafens in eine Zelle gebracht. Andere wurden inhaftiert, weil ihr Asylantrag abgewiesen wurde, sie das Land aber nicht freiwillig verlassen wollen. Gemeinsam haben sie eins: Sie haben kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Also wurden sie verhaftet und blicken aus ihrer Zelle heraus in eine ungewisse Zukunft.

Obwohl das Zürcher Ausschaffungsgefängnis zu einem der ältesten seiner Art gehört, wissen viele Schweizer nichts von dieser Einrichtung. Das will die junge Filmemacherin Lisa Gerig mit ihrer Kurzdoku „Zaungespräche“ ändern. Die Idee zu dem Film kam ihr spontan, wie sie im Interview mit Campus Cinema-Moderator Florian Kummert verraten hat:

"Ich wollte anfänglich nicht unbedingt einen Film machen, sondern die Besuche für mich dokumentieren, um irgendwie damit zurecht zu kommen. Und als ich mich entschieden habe, aus diesem ganzen Material tatsächlich einen Film zu machen, war’s schon ein Versuch, diese Erfahrung zu erzählen und so zu transportieren, dass der Zuschauer sich auch mit einfühlen kann. Dass das nicht so eine Distanz gibt, sondern dass es emotional berührt."

(Lisa Gerig über ihre Dokumentation 'Zaungespräche')

Als Teil der Gefängnisgruppe des "Solinetzes" besucht Lisa Gerig regelmäßig Inhaftierte, um ihnen zuzuhören und um ihre Isolation ein Stück weit zu durchbrechen. „Zaungespräche“ beschreibt die Situation der Inhaftierten, die unter strengen Haftbedingungen bis zu 18 Monate eingesperrt werden können. Eine Kamera durfte Lisa Gerig nicht mit ins Innere des Gebäudes nehmen. Also hat sie ihre Aufnahmen auf dem Weg dorthin oder auch davor gemacht – obwohl es nicht gern gesehen ist.

Gesichter sieht man kaum in „Zaungespräche“. Weder die Filmemacherin noch die Inhaftierten treten vor die Kamera. Trotzdem sieht man in den knapp 15 Minuten, dass Lisa Gerig das Schicksal der von der Abschiebung bedrohten Menschen nahe geht. Es gelingt ihr, die gesichtslosen Personen so zu porträtieren, dass ihre Ohnmacht gegenüber dem System auch für den Zuschauer nachvollziehbar wird.

"Das Grundrecht der Freiheit ist eine der größten Sachen, die wir haben. Und das so zu missbrauchen und wie mit diesen Menschen umgegangen wird, das macht mich sehr wütend. Wichtig ist aber auch: Das ist kein Schweiz-spezifisches Phänomen. In Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt es vergleichbare Orte. Aber in der Schweiz, wo immer die humanitäre Tradition hochgehalten wird, ist das dann doch noch mal erschreckender, wenn man das so unmittelbar sieht."

(Lisa Gerig im Gespräch mit Campus Cinema-Moderator Florian Kummert)

Gerne würde Lisa Gerig mit dem Finger auf jemanden zeigen, der Schuld an der Misere der Inhaftierten hat. Doch es gelingt ihr nicht. Das Gefängnispersonal ist nett, hilfsbereit und offen. Sie stößt an ihre Grenzen. Grenzen, die der Gefängniszaun nicht nur physisch festsetzt. Er steht unverrückbar zwischen Lisa, ihrem Anliegen und dem komplexen System von Abschiebung, Frustration und Freundschaft.

Über Lisa Gerig

Lisa Gerig, Jahrgang 1990, aufgewachsen im Kanton Zürich, studierte in Zürich und Genf Film mit der Vertiefung Schnitt. Ihr Abschlussfilm "Zaungespräche" erzählt auf radikal subjektive Weise von der Situation der Gefangenen im Zürcher Ausschaffungsgefängnis. Der Film gewann bei der Nonfiktionale Bad Aibling den Kamerapreis, erhielt den Dokumentarfilmpreis der Alexis Victor Thalberg-Stiftung und wurde am Filmschoolfest Munich 2015 mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Beim Filmschoolfest Munich 2016 war Lisa Gerig Mitglied der Hauptjury.

Seit ihrem Abschluss an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) arbeitet sie als freischaffende Filmemacherin und als Regieassistentin bei Thomas Imbach. Ihr laufendes Filmprojekt heißt "Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen". Darin geht es um fünf abgeschobene Flüchtlinge, die mittlerweile in allen Teilen der Welt leben – von Paris über Algerien, Nigeria, Gambia und der Schweiz. Sie erzählen von ihren Erlebnissen im Ausschaffungsgefängnis und wie es ist, wenn man inhaftiert ist, obwohl man kein Verbrechen begangen hat.  


7